Stand: 11.11.2014 10:43 Uhr  | Archiv

Überwachung: Die Vermessung des Menschen

von Bettina Meier
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Cracked Labs hat die kommerzielle Überwachung analysiert.

Google oder Facebook sind nicht die einzigen Unternehmen, die Daten ihrer Nutzer sammeln und auswerten. Versicherungen, Handelsunternehmen oder etwa Finanzinstitute nutzen Big Data, um ihre Geschäftsfelder zu optimieren. Das zeigt auch die aktuelle Studie "Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag" des österreichischen Instituts für Kritische Digitale Kultur. Der Autor Wolfie Christl schreibt, in vielen Bereichen "von Marketing, Handel, Versicherungs-, Finanz- und Personalwirtschaft herrscht Goldgräberstimmung. [...] Unzählige Unternehmen aus allen Wirtschaftssektoren arbeiten mit Hochdruck an Geschäftsmodellen, die auf der kommerziellen Verwertung der gesammelten Profile beruhen".

In der Onlinekurzversion seiner Studie, die Wolfie Christl für die österreichische Arbeiterkammer erstellt hat, präsentiert der Autor das Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit in "sechs Akten": Von dem Feld der Analyse und der Verknüpfung persönlicher Daten, über den Einsatz von Big Data in der Wirtschaft, datenhungrigen Geräten und Plattformen sowie dem Geschäft mit unseren persönlichen Daten kommt er am Ende zu den gesellschaftlichen Folgen dieser kommerziellen digitalen Überwachung und zu Handlungsempfehlungen für Politik und Öffentlichkeit. Anna Biselli bedankt sich für diese Arbeit auf netzpolitik.org, auch weil der Autor der Studie "nicht nur den pessimistisch stimmenden Ist-Zustand" biete, sondern auch eben diese konkreten Handlungsempfehlungen für Politik und Öffentlichkeit. Zu diesen gehört etwa der Punkt: "Schaffung von Transparenz über die Praktiken von Unternehmen - durch Forschung, Öffentlichkeit und Regulierung."

Schöne neue digitale Welt?

Denn eines zeigt die Studie: In unserer modernen Welt hinterlassen wir eine breite digitale Datenspur und die Wirtschaft ist begierig darauf, diese auszuwerten. Wolfie Christl führt als Beispiel etwa die US-amerikanische Supermarktkette Target an, die "aus einer Analyse des Einkaufsverhaltens schwangere Frauen und sogar deren Geburtstermin identifizieren" konnte. Facebook-Likes könnten Auskunft über Geschlecht, Alter und sexuelle Orientierung geben und das Telefonie-Verhalten als Grundlage genutzt werden, um Charaktereigenschaften zu berechnen. Es komme dank des Einsatzes von Big Data zum Beispiel zu Personalentscheidungen, zu "Preisdiskriminierungen" und gezielter Werbung.

Dass Daten über Menschen gesammelt und für die Erstellung von Profilen benutzt werden, kennt man in Deutschland durch die Schufa und deren "Scoring", das ausschlaggebend für die Vergabe von Krediten sein kann. Doch dank neuer Technologie kann dieses Prinzip auf andere Bereiche übertragen werden - etwa beim Einsatz von Überwachungsboxen in Autos, die Daten zum Fahrverhalten an die Kfz-Versicherungen weitermelden. Und die Policen werden dementsprechend angepasst. In Ländern wie Italien, Frankreich und den USA habe sich dieses Prinzip schon etabliert, schreibt Christl. Viele dieser "Überwachungsgeräte" kaufen sich die Konsumenten selbst: E-Book-Reader, Fitness-Armbänder, TV-Geräte, Stromzähler, Thermostate, Brandmelder, Kühlschränke.

Eine große Gefahr dabei, schlussfolgert Christl, sei eine mögliche Diskriminierung, wenn aufgrund der Daten über lebenswichtige Fragen aus den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Versicherungen und Arbeit entschieden wird.