Stand: 10.10.2013 15:12 Uhr  | Archiv

"Huffington Post" startet in Deutschland

Vom Mediensterben haben wir in letzter Zeit häufig berichtet, wenn eine Zeitung geschlossen wurde. Seit Donnerstag erscheint aber eine neue Zeitung. Nicht auf Papier, sondern nur online. Die "Huffington Post", die in den USA sehr erfolgreich ist und den Pulitzer-Preis erhalten hat. Zu den Gast-Autoren zählen Kofi Annan und Barack Obama - und Tausende Blogger, die für ihre Arbeit keinen Cent bekommen. Zum Start der deutschen Ausgabe - mit Gast-Beitrag von Boris Becker - tobt daher ein Streit in Blogs und sozialen Netzwerken. Und auch am Design der Internetseite störten sich am Starttag viele professionelle Beobachter im Netz.

Von Simon Kremer

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Das Webdesign ist eher schlicht gehalten: Die "Huffington Post Deutschland".

Die E-Mail schmeichelte Kai Petermann zunächst: Ob er als Blogger und Experte nicht auch zum Start der deutschen "Huffington Post" über Design, Möbel und Wohnen schreiben wolle - mit exklusiver Erstverwertung. "Dafür würde ich dann Backlinks bekommen, die auf meine Seite führen", erzählt Petermann. Ein Backlink als Bezahlung, eine Verlinkung auf seinen privaten Blog "Stilsucht". Kai Petermann schrieb zurück, dass er den Vorschlag gerne an seinen Bäcker, den Tankwart und die Telekom weitergeben werde. Vielleicht würden die das ja auch bei seinem nächsten Einkauf akzeptieren.

"Anti-Geschäftsmodell des Journalismus"

Der offene Brief von Kai Petermann löste in den sozialen Netzwerken einen Shitstorm mit wüsten Beschimpfungen gegen die Pläne der "Huffington Post" aus. Namhafte Blogger und Journalisten machten ihrem Unmut Luft, der Chef des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, bezeichnete die "Huffington Post" als "Anti-Geschäftsmodell des Journalismus". Denn mit den versprochenen Verlinkungen sei das so eine Sache. "Ich hatte vor ein, zwei Jahren mal einen Backlink auf einem sehr großen deutschen Nachrichtenportal - und das, was da an zusätzlichem Traffic kam, war sehr überschaubar", sagt Petermann. "Die Leute klicken nicht auf diese Links."

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Ein Grüßaugust und leckere Brezel

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Die deutsche "Huffington Post" hat zum Start noch keinen richtigen Chefredakteur, dafür aber schon mal einen älteren Turnschuhträger als Editorial Director: Cherno Jobatey. mehr

Eine Plattform für Meinungen und Ideen

Der neue Chefredakteur der "Huffington Post", Sebastian Matthes, versucht, die Emotionen wieder einzuholen. Er warb im Deutschlandradio für das Modell der so bezeichneten "Engagement"-Plattform, auf der neben klassischen Nachrichten, prominent Blog-Einträge stehen. "Die 'Huffington Post' macht Menschen, die sich intensiv mit Themen auseinandersetzen, das Angebot, ihre Meinung und ihre Ideen auf einer Plattform zu veröffentlichen - seien es Hobbyköche, Wissenschaftler, Designer oder Sportler", sagte Matthes. Allerdings könne er nicht garantieren, dass die Texte auch gelesen würden und sich der Aufwand lohne. "Es wird nach dem Start sicher einige Blogger oder Gastautoren geben, die enttäuscht sind, dass sie nicht so viel Reichweite hatten."

"Die Aufgeregtheit ist nicht nachzuvollziehen"

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Thomas Knüwer kann die Aufregung um unbezahlte Beiträge nicht nachvollziehen.

Medienblogger Thomas Knüwer hält die ganze Diskussion für eine extrem deutsche Debatte: "Diese Beschimpfung und diese wilde Aufgeregtheit kann ich ehrlicherweise nicht ganz nachvollziehen, weil die 'Huffington Post' ja kein überraschendes Angebot ist. Es ist ein Angebot, das so ja auch schon in mehreren anderen Ländern existiert und dort erstaunlicherweise funktioniert." Aber auch dort gab es Proteste. In den USA zum Beispiel, als die vormals freie "Huffington Post" vor ein paar Jahren an AOL verkauft wurde - für mehr als 300 Millionen Dollar. In Deutschland sehen viele Blogger ein ähnliches Problem: Denn hinter der deutschen "Huffington Post" steht mit der Tomorrow Focus AG ein finanzstarkes Medienunternehmen.

