Stand: 30.03.2016 10:34 Uhr

"Journalismus muss auch Lösungen aufzeigen"

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Die drei Gründer von "Perspective Daily" wollen den konstruktiven Journalismus in Deutschland etablieren: Bernhard Eickenberg, Maren Urner und Han Langeslag (von links nach rechts).

Berichten Medien zu viel über die Probleme der Welt und zu wenig über Fortschritte und Lösungen? Drei Wissenschaftler wollen das mit einem Magazin für "konstruktiven Journalismus" ändern. Damit die Idee Wirklichkeit wird, hatten sich die Gründer von "Perspective Daily" ein Ziel gesetzt: Bis Ende März sollten 12.000 Unterstützer für 42 Euro im Jahr zahlendes Mitglied des Projekts werden. Das hat geklappt: 12.371 Unterstützer waren es am Ende. Jetzt soll "Perspektive Daily" Ende Mai starten, wie Gründer Bernhard Eickenberg sagt. Schon zuvor hatte er im Interview mit NDR.de erklärt, was ihn und seine Mitstreiter an vielen Medien stört und was sie besser machen wollen.

Herr Eickenberg, Sie suchen gerade Unterstützer für Ihr Projekt. Erklären Sie doch bitte mal, was "Perspective Daily" sein soll?

Bernhard Eickenberg: "Perspective Daily" wird das erste werbefreie, konstruktive und lösungsorientierte Online-Medium in Deutschland. Wir wollen damit einen Journalismus bieten, der nicht nur Probleme aufzeigt, sondern auch fragt: Wie kann es weitergehen?

Können Sie mal an einem aktuellen Beispiel veranschaulichen, wie Sie "konstruktiv" darüber berichten würden?

Eickenberg: Nehmen wir ein Thema, das unserer Ansicht nach viel zu selten auf Seite 1 steht: Schaffen wir es, den Klimawandel abzuschwächen und uns an die Folgen rechtzeitig anzupassen? Und wenn ja, wie? Gerade hier kann konstruktiver Journalismus viel beitragen. Es gibt viele verschiedene Lösungsansätze, wie allein der CO2-Ausstoß reduziert werden kann - wir müssen sie vorstellen und diskutieren: Welche sind sinnvoll und welche Kosten kommen auf uns zu? Planen wir langfristig oder kurzfristig?

Wichtig ist auch, dass wir zeigen, dass Klimawandel kein reines Umwelt-Thema ist, sondern viele andere Ressorts betrifft. Europa stöhnt schon wegen ein paar Millionen Flüchtlingen. Wenn der Klimawandel eintreten sollte, sind weit mehr zu erwarten. Wie können wir uns dafür wappnen oder es möglichst verhindern? Es wird einfach Zeit, sich diesen Fragen zu stellen, statt nach Schuldigen zu suchen.

Ihrer Meinung nach berichtet der Journalismus also zu viel über Probleme und zu wenig über Positives und Problemlösungen? Aber ist das nicht gerade die Aufgabe des Journalismus, Probleme sichtbar zu machen?

Eickenberg: Ja, ist es. In seiner gesellschaftlichen Wächter-Funktion muss Journalismus Probleme aufspüren und darüber berichten. Aber Journalismus soll seinen Konsumenten auch ermöglichen, sich ein realistisches Bild von der Welt zu machen. Dazu zählt auch, nicht nur über das zu reden, was schief läuft, sondern auch zu zeigen, was gut läuft und wo es in den letzten Jahren und Jahrzehnten Fortschritt gegeben hat. Umfragen zeigen immer wieder, dass das Weltbild der meisten Menschen viel zu negativ ist.

Der starke Fokus vieler Medien auf negative Nachrichten führt Studien zufolge bei vielen Menschen zu Stress, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Passivität. Die Menschen wenden sich von den Problemen und von den Medien ab. Ein Eindruck, den uns unserer Mitglieder und andere Journalisten bestätigen Um das zu verhindern, müssen wir beides tun: Probleme sichtbar machen, aber genauso auch die möglichen Lösungswege.

Journalisten etablierter Medien sehen sich derzeit großen Zweifeln an Ihrer Glaubwürdigkeit ausgesetzt - Stichwort "Lügenpresse". Was bedeutet das für Ihren Ansatz?

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Eickenberg: Die Lügenpresse-Debatte beruht unserer Ansicht nach auf anderen Aspekten als unsere Medienkritik, aber vermutlich gibt es Parallelen. Aber ja, nicht zuletzt aufgrund dieser Debatte ist uns Glaubwürdigkeit bei "Perspective Daily" sehr wichtig. Das wollen wir zum einen über unsere fachlich qualifizierten Autoren erreichen, die ihre Themengebiete kennen und von uns genug Zeit für eine saubere Recherche bekommen. Das hebt die Qualität der Beiträge. Zum anderen setzen wir auf Transparenz: Alle Quellen werden im Text genannt und verlinkt. Wenn wir Fehler machen, korrigieren wir sie offen und nachvollziehbar.

