Stand: 27.12.2015 17:30 Uhr

"Steckt die Köpfe nicht nur in die Tastatur!"

Der Jahreskongress vom Chaos Computer Club (CCC) hat am Sonntag in Hamburg begonnen. Tausende Programmierer, Elektronikbastler, Kämpfer für die Internet-Freiheit und andere Computer-Freunde sind in der Hansestadt dabei. Die Teilnehmer diskutieren an vier Tagen bis tief in die Nacht beispielsweise über E-Mail-Sicherheit, Internetzensur und die Auswirkungen von Algorithmen auf das alltägliche Leben. Oder sie demonstrieren, wie sich elektronische Bezahlsysteme oder Spielekonsolen manipulieren lassen. Und gemeinsam an Software gearbeitet wird zwischen Kunst-Installationen und Hardware-Bastelecken auch.

"Steckt eure Köpfe nicht nur in die Tastatur"

Das Motto des Kongresses: "Gated Communities", zu deutsch "abgeschottete Gemeinschaften", spielt unter anderem auf Internet-Plattformen wie Facebook an - kann aber auch ganz aktuell politisch verstanden werden. Die Eröffnungsrede hielt aber eine Frau, die erklärte, dass sie selbst höchstens über IT-Grundkenntnisse verfüge: Fatuma Musa Afrah, geboren in Somalia und Muslimin. "Wir Hacker denken wir viel darüber nach, wie man virtuelle Grenzen überwindet - aber wir haben keine Erfahrung damit, physische Grenzen zu überwinden", sagte Linus Neumann vom Chaos Computer Club zur Eröffnung. "Diese Frau schon."

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Fatuma Musa Afrah wuchs in einem Flüchtlingslager in Kenia auf. Vor Kurzem kam sie nach Deutschland. "Ich bin kein Flüchtling, ich bin ein Neuankömmling. Ich bin jetzt eine Deutsche", sagte sie und berichtete von ihren Erfahrungen als Aushilfs-Englischlehrerin in Brandenburg. "Kinder haben mich gefragt, ob ich nachts weiß werde. Als Eltern müssen wir unsere Kinder so erziehen, dass sie wissen, dass sie nicht in einer abgeschotteten Gesellschaft leben, sondern es Vielfalt gibt."

Die Afrikanerin forderte die versammelten Hacker auf, über den eigenen Tellerrand zu schauen. "Viele IT-Experten hängen mit dem Kopf über ihrer Tastatur. Sorry, aber hebt sie hoch und nehmt die Welt um euch herum wahr!" Am Thema Flüchtlinge habe man in diesem Jahr nicht vorbeigehen können, begründete Neumann die Entscheidung: "Gated Communities sind ein Trend, den wir überall beobachten - im Netz, aber auch in der ganz harten Realität unserer Gesellschaft unserer Staaten und der Menschen, die leben wollen - egal wo."

Bisher interessierte Hacker vor allem die Netz-Politik

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Auch auf dem Congress - zumindest als 3-D-Druck: Edward Snowden.

Politische Botschaften haben auf dem Chaos Communication Congress Tradition - aber in der Vergangenheit ging es vor allem um netzpolitische Anliegen. So demonstrierten Hacker 2014, wie sich der Fingerabdruck von Bundesverteidigungsministerium Ursula von der Leyen nachmachen ließ. 2013 war der NSA-Enthüllungsreporter Glenn Greenwald einer der Hauptredner, der die Besucher zum Kampf gegen Überwachung aufforderte. Nun ist unter anderem die Unterstützung des CCC für Internetzugänge in Flüchtlingsunterkünften Thema. Außerdem werden ausrangierte Laptops, Tablets und Smartphones für Neuankömmlinge gesammelt.

12.000 Teilnehmer werden erwartet

Seit Langem strahlt das Treffen in der Hacker-Szene über Deutschland hinaus und zieht auch viele Besucher aus dem Ausland an. 2014 kamen laut Veranstaltern rund 12.000 Teilnehmer zur Tagung ins Congress Centrum Hamburg. In diesem Jahr werden es wohl ähnlich viele werden: Bereits nach kurzer Zeit waren im Vorverkauf sämtliche Karten weg. An der Kasse werde es nur noch wenige Tagestickets geben, teilte der CCC mit. Das sorgte für Kritik von leer ausgegangenen Interessierten. Denn schließlich war der Chaos Communication Congress erst 2012 von Berlin zurück an seinen Ursprungsort Hamburg gezogen, um mehr Platz zu haben.

"Junghacker" sind gern gesehen

Keine Sorge über den Eintritt müssen sich Kinder und Teenager machen, die sich für Technik interessieren. Sie können am 28. Dezember selbst mal ausprobieren, wie man einen Roboter oder eine Alarmanlage baut. Für alle bis 14 Jahre (und eine erwachsene Begleitperson) ist der Eintritt am "Junghackertag" zum Kongress frei. An allen vier Tagen gibt es einen ganzen Bereich für Kinder - und ein Bällebad, in das auch erwachsene Hacker gerne eintauchen und zum beliebten Foto-Motiv werden.

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