Stand: 06.01.2017 17:00 Uhr

"Wir setzen vor allem verdeckte Ermittler ein"

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Andreas May von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) würde Verdächtige gerne besser überwachen können.

Waffen, Drogen, Kinderpornografie - im Darknet ist alles erhältlich. Welche Möglichkeiten haben die Strafverfolgungsbehörden? Wie verändert das anonyme Netz die Kriminalität? Die ARD Journalisten Annette Dittert und Daniel Moßbrucker haben für die Dokumentation "Das Darknet - Reise in die digitale Unterwelt" (09. Januar, 22.45 Uhr, Das Erste) mit Oberstaatsanwalt Andreas May von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) gesprochen.

Herr May, Sie ermitteln seit Jahren im Darknet, um unter anderem den Drogen- und Waffenhandel zu bekämpfen. Hat sich die Szene durch Ihre Ermittlungen verändert?

Andreas May: Wir sehen bei Darknet-Angeboten, dass sie vielfältiger geworden sind. Früher gab es dort überwiegend weiche Drogen. Heute sind es Güter und Dienstleistungen aller Art, die dort gehandelt werden. Viele Menschen sehen im Darknet-Handel die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit viel Geld zu verdienen. In der realen Welt würden sie es vermutlich scheuen, sich im persönlichen Kontakt eine Infrastruktur aufzubauen, Drogen im großen Stil anzukaufen, ein Verteilernetz auszurollen - das fällt bei einer Online-Plattform im Darknet natürlich alles weg.

Das heißt, der Typ Drogendealer verändert sich?

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Drogenkauf per Mausklick - im Darkweb kein Problem. Doch vielleicht ist der Verkäufer oder Käufer auch ein verdeckter Ermittler, dann klicken die Handschellen.

May: Mit letzter Gewissheit können wir das nicht sagen, weil wir ja - wenn überhaupt - immer nur Einzelpersonen sehen. Die sind häufig aber nicht das, was sich viele unter dem klassischen Drogendealer vorstellen. Das sind eher Geschäftsleute als Menschen, die sich zur Not auch mit Gewalt gegen andere durchsetzen würden.

Im Rahmen unserer Recherchen haben wir einen dieser Händler getroffen. Er meinte, er sei eher Einzelhändler als Dealer.

May: Ja, das passt durchaus ins Bild. Im vergangenen Jahr haben wir einen Drogendealer enttarnt, der eine Art Großlieferant war. Das war der klassische Dealer, der auch offline Drogen verkauft. Aber dann gab es eine zweite Person, die den Online-Handel aufgebaut hat: ein sehr computeraffiner Mann, der den Shop eröffnet und bezogen hat, die Produkte offensiv beworben hat. Der hätte offline wohl nie mit Drogen gehandelt.

Das Darknet ist stark verschlüsselt und anonym. Wie kriegen sie diese Leute trotzdem?

May: Technisch sind Ermittlungen im Darknet hochgradig schwierig. Es ist eigentlich nahezu unmöglich, mit technischen Ermittlungen zum Erfolg zu kommen. Wir setzen vor allem verdeckte Ermittler ein, die Drogen zum Schein ankaufen, um so mit Dealern in Kontakt zu kommen und versuchen, sie in eine Falle zu locken. Wenn das gelingt, können die Behörden unter bestimmten Voraussetzungen den Account übernehmen und so an weitere Personen zu kommen, die in diesem Netzwerk agieren. So kommen wir dann auch an potentielle Kunden der Händler. Aber der Ermittlungsaufwand ist enorm und viel größer als in der realen Welt.

Ist das frustrierend?

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Präsentation der sichergestellten Waffen eines festgenommenen Waffenhändlers aus dem Darknet.

May: Überhaupt nicht. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Ermittlungen, die wir irgendwann einstellen müssen. Aber wir haben trotzdem relativ viele Erfolge zu verzeichnen. Besonders stolz sind wir, dass wir einige Waffenhändler identifizieren konnten - denn Waffenhandel birgt natürlich besondere Gefahren.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie als Staat im Darknet ermitteln. Wie haben die Kriminellen dort auf Ihre Strategien reagiert?

May: Ich werde hier sicherlich keine Tipps geben, wie man uns entkommen kann. Aber gerade im Bereich des Waffenhandels sind Treffen in der realen Welt mittlerweile total verpönt. Die Gefahr, dass das Gegenüber ein verdeckter Ermittler sein könnte, ist vielen zu groß. Und dann haben wir als Ermittler das "Problem", dass wir selbst keine Straftaten begehen dürfen.

Wieso ist das ein Problem für Sie?

