Stand: 20.11.2015 15:02 Uhr  | Archiv

Snowden: Vom Schulabbrecher zum Whistleblower

von Ulla Brauer
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Edward Snowden im Exil in Moskau.

Held, Verräter, Staatsfeind Nr. 1 - Wie wurde der Schulabbrecher Edward Snowden erst ein IT-Spezialist im Auftrag der US-Geheimdienste und danach der bekannteste Whistleblower der Welt? Was hat ihn motiviert, einige der am strengsten gehüteten Geheimnisse seines Landes zu veröffentlichen? Und dafür nicht nur seine Freiheit, sondern womöglich sogar sein Leben zu riskieren?

Schulabbrecher und Computernerd

Edward Joseph Snowden wurde am 21. Juni 1983 in North Carolina geboren. Nach ein paar Jahren ziehen die Eltern mit ihm und seiner Schwester nach Maryland - zufälligerweise in die Nähe von Fort Meade, dem Hauptsitz der National Security Agency (NSA). Als Edward 14 Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden.

Mitten im zweiten Highschool-Jahr bricht der 15-Jährige die Schule ab. Ob aus Desinteresse oder, weil er nach längerer Krankheit nicht mehr mitkommt, wie sein Vater sagt, ist nicht ganz klar. Schon der Teenager ist eher an der virtuellen Welt interessiert und begeistert sich für Computerspiele und -technologie.

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College-Kurse, aber kein Abschlüsse

Ab 1999 besucht Edward Snowden dennoch für mehrere Jahre College-Kurse, unter anderem am Anne Arundel Community College. 2002 nimmt er Unterricht am Computer Career Institute der John-Hopkins-Universität, wo Kurse in PC- und Netzwerk-Administration angeboten werden. Abschlüsse macht er jedoch nicht. Auch später nicht, als er schon als IT-Experte für die Geheimdienste tätig ist und weitere Seminare belegt.

Mit 20 versucht er bei den Spezialkräften der Armee aufgenommen zu werden. Um "den Menschen im Irak zu helfen", wie er im Internet postet. Nach nur wenigen Monaten wird er jedoch entlassen. Die US-Army sagt heute, weil er die Ausbildung nicht bestand. Snowden selbst gibt an, er habe sich dabei beide Beine gebrochen.

Vom Wachmann zum IT-Experten in der Welt der Spione

Nach dieser Episode ist der Computer-Nerd, den es eigentlich sowieso eher drinnen und in der virtuellen Welt hält, für einige Zeit arbeitslos. 2005 findet Snowden einen Job als Wachmann an einem Sprachlehrzentrum der Universität von Maryland, das Verbindungen zum Verteidigungsministerium hat. Er selbst sagt, während dieser Tätigkeit schon für die NSA gearbeitet zu haben. Die Universität gibt an, er sei Angestellter des Staates Maryland gewesen.

Sein Talent zahlt sich für Snowden aus

Den erstaunlichsten Schritt seiner Karriere macht Snowden 2006. Die Central Intelligence Agency (CIA), der US-Auslandsgeheimdienst, stellt ihn ein. Seit dem 11. September 2001 suchen die Regierungsstellen verstärkt nach Experten für IT-Sicherheit. Akademische Zeugnisse sind da offenbar zweitrangig - das Talent entscheidet. In seiner neuen Funktion erhält Snowden nicht nur ein Mehrfaches seines bisherigen Gehaltes, sondern auch Zugang zu vertraulichem Material. Einer seiner Einsatzorte für die CIA ist Genf, wo er für drei Jahre wohnt. Snowden gibt zudem an, zwischen 2009 und 2013 für private Dienstleister der NSA gearbeitet zu haben - unter anderem in Japan. Dabei bringt er es vom System-Ingenieur über den System-Administrator zum Berater für Telekommunikationssysteme.

Wachsende Zweifel an Überwachungsprogrammen

Zunächst ist der 22-Jährige noch begeistert und postet unter einem seiner Pseudonyme im Internet, wie stolz er darauf ist, ohne akademischen Abschluss eine solche Karriere zu machen - und vor allem: viel Geld zu verdienen. Doch 2010 beginnt Snowden an der Lauterkeit der geheimen Überwachungsprogramme zu zweifeln, zu denen er aufgrund seiner Tätigkeit Zugang hat. Er setzt zunächst noch Hoffnungen in Präsident Barack Obama - den Verfassungsrechtler. Doch Snowden wird enttäuscht. Statt die Überwachung einzudämmen, schreitet sie weiter fort. Zudem scheitert Snowden mit seinen Versuchen, mit Vorgesetzten über mögliche Verletzungen der Verfassung zu sprechen, wie er berichtet.

Snowden in eigenen Worten

  • "Ich erlebte Missbräuche regelmäßig. Und je mehr ich darüber reden wollte, desto mehr wurde ich ignoriert und desto mehr wurde mir erzählt, dass das alles kein Problem sei." ("Guardian"-Interview vom 9. Juni 2013)

  • "Ich an meinem Schreibtisch war autorisiert, das Leben jedes beliebigen Menschen auszuforschen, vom Bundesrichter bis zum Präsidenten, wenn ich dessen persönliche E-Mail besessen hätte." ("Guardian"-Interview vom 9. Juni 2013)

  • "Es ist nicht an uns, den Geheimdienstlern, zu entscheiden, ob diese Spähprogramme richtig sind. Das sollte die Öffentlichkeit tun."

