Stand: 06.01.2015 16:00 Uhr  | Archiv

Wie es zur gefälschten Pegida-Absage kam

von Teja Adams

Am Montagmittag der Schock für die Pegida-Anhänger: Die für 18.30 Uhr angesetzte Demonstration in Dresden ist abgesagt. Das meldet "Der Postillon". Die Satire-Seite ist für alles andere als ernsthaften Nachrichtenjournalismus bekannt, doch dieser Artikel ist anders. Denn anders als sonst wirkt er nicht überzeichnet, sondern enthält eine ganze Reihe vermeintlich echter Belege dafür, dass die Veranstaltung nicht stattfindet.

"Quelle" des Artikels ist ein Posting des angeblichen Mitorganisators Lars Kressmann. Es habe Streit im Organisatoren-Team gegeben, deswegen sei die Demonstration in Dresden abgesagt. Auf der offiziellen Pegida-Facebook-Seite gibt es kurz danach ein Dementi, die Demonstration werde wie geplant stattfinden. Nur konsequent folgt darauf das Dementi des Dementi des angeblichen Mitorganisators Lars Kressmann:

"Spiegel Online" berichtet

Noch verwirrender wird es kurz danach, als die Bestätigung der Absage durch "Spiegel Online" folgt. Könnte man denken, denn die Seite sieht täuschend echt aus. Nur die Adresszeile verrät, dass es sich um eine gefälschte "Spiegel Online"-Seite handelt. Möglich macht das der Dienst tinyur1.co. Nach der Eingabe einer URL lässt sich damit jeder Inhalt einer Website verändern. Die vermeintliche "Spiegel Online"-Bestätigung schafft noch mehr Verwirrung. Der "Postillon" verbreitet sie über seine Social-Media-Seiten, "Spiegel Online" dementiert aber nach kurzer Zeit:

Auch das Dementi von "Spiegel Online" wird wenig später dementiert - die Verwirrung ist perfekt.
Die Reaktionen auf die "Postillon"-Aktion reichen von Verwirrung über die angebliche Absage bis zu der Feststellung: "Medienaktion des Jahres".

ZAPP hat mit "Postillon"-Gründer Stefan Sichermann über die Pegida-Absage-Aktion gesprochen.

Wie sind Sie auf die Idee zu der Aktion gekommen? 

Stefan Sichermann: Die Idee kam von einem anderen kleineren Satireblog: Morgenschau. Der Macher hat uns gefragt, ob wir Lust haben, Pegida abzusagen. Hatten wir.

Haben Sie sich auf den erwartbaren Shitstorm vorbereitet? 

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"Postillon"-Gründer Stefan Sichermann

Sichermann: Nicht direkt. Ich bin da schon leidgeprüft. Bis auf verbale Beschimpfungen kam da aber nichts.

Hatten Sie keine Angst vor dem, was da zurückkommt? Ihre Namen stehen immerhin für jeden lesbar im Impressum. 

Sichermann: Und jetzt steht das auch noch in diesem Artikel, dass die Namen im Impressum stehen. Na, vielen Dank.

Was wollten Sie mit der Aktion bewirken? 

Sichermann: Nichts konkretes. Ein bisschen Verwirrung stiften. Die Intelligenz der Pegida-Anhänger testen. Und auch unsere eigene Neugier befriedigen, was passiert, wenn man so etwas macht. Die weiteren Drehs entstanden spontan, während die Geschichte ins Rollen kam.

Hat sich "Spiegel Online" wegen der gefakten "Spiegel Online"-Seite bei Ihnen gemeldet? 

Sichermann: Vorab: Das mit "Spiegel Online" waren nicht wir. Das war ein Fan, der sich dachte, wenn schon Verwirrung, dann richtig. Wir haben es dann nur auf Facebook weiterverlinkt. Mit der Rechtsabteilung von "Spiegel Online" durfte ich dann aber trotzdem korrespondieren. Ging aber schiedlich-friedlich vonstatten. Auch zahlreiche weitere Fälschungen, die kursierten - etwa Bild.de oder von dresden.de, waren nicht von uns. 

Was sind die TOP 3 der Beleidigungen? 

Sichermann: Spontan schwierig. "Vaterlendsverräter" (sic!) ist aber schon ziemlich weit vorne dabei. "Pisswichserfressen" hat uns heute auch wer genannt: Oh, und uns wurde mehrfach vorgeworfen, dass wir vom NDR oder gleich vom Staat gekauft sind, weil die Postillon24 Nachrichten doch im NDR laufen. Ist natürlich albern, aber insofern sollten wir jetzt am besten eine Weile Distanz zum NDR wahren. Von welchem Sender waren Sie gleich noch mal?

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