Stand: 13.08.2015 14:15 Uhr  | Archiv

Wer bezahlt künftig schwierige Recherchen?

von Daniel Bouhs

Die Medienbranche steckt in der Krise. Zeitungen und Magazine verlieren Abonnenten. Damit fehlt immer öfter die Kraft für aufwendige Recherchen und Experimente. Hier springen nun zunehmend Stiftungen ein. Sie fördern einzelne Projekte, manchmal sogar ganze Redaktionen.

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Journalist Markus Grill war vorher beim "Spiegel". Jetzt wird der Rechercheur von einer Stiftung bezahlt.

Filmpremiere in einem alten Plattenbau im Osten Berlins. Markus Grill ist stolz: "Herzlich willkommen in der Redaktion von Correctiv. Für die, die uns noch gar nicht kennen: Wir sind ein gemeinnütziges Recherchebüro. Uns gibt es seit einem Jahr. Und was Ihr heute Abend seht, ist die aufwendigste Recherche, die wir bisher gemacht haben."

Ein Jahr lang haben Grill und seine Kollegen recherchiert, mit versteckten Kameras gedreht und Wilderer überführt. Es sind Projekte wie dieses, die Grill gelockt haben. Er hat für Correctiv, für das erste "gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum" einiges aufgegeben: Grill war Reporter beim "Spiegel". Dort habe er als Reporter und Autor auch noch 20 weitere Jahre bis zu seiner Rente bleiben können, sagt der Journalist: "Es gibt kein Medienunternehmen, das so gut bezahlt wie der 'Spiegel'." Stattdessen lockte ihn mit Correctiv "ein junges Unternehmen, wo man sehr viel gestalten kann". Wie viel Grill jetzt verdient, darüber will er noch nicht sprechen, nur so viel: Verschlechtert habe er sich nicht.

Drei Millionen Euro Budget von einer Stiftung

Insgesamt recherchieren etwa 20 Journalisten für Correctiv ausgiebig an rund 40 Themen. Das ist in dieser Form nur möglich, weil die Essener Brost-Stiftung die Redaktion mit weit über drei Millionen Euro finanziert. Correctiv soll damit unabhängig von Medienunternehmen arbeiten. In Deutschland ist dieses Konstruktion noch eine Ausnahme.

So arbeitet Corretiv

Das Redaktionsbüro finanziert sich durch Spenden von Stiftungen und Einzelpersonen und arbeitet nach eigenen Angaben nicht gewinnorientiert. Die Recherche-Ergebnisse der Journalisten werden dann - kostenlos - an Medien weitergegeben und dort sowie auf der Correctiv-Internetseite publiziert. Teilweise wird auch schon während der Recherche zusammengearbeitet. Außerdem initiiert Correctiv ein Bildungsprogramm, um Bürgern zu ermöglichen, sich selbst mit journalistischen Methoden Informationen zu beschaffen und für Transparenz zu sorgen.

"Wir sind hier ein relativ neues Phänomen. Wenn Du in die USA schaust, gibt es dort schon ungefähr 100 solcher gemeinnütziger Recherchebüros", sagt Grill. "Ich habe nicht den Eindruck, dass das ein Übergangsphänomen ist. Es ist eher eine Ergänzung des bisherigen Medienbetriebs."

Und das wird dringend gebraucht, meint auch Stephanie Reuter. Sie leitet die Hamburger Rudolf-Augstein-Stiftung, die bislang nur in Ausbildung und neue journalistische Projekte investiert hat. Inzwischen bitten aber auch immer mehr Rechercheure um Geld, weiß Reuter: "Das zeigt uns natürlich auch, dass dieser Bedarf tatsächlich wächst." Redaktionen würden zusammengelegt, Titel teilweise eingestellt. Auch bei der Rudolf-Augstein-Stiftung werde deshalb darüber nachgedacht, mehr Recherchestipendien zu vergeben. Ähnlich sieht es im Bereich der Auslandsberichterstattung aus: "Immer mehr Korrespondentenbüros werden geschlossen und dementsprechend haben wir den Eindruck, dass es sinnvoll und gut ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen." Derzeit, so schätzt Reuter, stecken Stiftungen hierzulande jährlich nur einen einstelligen Millionen-Betrag in den Journalismus.

Kooperationen mit Lokalzeitungen sind möglich

Grill sammelt mit seinen Kollegen sicherheitshalber auch anderweitig Geld: über Mitgliedschaften und per Crowdfunding im Internet. Dabei setzen sie auf einen gesunden Mix, damit Correctiv weiter wachsen kann. Die Idee sei zum Beispiel, vor Ort Missständen auf den Grund zu gehen, wenn Hinweise aus der Community kommen, dass beispielsweise in einer Kommune etwas nicht funktioniere: "Wir reiten dann sozusagen wie eine Task-Force in eine Stadt ein und zeigen - gerne in Kooperation mit der örtlichen Lokalzeitung -, wie man an Dokumente und Informationen rankommt." So könne man auch die Stadtverwaltungen "ein bisschen piesacken".

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NDR Info | 14.08.2015 | 07:50 Uhr