Stand: 05.06.2017 16:15 Uhr

Holoplot verhilft der Bahn zu klaren Ansagen

von Alexander Nortrup

Durchsagen an Bahnhöfen sind nicht immer nach dem Geschmack der Reisenden. Sie verkünden bisweilen Verspätungen, manchmal Zugausfälle. Und manchmal sind sie schlicht akustisch nicht zu verstehen. Denn die Akustik, insbesondere auf großen Bahnhöfen, ist enorm problematisch: Mehrere Bahnsteige nebeneinander werden oft gleichzeitig beschallt, und das über mehr oder weniger scheppernd klingende Lautsprechersysteme. Ansagen überlagern sich und so kann man an manchen Stellen des Bahnsteigs kaum etwas oder gar nichts verstehen. Der Bahnkonzern will das ändern: Das junge Start-Up Holoplot aus Berlin hat eine - ja, der Ausdruck ist durchaus erlaubt - revolutionäre Technik entwickelt, um die Qualität der Durchsagen massiv zu erhöhen.

384 Lautsprecher in einer Wand - und es wird viel besser

Über Schall könnte Roman Sick stundenlang dozieren, ohne Langeweile zu verbreiten. Der smarte 29-Jährige beschreibt voller Elan, dass normale Schallwellen sich kugelförmig ausbreiten, und dabei vieles passiert, was unerwünscht ist: "Der beschallte Raum wird immer größer, es kommt zu Reflexionen und Überlagerungen mit anderen Signalen." In seinem 384 Lautsprecher umfassenden System dagegen liefen die Wellen geradeaus, und alles könne per Software eingestellt werden: "Jeder sichtbare Punkt im Raum kann so gezielt angesteuert werden." Im Test habe man den Frankfurter Hauptbahnhof mit knapp 7.000 Quadratmetern Fläche komplett bespielen können. Mit einer Wand, die umgerechnet ungefähr 120.000 Euro kostet. Die Qualität der bisherigen Lautsprecher habe laut Bahn auf einer internen Skala von 0 bis 1 bislang nie mehr als 0,5 erreicht. Holoplot dagegen sei aus dem Stand auf Werte von bis zu 0,9 gelangt.

Lautstärke bleibt konstant, auch auf Entfernung

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Geschäftsführer Roman Sick (rechts) und Technikchef Adrian Lara Moreno zeigen am Bahn-Stand in Halle 11 ihr System.

Wer am Bahn-Stand in Halle 11 eine Demonstration des Holoplot-Systems bekommt, ist verblüfft: Da steht eine ziemlich unscheinbare Wand mit vielen kleinen Lautsprechern. Zunächst lässt Sick eine Ansage mit klassischer Technik abspielen. Je weiter man sich von der Quelle entfernt, desto leiser wird es. Dann stellt Sick um auf die von seinem Team seit 2011 entwickelte Technik. Die Schallwellen laufen nun "planar", also geradeaus, in eine Richtung. Auch mehr als hundert Meter entfernt bleibt die Lautstärke dadurch fast gleich hoch.

Ansagen für einzelne Gruppen oder Personen

Der zweite Test ist noch beeindruckender: Eine Ansage auf Englisch informiert über das Rauchverbot. Geht man nur zwei Meter weiter nach links, ist plötzlich nur noch die deutsche Variante zu hören. Es gibt praktisch keine Überschneidung der beiden Ansagen. Das Holoplot-System sei bereits auf Messeständen eingesetzt worden, um laute Hip-Hop-Musik zu spielen, erzählt Sick: "Am Nachbarstand war davon fast nichts zu hören. Das ergibt ganz neue Möglichkeiten." Und nicht zuletzt hieße das für die Bahn auch, dass Anwohner von Bahnhöfen nicht mehr jede Ansage "mitbeten" können. 16 Streams, also einzelne Audiosignale, kann eine Holoplot-Wand zeitgleich aussenden. Und sie sind nur da zu hören, wo sie gehört werden sollen. Das System kann auch "tracken", also verfolgen: Eine Gruppe Fußballfans könnte so auf ihrem Weg zu einem anderen Gleis eine gesonderte Durchsage hören.

Bahn unterstützt Start-Ups seit 2015

Das Start-Up-Programm der Bahn besteht seit 2015. "Wir sind attraktiv für Start-Ups", sagt Steffen Rutsch, Bahnsprecher für Digitalisierung und Start-Ups. Man bediene einen aktuellen Gründertrend: Ein großer Teil der aktuellen Start-Ups im Silicon Valley beschäftige sich Rutsch zufolge mit Mobilität. Da sei die Bahn natürlich ein perfekter Ansprechpartner. Drei Monate lang durften die Holoplot-Gründer die Bahn für sich nutzen - konnten auf Bahnhöfen Messungen durchführen und einen Versuchsaufbau am Frankfurter Hauptbahnhof installieren. Sie bekamen Zugang zu Daten und Entscheidern, hatten einen Mentor an ihrer Seite.

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Holoplot-Gründer Sick: "Den Bahnhof neu bespielen"

Wie können Bahnhofsdurchsagen verständlicher und flexibler werden? Holoplot-Geschäftsführer Roman Sick erklärt im Gespräch mit NDR.de, welche Technik seine Firma entwickelt hat. Video (00:34 min)

München könnte Pilotbahnhof werden

Wird das System nun bald flächendeckend installiert? Da muss Bahnsprecher Rutsch bremsen: "Es gibt 5.700 Bahnhöfe, mit sehr unterschiedlichen Anforderungen." Es werde dauern, bis man dazu Entscheidungen getroffen und umgesetzt habe. Aber es sei gut möglich, dass man bald einen ersten Bahnhof damit ausstatte. "Der Bahnhof in München wird umgebaut. Vielleicht könnte das ein Pilotprojekt sein", sagt Rutsch. Holoplot jedenfalls ist bereits auf der Überholspur: Erst vor wenigen Tagen erhielt das Unternehmen einen der begehrten Innovationspreise des "SXSW" (South by Southwest)-Festivals und setzte sich damit gegen Hunderte Mitbewerber durch. Man sei mit einigen potenziellen Kunden im Gespräch, sagt Sick. Aber die Bahn sei eine "fantastische Möglichkeit", Millionen Kunden täglich zu erreichen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.03.2017 | 08:00 Uhr

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