Stand: 10.04.2015 10:30 Uhr

Der Wilde Westen der Internet-Augenzeugen

Bild vergrößern
Dieses Video zeigt nicht den Germanwings-Absturz.

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen kursierten in den sozialen Netzwerken schnell Fotos und ein Video der abgestürzten Maschine. Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren alle nicht echt, sondern stammten von älteren Unglücken. Zum Glück ließen sich die Journalisten nicht davon narren. Anders bei einem Foto, dass angeblich den Kopiloten der abgestürzten Maschine zeigte - in Wirklichkeit aber einen vollkommen unbeteiligten Mann, der nur zufällig einen ähnlichen Namen hatte. Auch deutsche Medien verbreiteten das Bild weiter, dass sie im Netz entdeckt und nicht sorgfältig genug geprüft haben. Dabei hätten die Redaktionen eigentlich gewarnt sein müssen: Hatte Deutschland nicht kurz zuvor noch über den angeblich gefälschten, aber dann doch echten Mittelfinger des griechischen Finanzministers diskutiert?

Social Media als "Wilder Westen" des Journalismus

Bild vergrößern
Expertin Sargent: "In Redaktionen fehlen Standards zum Umgang mit Material von Augenzeugen."

Zur Verifikation von Quellen und Bildern aus dem Internet hat Expertin Jenni Sargent in Hamburg kürzlich einen Vortrag gehalten - auf einer Fortbildungsveranstaltung für Journalisten, organisiert vom European Center for Journalism und Google. "Der Umgang von Medien mit den Inhalten von Augenzeugen ist wie im Wilden Westen", meint Sargent. Noch hätten sich in vielen Redaktionen keinen festen Regeln ausgebildet. Wann werden Quellen auf welche Art genannt, wie der Wahrheitsgehalt überprüft? Dabei greifen Redaktionen spätestens seit dem Tsunami 2004 immer stärker auf YouTube-Videos, Facebook-Fotos und Tweets zufälliger Zeugen oder Betroffenen zurück, wenn es bei Unglücken, Katastrophen oder in anderen Ausnahmesituationen nur wenig andere Informationsquellen gibt. "Aber Journalisten haben Angst vor dem V-Wort", konstatiert Sargent: vor der Verifikation von Internetquellen.

Unerfahrene Journalisten und überforderte Augenzeugen

"Häufig werden in Redaktionen die jüngsten und unerfahrensten Mitarbeiter damit betraut, Bilder und Infos aus sozialen Netzwerken zu überprüfen. Nach dem Motto: Du kennst dich doch mit dem Internet aus ...", kritisierte Sargent in Hamburg. Ihnen fehle dafür aber möglicherweise die journalistische Erfahrung, um Bilder und die möglichen Folgen ihrer Verwendung bewerten.

Umgekehrt seien Menschen, die unerwartet zu Augenzeugen geworden sein, in dieser Situation überfordert und könnten nicht unbedingt einschätzen, was es bedeutet, wenn ein von ihnen gemachtes Foto von den Medien aufgegriffen wird und plötzlich überall zu sehen ist. Als Beispiel nannte Sargent einen Mann, der aus seinem Fenster ein Foto vom Anschlag auf das französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo" machte. Bei Twitter wurde er daraufhin von Medien mit "Können wir ihr Foto verwenden?"-Anfragen überhäuft und antwortete nur noch lapidar mit "ok".

Redaktionen meinen: Benutzung ist schon in Ordnung

Dabei sei eine solche knappe Einwilligung juristisch von zweifelhaftem Wert, sagt Sargent. Aber auch das andere Extrem komme vor: Redaktionen, die sich via Twitter gleich das zeitliche unbeschränkte Nutzungsrecht in jeglichem Medium einräumen lassen wollen. Positiv sei dagegen, dass der Augenzeuge immerhin nach seinem Einverständnis gefragt wurde. In vielen Fällen gehen Redaktionen einfach stillschweigend davon aus, dass jemand, der ein etwas in einem sozialen Netzwerk postet, mit dessen Weiterverwendung einverstanden ist - Urheberrecht hin oder her.

