Stand: 15.04.2015 06:50 Uhr  | Archiv

Schüler entwickeln Facebook-Alternative

von Anja Haufe

Mit zwölf Jahren hat Lennart Knisch einen Beitrag auf die Facebook-Seite eines Unternehmens geschrieben, ohne auf Groß- und Kleinschreibung zu achten. Als er sich Jahre später für sein erstes Praktikum bewarb, googelte er seinen eigenen Namen, um zu sehen, was er über sich im Internet finden konnte. Dabei entdeckte er den alten Beitrag. Alle Bemühungen, ihn zu löschen, waren erfolglos. "Das macht doch keinen guten Eindruck, wenn Firmen sich im Internet über mich informieren", klagt Knisch. Zu dem Zeitpunkt kam ihm bereits der Gedanke, aktiv etwas für Privatsphäre im Internet zu tun. Heute, fünf Jahre später, stellen er und Lukas Becker Sociax vor, ihr eigenes soziales Netzwerk.

Die Vision: Privatsphäre im Internet

Sociax ist ganz klar in Abgrenzung zu Facebook entstanden. An dem Platzhirsch unter den sozialen Netzwerken führt für viele Internetnutzer kein Weg vorbei. Rund eine Milliarde Mitglieder hat allein Facebook. Inzwischen gehören auch WhatsApp und Instagram zu dem Konzern. "Es ist natürlich schwierig, Leute zu überzeugen, von Facebook oder anderen Netzwerken zu uns zu kommen", sagt Lukas Becker. Er hat Sociax zusammen mit Knisch programmiert. Beide haben sich selbst PHP, Javascript, HTML und CSS beigebracht. Die Sociax-Nutzerdaten sind in einer sogenannten MySQL-Datenbank gespeichert. Bei Facebook ärgern sich Knisch und Becker vor allem über die personalisierte Werbung, die Weitergabe von Daten an Dritte und die Tatsache, dass sie Daten nicht löschen können.

Sociax basiert auf einer Vision. Knisch und Becker haben eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet. Die beiden könnten zwar in der Datenbank nachsehen, wie viele Nutzer Sociax aktuell hat. Sie müssen diese Information aber für sich behalten. Sie wollen bewusst keine Daten analysieren und erst recht nicht weitergeben. Ihr Werbepartner hat nur erfahren, wie viele Seitenabrufe es in einem Monat gegeben hat.

Profile und Nachrichten komplett löschbar

Knisch und Becker wollen die Privatsphäre ihrer Nutzer schützen. Und zwar so: Ihr Server steht in Deutschland, das heißt, es gilt das hiesige Datenschutzrecht. Die Nachrichten und Chats werden SSL-verschlüsselt zum Server gesendet. SSL ist als Verschlüsselungstechnik Standard und lässt sich auch bei Facebook nutzen. Dort muss man diese Funktion allerdings finden und aktivieren, sie ist nicht voreingestellt. Bei Sociax werden die Nachrichten- und Chatverläufe zusätzlich AES-verschlüsselt auf dem Server gespeichert. Nutzer sollen auf Wunsch sowohl Nachrichten als auch ihr komplettes Profil vollständig löschen können.

Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) von Sociax sind zwar auch teilweise umständlich formuliert, aber immerhin auch für juristische Laien verständlich. Da heißt es zum Beispiel: "Diese Daten werden keineswegs werbezwecklich genutzt. (...) Wir behalten es uns vor, gezielte Angaben von Ihnen (Alter, Geschlecht, Interessen, Wohnort), anonymisiert, zur internen Analyse des Nutzerverhaltens auszuwerten. Diese Daten werden keineswegs an Dritte weitergegeben."

Facebook-Gegner bis jetzt gescheitert

Der fehlende Schutz der Privatsphäre wird häufig als Argument gegen Facebook genannt. Das ruft Konkurrenten auf den Plan. Diaspora hat sich vor drei Jahren als dezentrales, unabhängiges Netzwerk gegründet. Ein weiteres soziales Netzwerk, das vergangenes Jahr an den Start ging, heißt Ello, wirbt mit Datensicherheit und ist nicht besonders bekannt. Auch bei den Apps versuchen Kurznachrichtendienste wie Threema und Co der Facebook-Tochter WhatsApp Konkurrenz zu machen. Die Nutzerzahlen von Facebook und WhatsApp liegen weit über denen anderer sozialer Medien. Bis jetzt scheinen Nutzer immer noch lieber da zu sein, wo alle sind, als zum Datenschutz das Netzwerk zu wechseln.

Alles in ihrer Freizeit

Hauptberuflich sind Lennart Knisch und Lukas Becker übrigens Schüler. Nächstes Jahr steht das Abitur an. Auf die Frage, ob ihre Freizeit nicht mit Schule plus Sociax zu kurz käme, sagt Knisch: "Freitagabend werkeln wir zum Beispiel hier im Büro ab 18 Uhr und dann können wir ja ab 22 Uhr immer noch Freunde treffen, das geht schon."