Stand: 09.02.2016 19:00 Uhr

Wann darf man das Handy des Kindes kontrollieren?

Mirco Frähmke ist Sozialarbeiter an einer Schule mit Handyverbot. Trotzdem kennt er die Konflikte, die Schüler, Eltern und Lehrer beschäftigen. Im Interview spricht er über Gruppenchats, Gewaltvideos und Kontrollmechanismen.

Das Internet zu verteufeln geht in unserer digitalen Welt eigentlich nicht mehr. Wie wichtig ist das Thema Umgang mit dem Internet für einen Schulsozialarbeiter heute?

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Mirco Frähmke sieht nicht das Smartphone selbst als Hauptproblem.

In der Praxis sind Smartphones und die permanente Verbindung mit dem Internet in den letzten Jahren ein großes Thema geworden. Wir haben in der Schule die Regel, dass das Smartphone vom Schulbeginn bis zum Schulende eingeschlossen wird, also von 8 bis 15 Uhr. Aber man merkt, dass die Kinder, auch die Fünft- und Sechstklässler, sofort nach Schulschluss an ihr Handy stürmen und schauen, ob sich da was Neues getan hat.

Wo gibt es Ihrer Erfahrung nach Aufklärungsbedarf bei den Kindern und auch bei den Eltern?

Einerseits ist es für die Eltern wichtig zu überlegen, ab welchem Alter ein Kind permanenten Internetzugang haben sollte. Gerade im Alter zwischen 10 und 13 Jahren sehe ich das als Nachteil, weil die Kinder natürlich Zugang zu allen möglichen Seiten und Quellen im Internet bekommen. Dann ist auch eine Aufklärung zu sozialen Netzwerken wichtig. WhatsApp und WhatsApp-Gruppen spielen da eine große Rolle. Die Schüler gründen sehr oft Klassengruppen. Man merkt, dass es wichtig ist - von unserer Seite, aber auch von den Eltern - aufzuklären, wie man in diesen Gruppen miteinander umgeht.

Ich saß heute Morgen im Bus, und da haben ungefähr achtjährige Schüler munter WhatsApp-Nachrichten in ihre Handys getippt. Da schließt sich die Frage an: Ab wann sollten denn Kinder Smartphones in die Hand bekommen?

Heute gibt es fast nur noch Smartphones als Telefone. Für viele Eltern ist es wichtig, dass die Kinder erreichbar sind, weil die Schule oft auch weit entfernt ist. Vielleicht sollte man deshalb sagen, dass der permanente Internetzugang das Hauptproblem ist.

Das heißt: Smartphone ja, Internet nein?

Ja, bis zu einem gewissen Alter. Eine Rechtsanwältin aus Rostock zum Beispiel empfiehlt, den Kindern erst ab 14 Jahren einen mobilen Internetzugang zu gewähren.

Eine aktuelle Studie besagt, dass fast alle Zehnjährigen schon online sind. Zu welchen Problemen führt das in ihrem Alltag?

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Kommunikation mit Gestik und Mimik wird immer weniger, findet Frähmke. (Archivbild)

Auffällig ist, dass Kommunikation nur noch über das Handy oder das Internet funktioniert. Dadurch wird direkte Kommunikation mit Gestik und Mimik immer weniger. Es entstehen dann auch viele Missverständnisse, weil Nachrichten schnell geschrieben sind, die dann falsch interpretiert werden. Das würde im direkten Gespräch wahrscheinlich aufgelöst, ist aber per Handy nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich.  

Haben Sie in ihrer Arbeit auch schon ernsthafte Probleme mit Gewaltvideos kennengelernt?

Es gab schon den Fall, dass in einer WhatsApp-Klassengruppe ein Gewaltvideo veröffentlicht wurde. Dabei ging es um den Tschetschenienkrieg und es wurde gezeigt, wie jemand geköpft wird. Das war wirklich hartes Material. Ich habe mir das auch selbst nicht angeguckt, als ich es geschickt bekam. Wir haben diesen Fall dann der Polizeiprävention übergeben, weil geklärt werden musste, wie dieses Video in die Hand von Sechstklässlern kommen kann.

Auch das Thema Cybermobbing ist immer wieder in den Schlagzeilen. Sie sehen da aber einige Missverständnisse?

Es ist oft so, dass jede Beleidigung und jede unangemessene Nachricht gleich als Mobbing bezeichnet wird. Oft kommen dann Eltern zu uns mit der Aussage: "Mein Kind wird gemobbt." Dabei handelt es sich um eine Beleidigung, was natürlich auch nicht schön ist im Netz. Wenn wir dann aber mit den Kindern darüber sprechen, wie das zustande kam, hat es oftmals eine gegenseitige Wechselwirkung gehabt. Beispielsweise wurde ein Konflikt, der in der Klasse vorher real passiert ist, über das Internet weitergetragen. Durch WhatsApp-Gruppen ist es ganz einfach, da mal eine Aussage zu schreiben, weil man das Gegenüber nicht sieht und auch nicht sieht, wie verletzt das Gegenüber ist. Das sehen wir auch bei der ganzen Diskussion um Flüchtlinge. Es ist ganz einfach, in Facebook einen Spruch zu schreiben ohne darüber nachzudenken, wie verletzend und rassistisch das eigentlich ist.

Es geht auch immer wieder um Netiquette, also die Anstandsregeln im Netz. Müsste das mehr im Unterricht behandelt oder sogar zu einem Schulfach gemacht werden?

Wir haben das Fach "Skills". Dabei geht es auch um soziale Kompetenzen, die geschult werden sollen. Natürlich ist alles, was jetzt im Internet passiert, auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Teilweise ist der Umgang miteinander wesentlich rauer und härter geworden.

Finden Sie es okay, wenn Eltern die Smartphones ihrer Kinder regelmäßig überprüfen?

Das ist ein schwieriges Thema. Wenn man misstrauisch ist, sich Sorgen macht, das Kind sich vielleicht zurückzieht und der Erwachsene ein schlechtes Bauchgefühl hat, sollte man das vielleicht machen - aber gemeinsam mit dem Kind. Natürlich sollte das nicht hinter dem Rücken passieren, denn dadurch wird sich das Vertrauensverhältnis nicht verbessern. Im Idealfall hat man aber so ein Verhältnis zu seinem Kind, dass über alle Dinge gesprochen werden kann, die relevant sind. Wenn das Kind mitbekommt, dass jemand über WhatsApp angegriffen wird, oder es gibt Gewaltvideos oder Pornografie, sollte man davon ausgehen, dass das Kind darüber redet. Dementsprechend erübrigt sich diese Kontrolle des Smartphones.

Interessant wird es aber, wenn das Kind nicht darüber redet.

Ja, wenn das Bauchgefühl signalisiert, dass etwas nicht stimmt und mein Kind sich verändert, dann sollte man gucken, was es mit dem Smartphone und dem PC treibt. Der ist ja auch ein Riesenthema. Ich bekomme teilweise mit, dass Kinder am Wochenende nachts Onlinespiele spielen und am Montag mega übernächtigt aussehen. Dann frage ich mich natürlich, was die Eltern in dem Zeitraum machen. Warum guckt nicht mal jemand nach und kappt da die Verbindung? Denn stundenlanges Onlinespielen ist nicht ganz normal, finde ich.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist aber doch besser?

Manchmal schon, ja.  

Das Interview wurde geführt von Frank Breuner.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 09.02.2016 | 19:00 Uhr