Bild vergrößern
Silverman kritisiert: Spektakuläre Gerüchte werden auch von Journalisten gerne weiter verbreitet - Korrekturen häufig nur sehr zurückhaltend.

Es kommt sogar vor, dass Journalisten selbst in sozialen Netzwerken Inhalte Dritter weiterverbreiten und den Eindruck erwecken, selbst der Urheber zu sein. Dabei sei höchste Sorgfalt gefragt, um die Glaubwürdigkeit der Medien nicht zu beschädigen. Denn im Social-Media-Zeitalter gebe es "mehr Augenzeugen, aber auch mehr Manipulation und Propaganda" im Netz, sagte Sargent.

"Zehn Minuten für den Quellencheck"

Für normaler User, die Gerüchte im Netz weiterverbreiten, hat Craig Silvermann durchaus Verständnis: "Das ist nicht immer bös gemeint, sondern es ist natürliches menschliches Verhalten. Menschen halten den Inhalt für wichtig oder wünschen sich, dass er wahr wäre." Mit Journalisten ging Silverman, Herausgeber des "Verification Handbook", in Hamburg dagegen hart ins Gericht - und machte ihnen zugleich Mut. In den meisten Fällen reichten nur zehn Minuten Gegenrecherche, um die Glaubwürdigkeit eines Fotos oder eines Gerüchts einigermaßen beurteilen zu können. Dafür gab Silverman den Teilnehmern der Veranstaltung in seinem rasanten Vortrag zahlreiche Strategien und Links mit auf den Weg. Darunter auch einen vermeintlich offensichtlichen, aber häufig ignorierten Tipp: "Treten Sie mit der Quelle selbst in Kontakt!"

Geschichten, die einfach zu gut sind

Bild vergrößern
Eine Zeitung warnt auf Twitter vor einem gefälschten Bild.

Für besonders schädlich hält Silverman den Umgang von Journalisten mit "unglaublichen Geschichten, die aber zu gut sind, um sie nicht weiter zu verbreiten" - etwa die Meldung über die Frau mit angeblich drei Brüsten. Zahllose Medien griffen sie auf. Klar, eine solche vermeintlich spektakuläre Meldung erregt die Neugier der Zuschauer, User oder Leser (und der Journalisten). Manchmal würden solche Storys von Redaktionen verschämt in Frageform gekleidet oder in einen zarten Konjunktiv gesetzt - aber viel zu selten gegenrecherchiert. Auch wenn sich Geschichte später als falsch herausstelle, würde das online häufig nur in einem Satz ergänzt, während die Überschrift weiter den zweifelhaften Kern der ursprünglichen Meldung transportiere. "Und Überschriften sind das, was sich in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet", sagt Silverman. Er rät Journalisten: Lieber mehr Zeit in die Gegenrecherche investieren und dann dadurch heraus stechen, dass man die ursprüngliche Meldung mit einem eigenen Bericht widerlegt.

Links

Sozialgeschnatter

Journalist Peter Jebsen hat die wichtigsten Tweets zur Verifikations-Fortbildung in Hamburg gesammelt. extern

Genau da liegt aber die Krux, für die die Experten auch keine Lösung anbieten konnten: Nachrichtenredaktionen sehen sich im Zeitalter des Echzeitjournalismus einem enormen Druck ausgesetzt, schnell Informationen und Bilder anbieten zu können. Das steht diametral im Gegensatz zu einer sorgfältigen Überprüfung von Quellen.

Mit fünf Fragen Foto-Fakes entlarven

N-JOY

"Wow, ist das echt?" Ob angebliche Fotos des Germanwings-Absturzes oder spektakuläre Sturm-Aufnahmen: Diese Tipps helfen zu erkennen, ob Bilder im Netz gefälscht sind. mehr