May: Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel: Im Bereich der Kinderpornografie ist es üblich, eine "Keuschheitsprobe" ablegen zu müssen. Das heißt, bevor der eigentliche Deal beginnt und User neue Bilder oder Videos austauschen, schicken sie sich kinderpornografisches Material und prüfen so, ob das Gegenüber dazu bereit ist. Das ist natürlich eine Straftat, die wir nicht begehen dürfen.

Das Darknet knacken, indem Sie Verschlüsselung brechen oder Anonymisierung verwässern, können Sie nicht, oder?

May: Nein, das ist weder technisch noch rechtlich möglich.

Würden Sie sich das wünschen?

May: Natürlich würden wir uns das manchmal wünschen, aber wir sollten realistisch bleiben. Mit Anonymisierung muss man leben. Davon wird es immer mehr geben und es hat durchaus auch sehr nachvollziehbare, vernünftige Zwecke. Es macht in vielen Bereichen Sinn, seine Kommunikation zu verschlüsseln. Das sind Technologien, die wir selbst auch nutzen. Aber es macht natürlich den Ermittlungsaufwand deutlich größer und die Ermittlungsmöglichkeiten immer geringer. Aber ein Verbot der Anonymisierung macht keinen Sinn.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

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Der Tor-Browser verschleiert die Identität der Nutzer, da Anfragen über viele Server anonymisiert vermittelt werden.

May: Anonymisierung sollte legal bleiben. Aber man sollte möglicherweise Anonymisierungs-Dienstleister verpflichten können, ihren Datenverkehr deanonymisiert an uns auszuleiten, wenn es ein unabhängiger Richter genehmigt.

Damit hätte der Dienst aber natürlich seinen Reiz verloren, weil er eben doch nicht komplett anonym ist. Wäre es nicht das Ende der Anonymität?

May: Soweit würde ich nicht gehen. Wir sollen uns aus gesellschaftlicher Perspektive überlegen, ob es nicht einen Kompromiss geben sollte. Rein praktisch haben Sie aber nicht völlig unrecht: Es würde uns wenig bringen, zum Beispiel das Tor-Netzwerk zu entschlüsseln. Innerhalb kürzester Zeit würden fünf neue Darknets entstehen. Und ehrlicherweise müsse wir auch sagen, dass es Drogen, Waffen und Kinderpornografie auch in der sogenannten Underground Economy gibt. Das sind Webshops, die ganz normal über Google aufrufbar sind und mit dem Darknet nichts zu tun haben.

Sie klingen, als seien Sie eigentlich ganz zufrieden mit Ihren technischen und rechtlichen Möglichkeiten. Was würden Sie sich vom Gesetzgeber wünschen?

May: Unsere Arbeit ist kein Wunschdenken. Wir versuchen, mit den Werkzeugen aus unserem Koffer einen guten Job zu machen. Aber natürlich haben wir immer Punkte, wo der Schuh drückt. Vor allem bei der Telefonüberwachung. Durch Verschlüsselung können wir häufig technisch keine Kommunikation überwachen, obwohl uns das rechtlich erlaubt wäre. Daher wäre es sinnvoll, die sogenannte Quellen-Telekommunikationsüberwachung stärker einsetzen zu können. Das heißt, wir spielen unbemerkt eine Software auf den Rechner eines Beschuldigten, der Kommunikation mitschneidet, bevor sie verschlüsselt wird. Damit wird Verschlüsselung nicht geknackt und wir erfahren trotzdem das, was uns in den Ermittlungen möglicherweise den entscheidenden Schritt voranbringt.

Das wäre aber doch ein erheblich stärkerer Eingriff in die Privatsphäre des Menschen als nur seine Kommunikation abzuhören. Immerhin nisten Sie sich auf seinem Computer ein. Dürften Sie das rechtlich überhaupt?

May: Wir meinen, dass das über die Telefonüberwachung legal einsetzbar wäre. Das erlaubt uns die Strafprozessordnung. Allerdings wäre es tatsächlich wünschenswert, hier eine rechtliche Klarstellung vom Gesetzgeber zu erhalten.

Vielen Dank für das Interview.

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Darknet - Mythos und Realität

Im Online-Auftritt zur ARD Doku "Darknet - Eine Reise in die digitale Unterwelt" gibt es viele Extras zu entdecken, wie das Interview mit zwei Hackern und einem Ex-Geheimdienstler aus Syrien. extern

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Die Story im Ersten: "Das Darknet"

Kommen Sie mit auf eine Reise in die digitale Unterwelt: ins Darknet. Das anonyme Netz ist ein Tummelplatz für Kriminelle, aber auch ein Zufluchtsort für politisch Verfolgte. extern

Dieses Thema im Programm:

Reportage & Dokumentation | 09.01.2017 | 22:45 Uhr

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