Stand: 15.03.2016 15:43 Uhr

Hightech, die unter die Haut geht

von Oliver Strunk

Annkathrin Gebel aus Salzgitter schaut noch etwas skeptisch. Sie steht hinter ihrem Freund Christian Maercker, der auf der CeBIT in Hannover von der "Happy Hour" der Firma Digiwell profitieren will. In der Halle 8 gibt es jedoch kein Freibier, sondern ein kostenloses Chip-Implantat. Maercker ist offen für neues und technikbegeistert. Er hatte von dieser kostenlosen Möglichkeit auf der Messe gehört und ist deshalb gezielt zum Stand gekommen. Auch seine Freundin ist offen dafür, aber wartet lieber erst einmal ab, wie der Freund die Prozedur übersteht.

"Bin ich jetzt ein Cyborg?"

Der Chip liegt geschützt in einer Kapsel, ist etwa 1,5 Zentimeter lang und wird in die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger "gespritzt". Auch wenn die Haut etwas mit einer Salbe betäubt wird, spürt man das. "Aber Blut abnehmen ist schlimmer", so Maercker. "Also bin ich jetzt ein Cyborg", fragt er Aamal Graafstra, der ihm den Chip grade gesetzt hat. "Ja, willkommen", antwortet der Implanteur, der selbst seit elf Jahren einen Chip in der Hand hat. Der Unternehmer aus Seattle liefert für die deutsche Firma Digiwell die Technologie, die sich immer weiter entwickelt. Graafstra öffnet mit seinem Chip nicht nur Türen in seinem Zuhause, er startet sein Motorrad, schaltet das Licht ein, identifiziert sich am Computer.

Schlüssel für das digitale "SmartHome"

Auf der CeBIT stellen die beiden Unternehmen eine neue Chip-Generation vor, flexibel und kleiner als die bisherigen Implantate. Graafstra hat sich auch wenige Tage zuvor einen neuen Chip implantieren lassen. Einen Prototypen. Einen recht großen Prototypen, sein linker Unterarm ist geschwollen, der Bluterguss vom Eingriff leuchtet noch grün-gelblich. Dass er die Technologie an sich selbst ausprobiert, ist verständlich, aber warum sollte man das als normaler Konsument tun?

Christian Maercker will die Technik ausprobieren, informiert sich über Schlösser, die er in seiner Wohnung einbauen kann und sich mithilfe seines neuen "Schlüssels" öffnen lassen. Währenddessen wartet schon der nächste Kunde. Dirk Lehmann aus Münster hat bereits zwei Magnete im Körper, mit denen er zum Beispiel elektrische Felder spüren kann. In dieser Woche hätte er sich auch einen NFC-Chip setzen lassen. Nun kann er das umsonst auf der CeBIT tun. Im Gegensatz zu Maercker muss er seine Wohnung anschließend nicht aufrüsten. Er wohnt bereits in einem "schlauen Haus", in dem viele Geräte vernetzt sind. Nun erkennt ihn sein Haus bereits am Chip in der Hand und nicht erst über sein Smartphone.

CeBIT-Happy-Hour: Frei-Chips für alle!

Keine Sicherheitsbedenken?

Haben die frischgeborenen Cyborgs gar keine Ängste, Sicherheitsbedenken? "Nö, eigentlich nicht", sagt Christian Maerker. Sein Chip lasse sich ja nur auslesen, wenn das Lesegerät fast die Haut berühre, da könne also keiner in der Straßenbahn von der Ferne seine Daten abgreifen. Und seine Freundin? Annkathrin Gebel hat sich dann doch umentschieden, sie hat zuviel Respekt - nicht vor der Technologie, aber vor den Schmerzen beim Eingriff.

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