Wer sind Ihre Unterstützer? Sicher nicht die normalen Zeitungsleser, die gerade überlegen, ob Sie ihr lokales Blatt doch abbestellen sollen?

Eickenberg: Definitiv auch die. Aber auch viele Menschen, die von dem negativen Grundton der Medien frustriert sind. Die Altersgruppe und der Bildungshintergrund sind dabei zweitrangig. Uns unterstützen Studenten genauso wie Berufstätige, Firmeninhaber oder Rentner. Es geht eher um eine Art Geistesverwandtschaft: Will ich etwas bewegen und wissen, wie etwas zum positiven hin verändert werden kann? Will ich ausführlichere Beiträge, die mir helfen, die Informationen und Ereignisse in den Gesamtzusammenhang einzuordnen?

Bei Ihnen sollen Experten schreiben. Welche Qualifikationen sollen Sie mitbringen?

Eickenberg: Unsere Autoren kombinieren ein brennendes Interesse für ihr Thema, eine fachliche Qualifikation und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte interessant und verständlich zu Papier zu bringen. Was die Qualifikation betrifft, kann dies ein Studium sein, aber genauso auch eine lange Arbeitserfahrung auf dem Gebiet.

Im Journalismus geht die Entwicklung hin zu immer mehr kürzeren Formaten.  Gerade in den sozialen Medien kommt es auch darauf an, einen journalistischen Beitrag möglichst interessant zu präsentierten, damit er auch tatsächlich ein Publikum findet. Wie wollen Sie da erreichen, dass Ihre Experten-Artikel auch gelesen werden? Wer sein Fachgebiet gut kennt, kann nicht unbedingt für Laien anschaulich erklären.

Eickenberg: Das Experten-Problem lösen wir durch Teamwork. Ein Beitrag wird immer im Team besprochen und in einem mehrstufigen Prozess geschrieben. Die Nicht-Experten im Team sorgen dabei dafür, dass die Texte auch für Laien verständlich sind.

Was die kürzeren Formate angeht: Da gibt es auch einen Gegentrend. Den sieht man zum Beispiel auch auf Blendle: Einige der meistgekauften Artikel sind lange Hintergrundbeiträge. Die Menschen wollen weiter informiert werden, daran hat sich nichts geändert. Es ist klar eine Nische, aber wie das Beispiel der sehr erfolgreichen Website De Correspondent in den Niederlanden zeigt, ist diese Nische durchaus sehr groß. De Correspondent kann immerhin auf die Unterstützung von fast 50.000 Mitgliedern setzen.

Es gab da mal ein ebenfalls mit großen Ambitionen gestartetes journalistisches Startup namens "Krautreporter", das auch viel Geld im Crowdfunding gesammelt hat - und viele Unterstützer enttäuscht hat.  Den Krautreportern fehlt ein klares inhaltliches Profil, die Themenauswahl ist völlig beliebig. Was tun Sie, um diesen Fehler vermeiden?

Eickenberg: Krautreporter hat stark dezentral und mit vielen freien Mitarbeitern gearbeitet. Wir haben von vornherein eine feste Kernredaktion geplant, die allein für "Perspective Daily" schreibt. Und zwar vor Ort, wo man sich mal eben absprechen und zusammen an einem Beitrag arbeiten kann. So stellen wir sicher, dass die Beiträge von "Perspective Daily" einen gemeinsamen Stil zeigen. Die Themenwahl wird nicht beliebig sein, sondern sich an den Fachthemen der Autoren orientieren.

Sie haben ihre Spendensammel-Phase noch einmal verlängert. Warum haben Sie das Projekt nicht abgeblasen, als Sie gesehen haben, dass Sie die erhoffte Unterstützerzahl nicht erreicht haben?

Eickenberg: Weil der Zustrom der Mitglieder keinen Tag lang abgerissen ist. Er war nicht so hoch wie erhofft, aber wir wussten, dass wir einfach nur mehr Zeit brauchen würden. Vieler Mitglieder haben schon uns schon während der ersten Phase geschrieben haben, wir sollen bloß nicht nur wegen des Datums aufhören.

Wir haben schon während unserer Tour gemerkt, wie viele Menschen dort draußen sehnlichst auf ein Projekt wie Perspective Daily warten. Und auch wir denken, dass wir damit viel erreichen können. Es wäre doch schade, alles was wir bisher aufgebaut haben, einfach so aufzugeben.

Das Interview führte Fiete Stegers per E-Mail.

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Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef von DR, fordert Journalisten dazu auf, ihren negativen Fokus zu verändern. Das Publikum müsse ermutigt werden - nicht deprimiert. Video (18:09 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 21.03.2016 | 15:38 Uhr