Stand: 21.10.2013 20:00 Uhr  | Archiv

"Er hat mich vernichtet"

von Nils Kinkel und Fiete Stegers
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"Matz ab"-Blogger Dieter Matz vom "Hamburger Abendblatt" haben die aggressiven User-Kommentare zermürbt.

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Nur im Internet vergessen das viele Fans und beleidigen, verletzen und verleumden. "Ich wurde als Nazi, als schwule Sau, als Hitler beschimpft und auch in die Nähe der Reichskristallnacht gerückt. Leider war ich in dem Fall total allein, es hat mir niemand geholfen", beschreibt Dieter Matz seine Erfahrungen.

Der Redakteur des "Hamburger Abendblatts" schreibt Deutschlands erfolgreichsten Fußballblog: Fast 20 Millionen Leser haben im vergangenen Jahr "Matz ab" gelesen. Bei den Diskussionen rund um den HSV haben sich aber einige Nutzer im Ton vergriffen. "Das hat mich so zermürbt, dann habe ich mir psychologischen Beistand gesucht und der Mann hat mir sofort untersagt, weitere Kommentare in meinem Blog zu lesen", sagt Matz.

Pöbelnder Arzt "hat mich vernichtet"

Der Reporter arbeitet seit 29 Jahren beim "Hamburger Abendblatt". In dieser Zeit hat er viele Leserbriefe bekommen, meistens mit einem Absender. Dagegen sind die anonymen Kommentatoren im Internet nur schwer zu identifizieren. Vergeblich hatte Dieter Matz beispielsweise versucht einen pöbelnden Arzt anzusprechen, nachdem dieser von anderen Usern enttarnt wurde: "Er hat sich zwei Nicknames ausgesucht. Ein Nickname hat mich vernichtet, der andere hat gesagt, so darfst du mit ihm nicht sprechen. Der hat mich so vernichtet. Dass so ein Mann, der eigentlich Leben retten soll als Doktor, dass der andere Menschen so verletzt."

Kommentare von Usern im "Matz ab"-Blog

"Was für ein hingehauener Scheißblog. Dazu noch die Kontroll-Nazis und die verstrahlten Rentner, fertig ist die Abendblatt-Klapsmühle. Matz, geh endlich in Rente."

"Blog-Nazis, verdreckte"

"Jesus, ist das ein Wichserblog geworden"

"Danke fuer die Zensur, Dieter und Stasi!"

"Zeit" und "Süddeutsche" verbannen Störenfriede aus Foren

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"Beschimpft worden sind wir schon immer", sagt "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Im Internet werden diese Störenfriede Trolle genannt. Doch nicht nur Fußballfans pöbeln im Netz. Auf fast allen Portalen wird in Foren beleidigt, zum Beispiel auch bei der "Hannoverschen Allgemeine Zeitung". Chefredakteur Hendrik Brandt beobachtet die Debatte aber relativ gelassen: "Beschimpft worden sind wir immer schon. Auch Leserbriefschreiber sind nicht immer besonders zimperlich, auch anonyme Anrufer gibt es jeden Tag."

Rechtlich gesehen sind Internetportale verantwortlich für beleidigende oder auch rassistische Kommentare ihrer Nutzer. Die Verantwortlichen sind aber auch genervt von der Diskussionskultur. Bei zeit.de oder sueddeutsche.de werden deshalb Beiträge gelöscht und Trolle gesperrt. Anders ließen sich Diskussionen nicht voranbringen, meint der Chefredakteur von sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger: "Wir haben die Schlussfolgerung gezogen, die Pöbler nicht mehr in den Diskussionsforen auftauchen zu lassen."

Erst registrieren, dann kommentieren

Beim "Hamburger Abendblatt" müssen sich beispielsweise alle Kommentatoren mit einer E-Mail-Adresse registrieren, bevor sie ihre Meinung bei "Matz ab" veröffentlichen dürfen. Wer trotzdem pöbelt, wird von dem Moderatoren-Team erst verwarnt und sieht danach die Rote Karte. Deshalb bloggt auch Dieter Matz wieder mit Freude: "95 Prozent der Leser sind gut, aber die fünf Prozent, die alles vernichten, die attackieren ja nicht nur mich, sondern auch andere User. Die trüben das ganze Bild, aber ich werde bestimmt mit vielen Leuten bis an mein Lebensende befreundet bleiben."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 22.10.2013 | 07:20 Uhr

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