Stand: 04.06.2015 15:38 Uhr  | Archiv

Und immer wieder: Twittern gegen Prism

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Christian Stöcker leitet das Ressort "Netzwelt" bei Spiegel Online - und twitterte schon Hunderte Male denselben Tweet.

Seit zwei Jahren beschäftigen die Überwachungsprogramme von NSA und GCHQ den Journalisten Christian Stöcker in seiner Arbeit von Spiegel Online. Und während es immer neue Enthüllungen gibt, setzt Stöcker über sein persönliches Twitter-Profil dazu jede Woche unermüdlich den selben Tweet ab. Ein Gespräch über Ausdauer und Frustration.

Jeden Freitag das Gleiche: Sie twittern "Immer noch wahr", gefolgt von einem Link zu Ihrem Kommentar zu den NSA-Aufdeckungen." Wir müssen unsere Abgeordneten dazu bringen, unsere Freiheit zu verteidigen", forderten Sie 2013 darin bei Spiegel Online. Wie oft haben Sie diesen Tweet jetzt schon herausgehauen?

Christian Stöcker: Mit Sicherheit Hunderte von Malen. Der Kommentar stammt vom 24. Juni 2013. Mit dem Tweet habe ich etwa zwei Wochen später angefangen, glaube ich. Zuerst gab es ihn täglich. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass ich manchen Leuten damit doch auf die Nerven gehe und habe den Twitter-Roboter auf wöchentlich umgestellt.

Und welche Reaktionen bekommen Sie inzwischen von Ihren Followern?

Stöcker: Für die meisten Leute ist es zum Hintergrundrauschen geworden. Es gibt aber einen harten Kern von fünf, sechs Leuten, die diesen Tweet jede Woche retweeten oder faven. Und es gibt ein paar weitere, die ihn immer mal retweeten. Aber das ist eine sehr kleine Gruppe.

Bei Twitter die NSA kritisieren: Predigen Sie da nicht ohnehin zu den Bekehrten?

Stöcker: Inzwischen ist der Tweet natürlich eher ein symbolischer Akt. Aber gerade in letzter Zeit, da der zweite Jahrestag der Snowden-Enthüllungen ansteht, haben einigen Nutzer noch einmal konkrete Anmerkungen gemacht: "Dieser eine Punkt im Kommentar stimmt ja eigentlich nicht mehr so ganz, weil ..." So etwas finde ich aber gut, weil es zeigt, dass sie sich mit dem Text auseinandersetzen, der da jedes Mal vertwittert wird. Die Prämisse "Immer noch wahr" wird also jetzt wieder konstruktiv infrage gestellt.

Der Kommentar ist von 2013. Seitdem haben die Medien immer weitere Einzelheiten über die Überwachungsprogramme von NSA und GCHQ enthüllt. Aber politisch ist seitdem nichts Entscheidendes passiert, oder?

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Stöcker: Genau, so ist es. Die These in meinem Kommentar ist ja: Es geht um unsere Freiheit. Dafür habe ich dieses Bild benutzt: Es ist, als ob jemand unter dem Vorbehalt "Wir gucken ja nur rein, wenn wir glauben, dass es sich um einen Terroristen handelt" in allen Zimmern Kameras angebracht hat, jedes Telefonat abgehört wird und jeder Brief geöffnet. Und daran hat sich überhaupt nichts geändert. Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas Entscheidendes passiert, schalte ich den Twitter-Roboter natürlich sofort ab.

In den USA werden die Daten jetzt bei den Providern gespeichert. Man kann drüber streiten, ob das eine besonders gravierende Veränderung ist. Aber das ist tatsächlich die erste in Gesetzesform messbare politische Konsequenz dieser Snowden-Enthüllungen.

Viele Journalisten großer Medien haben intensiv über das Thema berichtet. Hätten die Journalisten etwas anders machen müssen?

2 Jahre NSA-Enthüllungen

Am 5. Juni 2013 ging der erste Artikel auf Basis der Snowden-Dokumente online. Er erschien um 19:04 Uhr Ostküstenzeit im US-Ressort der Website des britischen "Guardian". In London war es da bereits kurz nach 0 Uhr am Morgen des 6. Juni.

Stöcker: Ich wüsste nicht, was. Auf die Dauer ist das natürlich frustrierend, zu sehen, dass die Publikumsresonanz auf jede neue, immer noch gravierende Enthüllung dennoch weiter zurückgeht. Wenn man vergleicht, wie die Artikel in den Wochen nach der ersten Geschichte im "Guardian" eingeschlagen sind und die Leute sich dafür interessiert haben - das hat unglaublich nachgelassen. Die Leute haben das Gefühl: Die Geheimdienste machen eh alles und wir können nichts dagegen tun.

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Stöcker: Es wäre ja gar nicht anders gegangen. Ein einzelner Artikel oder Fernsehbeitrag kann nur einen bestimmten Umfang haben. Die Menge an Informationen, die man aus den Snowden-Dokumenten extrahieren kann, ist aber viel größer. Und es ist auch mehr, als Journalisten auf einmal leisten können. Sich durch einen so gewaltigen Korpus an Dokumenten zu fräsen, ist eine schwierige Aufgabe. Und die muss man extrem ordentlich machen. Sobald einem ein einziges Mal vorgeworfen werden kann "Das stimmt gar nicht, was ihr auf Basis der Dokumente dort interpretiert", hat man ein großes Problem.

Gab es denn Fälle, wo Sicherheitsbehörden tatsächlich Darstellungen von Journalisten widerlegt haben?

Stöcker: Ich kann mich nicht erinnern, jemals "Das Stimmt nicht" von NSA oder GCHQ gehört zu haben. Interessant ist aber, wie sich die No-Comment-Phrasen über die Zeit geändert haben. Anfangs ist hieß es von der NSA "Alles, was wir tun, tun wir nur zur Terrorbekämpfung." Das ist leiser geworden, weil das einfach nicht zu halten ist. Das brasilianische Unternehmen Petrobras ist zum Beispiel des Terrorismus eher unverdächtig.

Das Interview führte Fiete Stegers, NDR.de.

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