Stand: 27.06.2016 09:43 Uhr

Social TV Summit 2016: Der Kampf ums Social Web

von Nicola von Hollander
Landete mit einer klaren Haltung zu Köln einen viralen Hit: Claus Strunz.

Ein "magic moment" war es für Claus Strunz, Axel Springers Geschäftsführer für den den Bereich TV und Videoproduktionen: Mit einem Kommentar voller Thesen zum "Fall Köln" habe er Anfang Januar dieses Jahres im Social TV die 57-fache Reichweite des linearen Frühstücksfernsehens zum selben Thema erzielte. "Das war so magisch wie der Moment, in dem ich meine Frau kennenlernte", schwärmt Strunz.

Das Erfolgskonzept für Social TV ist für den ehemaligen Chefredakteur der "Bild am Sonntag" so alt wie bewährt: der Boulevard. Ein aktuelles Thema werde plattformgerecht erzählt. Eine Persönlichkeit halte ihren Kopf hin. Es gehe um Emotionalität, um Typen und um Prominenz, aber auch um Meinungsstärke und Haltung. "Unterhaltung mit Haltung erzeugt Aufmerksamkeit", schreibt Strunz den Teilnehmern des der Konferenz Social TV Summit in München ins Stammbuch. Er setzt seitdem auf "steile Thesen" und will Kommentare auslösen, also Interaktion mit dem Nutzer. "Das Erfolgsmodell der 'Bild' ist das Erfolgsmodell für Social TV", bilanziert er.

Und er hat noch ein weiteres Erfolgsrezept: "Beat the Boss". Damit ist gemeint: Wenn ein Mitarbeiter mehr Reichweite im Social Web erziele als er, der Chef, bekomme der Kollege einen Bonus.

Fehler beim Ausprobieren sind erlaubt

Nicht alles, was die Axel Springer SE im Social TV versuche sei der Kracher, gibt Strunz zu. Aber auch die Flops erweiterten den Erfahrungsschatz. Er verstehe sich heute als Europameister des "Trial and Error". Früher habe man sich in den Redaktionen mit Fehlschlägen eher verstecken müssen. Im Digitalen lerne man daraus. Ein neues Denken also in den Redaktionen, auch darüber, wie Nachrichten im Social Web aussehen.

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Clas Dammann von der ZDF-Sendung "heute+" hat da eine sehr klare Position: "Social-Media-Nachrichten sind nicht mehr an Aktualität gebunden, sondern Nachrichten, die das Leben des Nutzers berühren. Er muss dazu eine Beziehung haben - und eine Meinung. Die Kunst im Internet besteht darin, Inhalte so zuzuspitzen, dass dadurch eine Unterhaltung ausgelöst wird." Dammann will im Laufe des Tages auf verschiedenen Social-Media-Kanälen Inhalte ausspielen, die am Abend in der linearen Sendung Thema sind. Und ergänzt: "Nachrichten auf YouTube sind nicht von Medienmarken gemacht, sondern von YouTubern“. Der Sender verschwindet.

Youtube, Facebook, Twitter oder Snapchat. Die Ausspielwege sind vielfältig. Nicht jedes große Medienhaus bespielt aber alle Kanäle. ProSiebenSat.1 hat gerade mit einer "Snapchat-Woche" experimentiert, das heißt täglich eine Sendung in Storyboards zerlegt und mit insgesamt mehr 400 Snaps etwa 55.0000 Snapviews erzielt, vor allem in der Gruppe der 18-24-Jährigen. Eine sehr aktive Zielgruppe, weiß Carsta Maria Müller von ProSiebenSat.1 Digital.

Live-Formate sind stark im Kommen

Immer mehr Social-TV-Macher setzen auf Livestream. Im Rahmen des Social TV Summit entbrannte darüber eine Diskussion, weil der Fernsehmoderator Thore Schölermann die Gefahr sieht, dass jeder Verschwörer, Kriegstreiber oder Extremist live seine Botschaften verbreiten kann. Dagegen will Martin Heller von WeltN24 journalistische Inhalte setzen, will gute Recherche Social-Media-gerecht aufarbeiten. "Rough und wild, aber journalistisch relevant", nennt er das. Thore Schölermann meint, dass im Livestream am Ende immer etwas krasses passieren müsse, um den Nutzer zu binden.

RTL 2 will seine Sendungen mit "Social Content" verschmelzen, das heißt junge Serien im Social TV platzieren. "Sharing is caring", lautet Christian Nienabers Motto für RTL. Und dabei setzt er im Netz auch auf ein neues Business-Modell: weniger Werbung pro Stunde. Sonst gehen die Nutzer genervt davon. Zu viel Werbung störe das virtuelle "Meet and Greet", so Nienaber.

Geld verdient wird noch nicht im Social TV

Wie passt das alles zusammen? Eines wird klar: Im Social Web wird derzeit viel experimentiert. Jedes große Medienhaus hat ein Digital-Labor, jeder sucht neue Formate. Social TV ist also eine völlig neue Herausforderung, in der Martin Heller von WELTN24 auch einen neuen Bedarf sieht: "Wir brauchen mehr Personal, statt mehr Technik. Mehr Smartphones als Übertragungswagen."

Jeder kann heute im Internet ein Massenmedium betreiben. Die Medienhäuser sind deshalb aufgewacht und suchen nach neuen Ausspielwegen für ihre Inhalte. Alles ist in Bewegung. Nur Goldgräberstimmung will noch nicht aufkommen: "Mit Snapchat ist kein Geld zu verdienen, mit Facebook ein bisschen - mit dem Fernsehen immer noch sehr viel", fasst Matthias Mehner von ProSiebenSat.1 die Lage zusammen. Aber dabei sein wollen im Social TV alle.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 03.08.2016 | 23:20 Uhr

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