Knüwer sieht das Geschäftsmodell positiv. "Die Entlohnung in Form von Aufmerksamkeit ist eine Form von Entlohnung, bei der sich jeder dafür entscheiden kann, ob er es macht oder nicht. Ich selbst merke ja bei meinem Blog, dass die Aufmerksamkeit dazu führt, dass ich Anfragen bekomme für Vorträge." Beide Seiten würden letztendlich profitieren.

Ein neuartiges Projekt

Blogger Karsten Lohmeyer wird einer der ersten Gast-Autoren sein, der zum Start der "Huffington Post" für die Webseite schreibt. Er beschäftigt sich mit seinem Medienblog "Lousy Pennies" mit der Frage, wie im Internet überhaupt Geld mit Nachrichten verdient werden kann. "Ich bin nach wie vor kritisch eingestellt. Und man muss sehen, ob das ein einmaliges Gastspiel bleiben wird", sagt Lohmeyer. "Auf der anderen Seite bin ich mit ganzem Herzen Medienmacher und die 'Huffington Post' ist für mich eins der spannendsten Projekte der letzten Jahre." Es sei eines der ersten Medienangebote, das nicht mehr im klassischen Tageszeitungsdenken verhaftet sei.

Netz-Stimmen zum Start der "HuffPost"

  • "In drei Jahren wird die 'Huffington Post' Deutschland Teil der nationalen Debatte sein."

    Arinna Huffington, Gründerin

  • "Die Huffpostde ist endlich online. Aber wie. Dezent geht anders."

    Turi 2, Medienblog

  • "Hinter jedem großen Satz bei der #HuffPostDE verbirgt sich also ein ganzer Artikel, unübersichtlich. Riesige Überschrift sieht wie BILD aus."

    Jan Wienken, Student und Grünen-Politiker, Göttingen

  • "Sieht ein bisschen so aus, aus würden auch unbezahlte Webdesigner für die #HuffPostDe arbeiten."

    Jörg Breithut, freier Journalist

  • "Das passiert selten, aber beim Anblick der #Huffingtonpost versagt sogar mir der Spott."

    Don Alphonso, Blogger u. a. bei der "FAZ"

  • "Aufregung über hässliches Design ist Quatsch, weil die #HuffpostDe so aussieht wie ihr US-Vorbild: erwartbar, daher langweilig."

    Philipp, Student

  • "Scheint inhaltlich ja nicht so schlecht sein zu können, wenn die meisten Einwände sich auf das schlichte Design beziehen."

    Matze T., Webentwickler

  • "Ich wünsche der HuffPostDE einen guten Start und bin gespannt was uns so erwartet!? Toi, toi, toi"

    Alexander Hahn, Junge Liberale

  • "Sehr gespannt auf Performance der #huffpostde. Das Modell wird auch in GER funktionieren, Promiflash zeigt es seit Jahren."

    Marcel Duee, Startup-Unternehmer

  • "Die HuffPostDE sollten wir erst einmal starten lassen und dann urteilen. Allerdings sind deren Ziele sehr ambitioniert."

    Andreas Wollin

  • "Es ist ja auch symptomatisch, dass die Arbeitsministerin von der Leyen auf einer Seite publiziert die für Arbeit nicht bezahlt."

    Yannick Haan, SPD-Politiker

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Das Ende der Bezahlschranken?

Im Grunde geht es auch um die Frage: Wie finanziert sich Journalismus im Internet? Laut dem Bund Deutscher Zeitungsverleger setzen aktuell 55 Zeitungen bei ihren Web-Auftritten auf Bezahlschranken. Die "Huffington Post" setzt bewusst auf kostenlose Informationen. "Der Anfang der 'Huffington Post' ist das Ende der Paywalls in Deutschland - und dabei haben die noch gar nicht richtig angefangen", meint Blogger Lohmeyer.

Die "Huffington Post" hat sich große Ziele gesetzt: Sie will in den kommenden zwei Jahren eine der führenden deutschen Nachrichtenseiten werden - neben "Spiegel Online" und "Süddeutsche.de". Unzählige Blogger sind im Vorfeld angeschrieben worden. Knapp 50 schreiben zum Start für sie. Die anderen begleiten das neue Medium entsprechend kritisch - in ihren eigenen Blogs.

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