Stand: 16.04.2014 17:00 Uhr  | Archiv

Verschwörungstheorie im Namen von Anonymous

von Fiete Stegers
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Im Namen von "Anonymous" wird zum "Guerillakrieg" gegen Medien aufgerufen. Auch der NDR ist Ziel.

Egal ob "Spiegel", "Bild" oder die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF - seit Montagabend sehen sich viele große deutsche Medien mit der Kritik erboster Bürger konfrontiert: Vor allem via Facebook, aber auch per E-Mail und Telefon erreichen die Redaktionen massenweise Beschwerden über das angebliche Totschweigen von Protestveranstaltungen, die als "Montagsdemonstrationen" in mehreren deutschen Städten stattfanden.

Den Aufruf "zum Guerillakrieg auf den Facebookseiten deutscher Medien" startete eine Facebook-Seite im Namen von Anonymous - dem anonymen, äußerst lose organisierten Netzwerk von Hackern und Internet-Aktivisten, dessen Unterstützer sich in der Vergangenheit mit massenhaften Internetaktionen unter anderem gegen die Sekte Scientology und für die Enthüllungsplattform WikiLeaks eingesetzt haben.

Wer ist in diesem Fall "Anonymous"?

Als "Anonymous-Kollektiv" auftreten, sich der Logos und Machart bedienen, kann freilich jeder. Aber die fragliche Seite hat stolze 400.000 Fans bei Facebook. Mehrere andere Kommunikationskanäle von Anonymous-Aktivisten distanzieren sich aber davon: "Die Seite hat schon lange nichts mehr mit Anonymous zu tun, selbst wenn hin- und wieder Anonymous-relevante Neuigkeiten gepostet werden", schreiben sie auf einer ihrer Seiten.

Ein Aufruf, Medien zu attackieren - das passt nicht zum alten Hacker-Selbstverständnis der Informationsfreiheit: "Grundkonsens bei Anonymous war: Wir brauchen die Medien, um unsere Botschaft zu transportieren", sagte Ole Reißmann, Netzwelt-Redakteur bei Spiegel Online. Zwar sei einmal die "Zerstörung" Facebooks angedroht worden - aber das sei nur als Provokation gemeint gewesen. "Für Anonymous ist es aber auch nichts neues, dass Leute den Namen für ihre Einzelaktionen einfach benutzen."

Das Video, mit dem die umstrittene Facebook-Seite im Vorfeld der "Montagsdemonstrationen" zum Protest aufrief, macht sich Themen zu eigen, für die Anonymous bisher nicht stand: Es wettert dagegen, dass Deutschland angeblich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch unter Besatzungsrecht und sowieso unter der Herrschaft von Banken wie Goldmann Sachs stehe. "Das deutsche Volk muss sich erheben", heißt es in dem Video zum Schluss - gegen die Feindbilder "sexuelle Umerziehung", Feminismus und Einwanderer. "Zu den Gruppen und Aktionen von Anonymous, die ich kennengelernt habe, passt das nicht", sagt Reißmann, Autor eines Buches über das Hacker-Kollektiv.

Es spricht also kaum etwas dafür, dass der Anti-Medien-Aufruf von der breiten Masse der Anonymous-Aktivsten und -Sympathisanten getragen wird - wahrscheinlicher erscheint Reißmann die von anderen Anonymous-Seiten gemachte Erklärung, ein einzelner oder wenige Anonymous-Mitstreiter verbreiteten hier ihre Ansichten.

Montagsdemos sind nicht gleich Montagsdemos

Ähnliche rechtspopulistische Töne waren Berichten zufolge auch bei mehreren der Straßenproteste zu hören, zu denen beispielsweise in Berlin Anfang der Woche laut Polizei etwa 450 Teilnehmer kamen. Für internationalen Frieden wird dort demonstriert, und gegen "Kriegstreiber" und die US-Notenbank Fed. All das unter dem Schlagwort "Montagsdemonstration" - ein klangvoller Name, unter dem 1989 die Opposition in der DDR auf die Straße ging, später Gegner der Hartz-IV-Gesetze.

"Es gibt keine Verbindung zwischen den älteren und den neuen Montagsdemonstrationen", sagt Reporter Stefan Maas im Deutschlandfunk. Zum Teil erhielten bereits existierende Protestveranstaltungen Zulauf durch neue Teilnehmer. Die Kritik an der westlichen Politik gegenüber Russland und die als einseitig wahrgenommene Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine eint sie. Aber teilweise vertreten die Teilnehmer nach Maas' Beobachtung "krude Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut, dass sich als links tarnt". Von der Kritik an der US-Notenbank Fed, sei man "wieder schnell beim jüdischen Finanzkapital als Ursache allen Übels in der Welt. Das haben schon die Nazis so gesehen", sagt Maas. Gruppen der Friedensbewegung und der linken Szene distanzieren sich im Netz ausdrücklich von diesen Demonstrationen.