Sendedatum: 24.10.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Filtersoftware für Jugendschutz

Pornoseiten, Gewaltexzesse, sogar Video-Mitschnitte von Hinrichtungen - im Internet gibt es alles. Auch Kinder können diese Inhalte bislang oft problemlos finden und anschauen. Jugendschutz im Netz ist deshalb ein wichtiges Thema. Lange ist hier wenig passiert. Doch jetzt gibt es angeblich wirksame Filterprogramme, anerkannt von der Medienaufsicht. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Jugendschutz allerdings als Feigenblatt.

Screehshot einer Camgirl-Homepage.

ZAPP

Ein Film von Ada von der Decken.

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Jugendschutz im Netz. Für das Familienministerium ein wichtiges Thema: Kristina Schröder (CDU) startet  Initiative "sicher online gehen. ": "Gerade weil sich Kinder schon im Vorschulalter für das Internet interessieren, wünschen Eltern sich sichere  Surfräume, in denen die Kinder vor Konfrontationen geschützt sind, die ihre Entwicklung beeinträchtigen können." (7.7.2012)

Eine breite Allianz aus Politik und Wirtschaft feiert zwei neue Jugendschutzprogramme. Sie sollen gefährliche Inhalte im World Wide Web für Kinder blockieren. Eltern sollen die Jugendschutzsoftware herunterladen und an das Alter ihrer Kinder anpassen. Zahlreiche private Fernsehender bewerben mit Spots die Programme: "Im Netz achtet ihr Kind auf alles. Achten Sie auf ihr Kind: Jugendschutzsoftware hilft ihnen dabei. Jetzt informieren auf 'sicher-online-gehen.de'."

Die Erziehungswissenschaftlerin Karla Etschenberg: "Wir haben lange darauf gewartet. Seit dem Jahr 2003. Und man sollte ja annehmen, dass jetzt etwas qualitativ Hochwertiges dabei rausgekommen ist, nachdem es so lange gedauert hat."

Auf Handys funktioniert die Filtersoftware nicht

Aber was lange währt, ist nicht immer hochwertig. Denn beide Jugendschutzprogramme weisen Lücken auf, große Lücken:  Sie funktionieren z.B. nur auf Windows-Rechnern, nicht auf anderen Betriebssystemen. Das bedeutet auch auf mobilen Endgeräten, auf Smartphones, funktioniert diese Art von Jugendschutz nicht.

Holger Bleich, Redakteur "c’t-Magazin": "Die Kinder haben heutzutage iPhones, die Kinder haben zumindest iPods die auch schon WLAN-Zugang haben. Es gibt so viele internetfähige Handys, Geräte, die 10-/12- jährige Kinder schon auf dem Schulhof haben und damit auch fleißig in der Pause surfen. Dafür gibt es keinen Jugendschutz."

Selbst bei festinstallierten Windows-Rechnern lassen sich die Programme kinderleicht umgehen,  über so genannte Proxyserver, eine technische Umleitung, vielen Kindern und Jugendlichen wohlbekannt.

Holger Bleich, Redakteur "c’t-Magazin": " Meiner Ansicht nach ist das grob fahrlässig. Denn es wird eine Sicherheit suggeriert, die einfach nicht vorhanden ist. Also die Filter funktionieren nicht richtig, und der Schutz ist nicht umfassend. Also erstens lässt er sich leicht umgehen, zweitens umfasst er nicht alles."

Denn Filme auf Youtube zum Beispiel werden durch die Programme nicht immer geblockt. Die Initiative "sicher online gehen" stellt diese Nachteile nicht in den Vordergrund. Die Familienministerin Schröder hatte leider  keine Zeit für ein ZAPP Interview. Die Kritik an dem Programm beantwortet das Ministerium so: "...Dies liegt nicht in der Verantwortung des Bundesfamilienministeriums. Anliegen des Bundesministeriums ist ein möglichst gutes Schutzniveau."

Aber bitte keine Verantwortung. Es folgt ein Verweis auf eine andere Institution: die KJM, die Kommission für Jugendmedienschutz. Hier wurden die Programme offiziell anerkannt.