  • "Privatsphäre ist entscheidend. Privatsphäre erlaubt uns, zu bestimmen, wer wir sind und wie wir sein wollen." (Channel 4, Weihnachtsbotschaft von Snowden)

  • "Ein Kind, das heute geboren wird, wird aufwachsen und das Konzept von Privatsphäre nicht mehr verstehen. Es wird nicht mehr wissen, wie es ist, einen privaten Moment für sich zu haben, der nicht aufgezeichnet wird, oder einen Gedanken, der nicht analysiert wird." (Channel 4, Weihnachtsbotschaft von Snowden)

  • "Die Mission ist bereits jetzt erfüllt. Ich habe bereits gewonnen. Als die Journalisten anfangen konnten zu arbeiten, ist alles, was ich versucht habe zu tun, bestätigt worden. Denn erinnern Sie sich: Ich wollte nicht die Gesellschaft verändern. Ich wollte der Gesellschaft die Chance geben, zu entscheiden, ob sie sich selbst ändern sollte.“ ("Washington Post" 24.12.2013)

  • "Der Treueeid, den ich unterschrieben habe, ist kein Eid zur Geheimhaltung. Es ist ein Eid auf die Verfassung. Das ist der Eid, den ich eingehalten habe, Keith Alexander und James Clapper aber nicht.“ ("Washington Post", 24.12.2013)

  • "Ich versuche nicht die NSA zu Fall zu bringen, Ich arbeite daran, sie zu verbessern. Ich arbeite auch in diesem Moment noch für die NSA. Sie sind die einzigen, die das nicht erkennen." ("Washington Post", 24.12.2013)

  • "Die Regierung will etwas, was sie noch nie hatte. Sie wollen totale Erkenntnis. Die Frage ist, sollten wir ihnen das erlauben?" ("Washington Post" 24.12.2013)

  • "Solche Programme sind nicht nur eine Bedrohung der Privatsphäre, sie bedrohen auch die Meinungsfreiheit und offene Gesellschaften." ("Spiegel", 4.11.2013)

  • "Die CIA könnte mich aufgreifen, jederzeit. Die Geheimdienste sind ein derart mächtiger Gegner, keiner kann sich ihnen widersetzen."

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Von langer Hand geplanter Gang an die Öffentlichkeit

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So sah die Welt Snowden zum ersten Mal: beim Interview in einem Hotelzimmer in Moskau.

2012 fängt der spätere Whistleblower damit an, Dokumente herunterzuladen, die belegen, welche Spähprogramme die Regierung im Einsatz hat. Bald ist Edward Snowden davon überzeugt, dass die ausufernde Überwachung nicht mehr mit der Verfassung und deren garantiertem Recht auf Unverletzlichkeit der Privatsphäre vereinbar ist. Sein nächster Karriereschritt ist deshalb wohl kalkuliert: Zusammen mit seiner langjährigen Freundin Lindsay Mills zieht er im März 2013 nach Hawaii. Dort hat sich der IT-Experte von dem privaten NSA-Dienstleistungsunternehmen Booz Allen Hamilton anstellen lassen. Sein Ziel: an noch beweiskräftigere Unterlagen zu kommen. In den vergangenen Monaten hat er versucht, anonym und verschlüsselt Kontakt zu Journalisten aufzunehmen.

Schon am 20. Mai 2013 lässt er sich wegen einer angeblich notwendigen Behandlung von Epilepsie beurlauben. Stattdessen bricht er jedoch komplett mit seinem bequemen Leben auf Hawaii. Edward Snowden verlässt die USA, im Gepäck vier Laptops mit streng geheimen Dokumenten - Beweise für das bisher unbekannte Orwellsche Ausmaß der Überwachung von Telefon- und Internetkommunikation sowie Bewegungsdaten durch amerikanische, aber auch britische Geheimdienste. Aus einem Hotelzimmer in Hongkong versorgt er Journalisten von "Guardian" und "Washington Post" mit Informationen und Dokumenten: Der NSA-Skandal kommt mit den ersten Veröffentlichungen ins Rollen. Snowden ist von Anfang an entschlossen, zu dem zu stehen, was er getan hat: In einem Video-Interview mit dem "Guardian" zeigt er erstmals seinen Gesicht.

Asyl in Moskau, Auftritte per Videokonferenz weltweit

Nach den NSA-Enthüllungen will sich Snowden absetzen - aber die US-Regierung sieht in ihm einen Staatsverräter. Sein Pass wird annulliert, Snowden strandet am Moskauer Flughafen. Alle Versuche, Asyl in Europa oder Südamerika zu erlangen, scheitern. Schließlich gewährt ihm Russlands Präsident Wladimir Putin Zuflucht - befristet und unter Auflagen. Seitdem lebt Snowden in Moskau

Seine Dokumente hat Snowden vor seiner Flucht an Journalisten übergeben, die über deren Veröffentlichung entscheiden sollen. Nach einiger Zeit meldet er sich aber immer öfter wieder selbst zu Wort: Als Gastredner via Video-Übertragung auf dem Chaos Communication Congress, der CeBIT und anderen Konferenzen weltweit - und inzwischen auch auf Twitter. Snowden setzt sich für Verschlüsselung und die Stiftung Freedom of The Press ein.

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