Sendedatum: 21.10.2013 22:45 Uhr  | Archiv

Ist Cybermobbing auch ein Geschäft?

von Maryam Bonakdar

Was es früher nur auf dem Schulhof gab, findet heute auch online statt: Mobbing. Peinliche Fotos und Videos werden ins Netz gestellt, das Opfer kommt an den virtuellen Pranger und erhält wüste Beschimpfungen per SMS und über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Wer betroffen ist, der leidet und bekommt Angst bis hin zu Depressionen.

Was gezieltes Cybermobbing ist, was harmlose Stichelei, ist oft schwer zu unterscheiden. Damit man wirklich von Cybermobbing sprechen kann, müssen mehrere Personen ihr Opfer bewusst, systematisch und regelmäßig schikanieren. Diese Betroffenheit herauszufinden, ist schwierig - auch für viele Studien. In der derzeit umfangreichsten Erhebung vom Bündnis gegen Cybermobbing heißt es: Etwa jeder fünfte Jugendliche sei Opfer. Ist Cybermobbing der ständige gefährliche Begleiter im Kinderzimmer? Einige Experten vermuten, dass hier übertrieben wird. "In der Studie wird nicht wirklich herausgearbeitet, ob man Opfer von Cybermobbing ist, sondern es wird gefragt: 'Bist du schon mal im Internet beleidigt worden?' Wenn ich mich jetzt offline vor eine Klasse hinstelle und frage: 'Bist du in deinem Leben schon mal beleidigt worden?', dann hätte ich wohl eine Betroffenheitsquote von 90 Prozent", sagt Medienpädagogin Angelika Beranek.

Fragwürdige Zusammenhänge der Studie

Durchgeführt wurde die Studie vom Cobus Markt- und Meinungsforschungsinstitut. Der Geschäftsführer ist Uwe Leest, derselbe Mann, der auch Vorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing ist. Er ist also zugleich Auftraggeber und Macher der Studie. Und nicht nur das. Die Studie wurde vom Versicherungskonzern ARAG finanziert - und dieser Konzern verkauft eine Rechtsschutz-Versicherung gegen Cybermobbing.

Ist Cybermobbing also auch ein Geschäft? 1.500 Internet-Policen werden laut ARAG im Monat verkauft. Was ist von einer Studie zu halten, die von einer Versicherung finanziert wurde, die solche Policen verkauft? Das Bündnis gegen Cybermobbing schreibt dem Kulturjournal auf Nachfrage: "Die ARAG hatte zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf die Inhalte oder die Ergebnisse der Befragung genommen. Wir sehen keine Beeinträchtigung der Unabhängigkeit."

Medienkompetenz als Prävention

Statt auf Versicherungen setzt Angelika Beranek auf Medienkompetenz. Die Kinder sollen erst gar nicht Opfer von Cybermobbing werden. Die Tipps: Passwörter nicht verraten, keine privaten Bilder ins Netz, bei Mobbingattacken Beweise sammeln. Aufklärung ist der beste Schutz.

Cybermobbing ist ein Problem, das man ernstnehmen muss. Doch es bringt den Opfern nichts, das Thema aufzubauschen oder mit ihm Geschäfte zu machen. Jugendliche müssen wissen, was ihnen im Netz drohen kann - und vor allem lernen, damit umzugehen.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 21.10.2013 | 22:45 Uhr

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