Stand: 20.11.2014 15:02 Uhr  | Archiv

Tagesschau.de will Kommentare einschränken

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Hasskommentare von Internet-Trollen: Der blanke Horror?

Es war der schöne Traum des Web 2.0: Die Partizipation des Users, das Ende der Einbahnstraßen-Kommunikation der Medien zu ihren Nutzern. Auf bestimmte Themengebiete bezogen, hat sich diese Vision für Redaktionen in einen Albtraum verwandelt: Sachlich geführte Diskussionen gerade zum Thema Russland, der Ukraine oder Medienfreiheit im Allgemeinen, sind mitunter kaum möglich. Zu aufgeheizt sind die Emotionen, zu unsachlich die User-Beiträge, die oft eher wüsten Beschimpfungen gleichen. Nicht nur Journalisten müssen Drohungen und Beleidigungen aushalten, auch Privatpersonen und in der Öffentlichkeit stehende Menschen sehen sich immer wieder im Netz attackiert.

Das Phänomen verstehen lernen

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Die "FAZ" erhielt für ihr Porträt eines Internet-Trolls viel Aufmerksamkeit.

Nun ist die Zahnpasta aus der Tube - die Hasskommentar-Kultur ist da - zurückdrücken kann man sie nicht. Für einige User sind die Hass-Kommentare längst zum Selbstzweck geworden, zu einer Art Sucht. Wie sollen Medien also damit umgehen - vor allem online? Tagesschau.de meldet, immerhin bis zu 2.000 Kommentare pro Tag bearbeiten zu müssen. Diverse Redaktionen haben in den letzten Monaten zunächst verstärkt hinter das Phänomen geschaut: beispielsweise mit dem Artikel "Ich bin der Troll", der im September in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien. Es folgte ein ähnliches Porträt auf tagesspiegel.de, am 16. November veröffentlichte nun die BBC das Interview mit einer 24-Jährigen, die im Januar für ihre "drohenden Kommentare" gegen eine Frauenrechtlerin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Wie können Redaktionen einen Kulturwandel anstoßen, ohne sich den Vorwurf der Zensur - der ja sofort laut hinausgeschrien wird - gefallen lassen zu müssen? Süddeutsche.de beispielsweise beschränkt sich seit einiger Zeit auf ausgewählte Themen, zu denen User weiter kommentieren können.

Sind Einschränkungen die Lösung?

Seit dem 20. November überlegt nun auch tagesschau.de öffentlich, die Kommentarfunktion zu ändern: "Wir denken über neue Konzepte nach (...) Und wir denken durchaus auch darüber nach, Themen einzuschränken", sagt tagesschau.de-Redaktionsleiterin Christiane Krogmann. Tagesschau.de selbst lässt die Medienwissenschaftlerin Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut zu Wort kommen: "Sowohl auf Publikumsseite als auch auf Journalistenseite sind wir gerade erst dabei, die Regeln, die dafür gelten sollten, auszuhandeln."

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