Stand: 23.05.2014 10:30 Uhr  | Archiv

Mit geheimen NSA-Dokumenten an der Obsttheke

von Fiete Stegers

Er war einer der Journalisten, dem Informant Edward Snowden vor rund einem Jahr in einem Hotelzimmer in Hongkong die geheimen NSA-Dokumente anvertraute. Seitdem sorgt er mit immer neuen Enthüllungen für Aufsehen: Glenn Greenwald. Am Donnerstag sprach er in Hamburg auf Einladung der "Zeit" über seine Arbeit, sein Buch zu den NSA-Enthüllungen - und die Wirkung haben.

"Edward Snowden schärfte mir ein, ich müsste die Dokumente immer bei mir tragen. Also hatte ich bis vor zwei Monaten die Datenspeicher immer im Rucksack. Auch beim Einkaufen im Supermarkt. Wenn ich mich über die Obsttheke beugte, musste ich manchmal über die absurde Situation lachen", erzählt Glenn Greenwald.

Greenwald kann also noch lachen. Auch wenn er voller Zorn über die von ihm und seinen Kollegen enthüllten umfassenden Überwachungsprogramme der Geheimdienste NSA und GCHQ spricht - und über die Chuzpe, mit der US-Offizielle diese seiner Ansicht nach bis heute leugnen.

Und dann wurde Greenwald gefragt, welche Enthüllungen nach seiner Buchveröffentlichung noch zu erwarten sind. Die Antwort klingt vielverprechend: Da gebe es weiterhin eine ganze Menge Informationen, die Zeit für die journalistische Aufbereitung bräuchten, sagt Greenwald. Unter anderem wolle er noch zeigen, welche Personen besonders im Visier der NSA-Überwachung stünden.

"Die Öffentlichkeit ist nicht NSA-müde"

Anders als manche Fragesteller aus dem Hamburger Publikum glaubt Greenwald auch nicht, dass die Veröffentlichungen über die Geheimdienste verpuffen oder dass die Öffentlichkeit inzwischen von immer neuen NSA-Enthüllungen erschöpft sei: "Die US-Sicherheitsdienste sind ein sehr mächtiger Komplex. Er verändert sich nicht über Nacht. Aber hunderte Millionen Menschen sehen die Geheimdienste jetzt anders als vor einem Jahr. Die Auswirkungen der NSA-Berichterstattung sind größer als Edward Snowden, Laura Poitras und ich es je erwartet hätten."

"Besser als in einem amerikanischen Käfig"

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Greenwalds Zuhörer in Hamburg forderten Asyl für Snowden in Deutschland.

Snowdens größte Angst sei es gewesen, dass seine Enthüllungen keine Aufmerksamkeit finden würden, sagt Greenwald. Unmittelbar vor seinem Auftritt in Hamburg hatte er den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter gerade im Asyl in Moskauer Aysl besucht. "Snowden geht es erstaunlich gut. Er kann sich in Moskau frei bewegen - und sieht aus wie ein Austauschstudent aus Iwoa." Die Hauptsache sei, dass sich der von den USA als Verräter gesuchte Ex-Geheimdienstemitarbeiter "nicht in einem amerikanischen Käfig" befände.

"Ob Snowden den Rest seines Lebens in Moskau verbringen musst, hängt stark davon ab, was in Deutschland passiert - und in Brasilien", sagt Greenwald, der selbst in Brasilien lebt. In beiden Ländern gibt es eine große öffentliche Diskussion über die Bespitzelung von Bürgern und Politikern durch die NSA und Forderungen, Snowden Asyl zu gewähren.

Nach seinem Auftritt musste Greenwald gleich weiter - er war am Donnerstagabend zu Gast bei Reinhold Beckmann im Ersten.

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