Stand: 14.10.2015 17:01 Uhr

Streit um Online-Werbeblocker in vollem Gange

Blinkende Banner, kreischende Videos, die den Text verdecken: Online-Werbung kann ganz schön nerven. Umso schöner für viele Nutzer, dass es inzwischen Programme gibt, die die Reklame einfach ausknipsen. Lange waren diese Werbeblocker etwas für Experten. Doch seit Apple vor einigen Wochen sein neues iPhone-Betriebssystem präsentiert hat, sind die sogenannten Adblocker beinahe in aller Munde - und sie sorgen für gehörig Unruhe. 

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BILD.de fordert dazu auf, Adblocker zu deaktivieren.

"Mit aktiviertem Adblocker können Sie BILD.de nicht mehr besuchen", heißt es seit dieser Woche auf der Seite des klickstärksten deutschen Medienportals. Bild will seine Nutzer auffordern, die populären Werbeblocker speziell für bild.de zu deaktivieren. Denn: "Ohne Erlöse aus dem Verkauf von Werbeplätzen können wir die Arbeit unserer Journalisten nicht finanzieren", so die Boulevard-Zeitung.

Reichweite von Bannern und Anzeigen wird geschmälert

Für die gesamte Branche gilt: Spätestens seit etwa das iPhone die Werbeblocker schon ab Werk unterstützt, werden die Adblocker zu einer echten Bedrohung für das eigentlich so florierende Geschäftsmodell Online-Werbung. Wird Werbung geblockt, schmälert das die Reichweite der einzelnen Banner und Anzeigen. Und für weniger Reichweite gibt es weniger Geld.

Das sei gerade für journalistische Angebote ein Problem, sagt Jens Ihlenfeld, Geschäftsführer des IT-Nachrichtenportals golem.de im Medienmagazin ZAPP: "Wir würden gerne viel besseren Journalismus und viel bessere Inhalte für unsere Leser machen - wenn wir sie denn finanziert bekommen. Wir hätten das Potenzial, die Einnahmen zu verdoppeln."

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Werbeindustrie steuert gegen

Inzwischen aber hat beinahe jeder vierte deutsche Internetnutzer einen Werbeblocker installiert. Der Online-Vermarkterkreis rechnet mit etwa 22 Prozent geblockter Werbung, Tendenz steigend. Der Kampf zwischen Werbeindustrie und Werbeblockern ist voll entbrannt. Erstere haben dafür sogar schon Bürohengst Stromberg - also Schauspieler Christoph Maria Herbst - gewinnen können. In einem Spot stöhnt er: "Boah, schon wieder so ein Adblocker. Das ist wie wenn einer von der Capitol bei Ihnen klingelt und Sie behandeln ihn wie einen Zeugen Jehovas. Dabei ist Versicherung wichtig ... äh, Werbung! Also, Freunde der indischen Brotsuppe: Werbeblocker ausschalten."

Kritik an "beinahe mafiösen Methoden"

Einer der weltweiten Marktführer in Sachen Werbeblocker ist die Kölner Firma Eyeo - ihr Programm "Adblock Plus" wurde rund 500 Millionen Mal runtergeladen. Geschäftsführer Till Faida liegt seit gut einem Jahr im juristischen Clinch mit einigen Medienhäusern. Deren Beschwerden kann er dabei nicht viel abgewinnen: "Wenn man nun mal Produkte kreiert - und ein blinkender Werbebanner ist so ein Produkt, das von den Nutzern nicht akzeptiert wird -, dann kann man sich hinterher nicht beschweren, wenn es keiner sehen will."

Faida ist der Überzeugung, dass Werbeblocker die Werbung besser machen. Er sucht daher Kooperationen für "nutzerfreundliche Werbung". Ein hehres Ziel. In der Praxis heißt das aber häufig auch: Gegen Geld wird bestimmte Werbung wiederum durch die Blockade-Wand gelassen. Beinahe mafiöse Methoden seien das, schimpfen die Kritiker, zu denen auch Oliver von Wersch, Gruner+Jahr-Manager und Sprecher des Online-Vermarkterkreises, gehört: "Das heißt, der User lässt sich darauf ein, dass er keine Werbung sieht. Aber durch die Hintertür verkauft 'Adblock Plus' Werbung an Unternehmen. Aus unserer Sicht ist das sehr fragwürdig."

Was, wenn ich Werbung sehen will?

Und noch eine größere Frage dürften sich die Nutzer stellen, eine beinahe moralische: Darf man überhaupt einen der zahlreichen Werbeblocker nutzen, wenn man weiter kostenfreie, weil werbefinanzierte Webseiten sehen will? Eine Antwort darauf ist gar nicht so einfach. Den Vorstoß von Bild.de haben manche Twitter-Nutzer daher erst mal pragmatisch bis hämisch kommentiert: "Super, mein Adblocker schützt mich zukünftig auch vor versehentlichen Klicks zu Bild".

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NDR Info | 15.10.2015 | 08:08 Uhr