Stand: 18.03.2015 10:30 Uhr  | Archiv

Trollangriffe: Reaktionen der Redaktionen

Trolle sind der Alptraum aller online tätigen Journalisten und Redakteure. Sie machen das kaputt, was Onlinemedien spannend macht: Streiten, Diskutieren, Interagieren mit anderen Nutzern. Denn allzu oft gleichen die Kommentare eher wüsten Beschimpfungen. Destruktive und beleidigende Äußerungen zerstören die Diskussionskultur im Netz - und zwingen Medien zu Reaktionen.

Diese Maßnahmen fallen jedoch ganz unterschiedlich aus: Einige versuchen die Nutzerkommentare nicht chronologisch zu sortieren, sondern nach der Qualität des Inhalts. Dabei werden sowohl Algorithmen eingesetzt als auch Bewertungssysteme, die diejenigen Kommentare nach oben spülen sollen, die von anderen Nutzern und von Redakteuren für lesenswert befunden wurden. Große Social-Media-Plattformen wie YouTube und Facebook setzen solche Techniken ein, die "New York Times" zum Beispiel bietet unterschiedliche Sortiermöglichkeiten zum Anklicken - chronologisch oder sortiert nach Empfehlungen anderer User oder der Redaktion.

Zurücktrollen als Taktik

Bei Spiegel Online gehören Kommentarspalten zum Geschäftsmodell: "Wir wollen gerne auf Augenhöhe kommunizieren, dann muss man den Leuten natürlich auch irgendwo ein Forum bieten", erläutert Torsten Beeck, Verantwortlicher für Social Media beim "Spiegel". Um etwas gegen die Trolle zu unternehmen, schießt die Redaktion daher gelegentlich zurück: "Das ist manchmal eine Möglichkeit zu sagen: 'Ich kann nicht mehr, es bringt nichts mit dir zu diskutieren' - und da auch einen Schlussstrich drunter zu ziehen", so Beeck.

Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Club, begrüßt diese Entwicklung: "Ich beobachte mit großer Freude, dass jetzt die Redaktionen anfangen, ihre Pappenheimer auch mal zurück zu verarschen. Das find ich lustig", sagt Neumann. "Ich glaube nicht, dass sie sie damit loswerden. Aber wichtig ist: Wenn man diesen Menschen schon großzügig sein eigenes Wohnzimmer anbietet, um diese Meinungen in die Welt zu pusten, dann hat man natürlich auch das Recht, diese Meinung in einen Kontext zu setzen."

Klasse statt Masse: Kommentare einschränken?

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Möchte lieber weniger, dafür aber gute Kommentare: Dirk von Gehlen von der "Süddeutschen Zeitung".

Bei der "Süddeutschen Zeitung" ist man einen anderen Weg gegangen und hat die normalen Kommentarspalten direkt unter den Online-Artikeln abgeschafft. Stattdessen werden täglich drei ausgewählte Fragen zu aktuellen Themen gestellt, die die Nutzer diskutieren sollen. Dirk von Gehlen, der dortige Leiter "Social Media/Innovation" erklärt warum: "Mir ist ein guter Kommentar lieber als hundert schlechte, die nur darauf abzielen, eigene Meinungen in den Mittelpunkt zu stellen oder jemand anderen zu diffamieren. Unser Ziel ist, diesen einen Kommentar so prominent zu machen, dass andere diesem Beispiel folgen. Und da sind wir auf einem Weg, der ist noch nicht zu Ende - und wir wollen unbedingt weitergehen."

NDR und tagesschau.de mit eigenen Ansätzen

Die meist frequentierte Nachrichtenseite der ARD, tagesschau.de, muss dagegen bis zu 2.000 Kommentare pro Tag bearbeiten. Dort feilt man seit einiger Zeit an einem neuen Konzept für User-Kommentare. Anna-Mareike Krause, Social-Media-Koordinatorin von ARD-aktuell, sagte dazu auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Social Media Week: "Es ist ein Spagat und wir sind gerade in einem ganz intensiven Denk- und Gesprächsprozess, um nach einer Lösung zu suchen diesen Spagat zu bewältigen. Aber eben auf eine Weise, die gut zu uns passt und die auch unserer Community gerecht wird."

Bei NDR.de wird sich dagegen vorerst nichts an den Kommentarrichtlinien ändern, sagt Redaktionsleiter Marcus Bensemann: "NDR.de hat die Philosophie, dass wir so liberal wie möglich sind, was die Kommentare unserer User betrifft. Wir sollten diesen Dialog fördern, wo wir können, auch wenn es manchmal unbequem ist. Mit Witz, Argumenten, Beharrlichkeit und Herz lässt sich die Lage fast immer retten. Trolle verdienen keine Toleranz, sie müssen geschickt entwaffnet werden!"

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ZAPP | 18.03.2015 | 23:20 Uhr