Der Vorsitzender der KJM Siegfried Schneider meint: "Also ich bin froh und dankbar, wenn wir ein besseres Programm haben. Wir haben aber derzeit kein besseres Programm, also müssen wir das nutzen, was derzeit technisch möglich ist und was auch von uns angemahnt wird, dass es umgesetzt wird. (...) Ich hielte es für noch schwieriger zu sagen, es gäbe etwas, aber weil es noch nicht optimal ist, verzichten wir auf den Schutz, damit weder wir den Kindern und Jugendlichen keinen Gefallen tun. "

Neuer Filter, weniger  Schutz

Aber ein schlechter Filter ist schlechter als gar keiner, denn er wiegt Eltern und Kinder in falscher Sicherheit. Einen großen Gefallen dagegen tut die KJM damit den Anbietern erotischer und jugendgefährdender Inhalte. Denn für sie verbessert sich vieles:  Bisher durften Erotikseiten ab 16-Inhalte nur zwischen 22 und 6 Uhr zeigen und mussten Altersnachweise verlangen. Mit der Anerkennung der Filterprogramme durch die KJM fallen diese Auflagen weg. Für die Anbieter wird es damit wesentlich einfacher: Sie müssen nur noch ihre Seiten mit einem Alterslabel versehen. Und für alle Kinder, deren Eltern keinen Filter installieren, wird die Internetwelt sogar noch gefährlicher. Für sie sind die Anbieter raus aus der Verantwortung.

Holger Bleich, Redakteur "c’t-Magazin": "Das ist der ganze Knackpunkt. Das geht nur darum, wie schaffe ich es als Anbieter von erotischen Inhalten, dass meine Inhalte für diejenigen die sie sehen wollen, 24 Stunden am Tag verfügbar sind, und dass ich so, dass ich so nicht Nutzer verliere, weil ich zu bestimmten Zeiten die Inhalte nicht anwählen kann"

Entwickelt wurde die Software zum großen Teil von Vertretern der Erotikbranche

JusProg heißt eines der beiden Jugendschutzprogramme. Und es ist sicher kein Zufall, dass hinter JusProg unter anderem Anbieter aus der Erotikbranche stehen. Zum Beispiel Orion oder Beate Uhse.

Karla Etschenberg erläutert: "Wenn man dahinterkommt, dass das von einem Verein verantwortet und entwickelt worden ist, der vorwiegend oder fast ausschließend von Vertretern der Erotikbranche im Internet sich zusammensetzt. Dann, das irritiert ein bisschen, ja gelinde gesagt. Und dann fragt man sich natürlich auch: Könnte es sein, dass aus diesem Verein heraus, etwas entwickelt worden ist, was nicht nur dem Jugendschutz dient, sondern vielleicht auch dem eigenen Schutz ein bisschen dient."

Zu dieser Frage äußert sich JusProg-SprecherStefan Schellenberg ZAPP gegenüber schriftlich: "...Hier wird nicht der Bock zum Gärtner gemacht, sondern die Kompetenz und Agilität der Internet-Branche für den Jugendschutz genutzt."

Die Politik bezeichnet das als regulierte Selbstregulierung, die Branche weiß es zu nutzen. 

Holger Bleich, Redakteur "c’t-Magazin": "Hinter JusProg stecken knallharte wirtschaftliche Interessen, insbesondere der Erotiklobby und der Erotikbranche. Das mag durchaus berechtigt sein, allerdings wird man ganz gerne mal: Ah, wir sind so nett und wir bei den Eltern helfen. Ich glaube das ist nicht das Hauptansinnen dieses Vereins, sondern das Hauptansinnen ist es dem Diktat der regulierten Selbstregulierung gerecht zu werden ohne sich dabei groß einen abzubrechen. Und das kann man eben am einfachsten, wenn man die Verantwortung zur Filterung eben nicht mehr selber hat als Erotikbranche, sondern wenn man sie mit diesen so genannten Nutzer autonomen Filter, die man ja fleißig entwickelt und die nie zugelassen wurden, an die Eltern abschiebt."

Daran beteiligen sich die Familienministerin, ein breites Bündnis für den Jugendschutz und die Kommission für Jugendmedienschutz. 

Karla Etschenberg: " Wissen Sie das Wort Jugendmedienschutz ist doppeldeutig. Sie können sagen, Jugendmedienschutz ist dazu da, die Jugendlichen zu schützen. Sie können es aber auch so verstehen, vor allem wenn sie Realität sich angucken: Hier werden die Medien geschützt."

Jugendschutz im Netz ist schwer zu leisten,  lückenhafte Filterprogramme sind auf jeden Fall der falsche Weg.

 

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.10.2012 | 23:20 Uhr

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