Stand: 26.02.2016 11:58 Uhr

"Es geht darum, dass die Nutzer zufrieden sind"

von Fiete Stegers

Viele Nutzer lieben Facebook - daher kommen auch Zeitungen und Rundfunksender kaum noch daran vorbei. Bietet Facebook vor allem neue Chancen zur Interaktion mit den Nutzern? Oder machen sich Medienhäuser noch abhängiger von dem sozialen Netzwerk, wenn sie bei Programmen wie Facebook Instant Articles mitmachen? Experten von Spiegel Online, Tagesschau und aus der Wissenschaft schilderten auf der Social Media Week Hamburg ihre Erfahrungen und Einschätzungen. Eingeladen zur Diskussion hatte der NDR.

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Auf der Social Media Week in Hamburg haben Experten über die Bedeutung von Facebook für Nachrichtenmedien diskutiert.

Seit einigen Wochen ist auch die Tagesschau dabei: Sie verweist auf ihrerFacebook-Seite nicht nur mit Links auf  Nachrichten auf der eigenen Online-Seite, sondern stellt Artikel auch im viel diskutierten Format Facebook Instant Articles zur Verfügung. Für die Nutzer heißt das vor allem: Die Tagesschau-Nachrichten laden auch im mobilen Internet viel schneller, weil sie speziell an die Facebook-App angepasst werden. Umstritten ist das unter Medienexperten vor allem, weil die Medieninhalte-Inhalte direkt bei Facebook gespeichert sind. 

"Das Nutzerfeedback ist bisher sehr positiv, weil die Ladezeiten klasse sind“, berichtet Torsten Beeck von der Online-Redaktion des "Spiegel", die schon länger Texte im Instant-Articles-Format anbietet. Für Spiegel Online als werbefinanziertes Medium hat Instant Articles noch einen weiteren Vorteil: "Mit Instant Articles hat Facebook Spiegel Online zum ersten Mal eine Vermarktungsmöglichkeit auf seiner Plattform geboten." Anders als wenn sie nur Links zu eigenen Artikeln auf ihren Fanpages postet, dürfen Medienhäuser Anzeigen im Umfeld der Instant Articles selbst verkaufen.

Keine höhere Reichweite durch Instant Articles

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"Unser Auftrag ist es, die Leute zu informieren", sagt Rike Woelk, stellvertretende Redaktionsleiterin von tageschau.de.

Die Bedingungen, zu denen das geschieht, könnte Facebook allerdings jederzeit zu seinen Gunsten ändern. Und Facebook hätte die Möglichkeit, durch die systematische Bevorzugung von Instant Articles mehr Medien dahin zu drängen, ihre Inhalte direkt bei Facebook hochzuladen. Die Erfahrung hat Beeck bisher noch nicht gemacht: "Facebook hat nach eigener Aussage nicht den Algorithmus geändert, der entscheidet, welche Facebook-Einträge den Nutzern angezeigt werden." Ähnliches beobachtet Rike Woelk, stellvertretende Online-Chefin der Tagesschau:  "Wir sehen noch nicht, dass die Reichweite bei Instant Articles bei Facebook durch die Decke geht. Das sind nach wie vor Videos und Fotos.“

Die Tagesschau probiert aber nicht nur, ihre Nachrichten für Facebook zu optimieren. Seit dieser Woche werden auch zusätzlich Inhalte im Format "Accelerated Mobile Pages" angeboten. Diese werden auf Mobilgeräten in der Google-Suche bevorzugt angezeigt und schneller geladen. Google betont allerdings, dass es sich um einen offenen Standard handle, tatsächlich sind noch andere Partner an der Entwicklung beteiligt. Woelck schilderte in der Diskussion auch, wie die Tagesschau auf Instagram mit kurzen Filmen experimentiert, die auch ohne Ton auf dem Handy funktionieren sollen. Auch darüber, wie Jugendliche über WhatsApp oder andere Messenger-Dienste erreicht werden können, werde nachgedacht. "Wir sind nicht dafür da, unsere Nutzer zu erziehen, und zu sagen: Guckt doch alle wieder Fernsehen. Unser Auftrag ist es, die Leute zu erreichen und zu informieren“, rechtfertigte Woelk die Aktivitäten der Tagesschau in den sozialen Netzwerken.

"Facebook wird von unseren Nutzern gemacht"

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Torsten Beeck (Spiegel Online, 2.v.l.) will noch mehr mit den Nutzern sprechen.

Spiegel-Online-Redakteur Beeck widersprach Kritik, durch die Beteiligung an Instant Articles lieferten Medien Facebook kostenlose Inhalte, machten das soziale Netzwerk damit attraktiver und sich gleichzeitig von den Entscheidungen von Mark Zuckerberg abhängiger. Wenn "wir sagen, wir machen nicht mit, dann reduziert das ja nicht unsere Abhängigkeit. Ein signifikanter Teil der Besucher bei Online-Nachrichten-Seiten kommt über Facebook. Wenn wir nicht mitmachen, leiden darunter nur unsere Nutzer." 

"Medien können nicht ihre Homepage abstellen, aber sie müssen alles andere auch machen“, sagte Kommunikationswissenschaftlerin Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut. "Vor 20 Jahren hatten Verleger die Vorstellung: Wir haben medienneutrale Daten, die müssen wir nur in alle möglichen Kanäle ausspielen. Dann folgte die Desillusionierung.“ Tatsächlich erfordere die Verbreitung über jede neue Plattform eine eigene Herangehensweise - und verursache damit Aufwand für die Medienhäuser.

Allerdings, so merkte Social-Media-Redakteur Beeck an: "Facebook wird eigentlich von unseren Nutzern gemacht, die dort unsere Inhalte verteilen. Wir stoßen das nur in gewissem Maße an.“  In Zukunft müssten sich die Profile von Medien in den sozialen Netzwerken noch stärker um den Kontakt zum Publikum kümmern. "Ich fürchte, wir müssen wirklich mit den Nutzern ins Gespräch kommen, nicht nur Distribution machen."

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