Stand: 24.07.2013 16:00 Uhr  | Archiv

Organisierter Frauenhass im Netz

Die Kommentar-Funktion bei Online-Artikeln ist aus dem Internet längst nicht mehr wegzudenken. Die Leser von Beiträgen, etwa auf NDR.de, können durch sie ihre Ansichten äußern und direkt miteinander diskutieren. Doch immer wieder werden diese Foren auch für Anfeindungen und Beleidigungen missbraucht. Meist handelt es sich dabei um vereinzelte Kommentare. Doch manchmal organisieren sich auch Gruppen von Kommentatoren und nehmen ganze Foren für sich ein. Seit einiger Zeit zum Beispiel mit scharfen Angriffen gegen Feministinnen. Unter Artikeln, die sich mit Verhältnis mit Familienpolitik, Quotenregelungen oder anderen Geschlechterfragen beschäftigen, herrscht schnell ein hasserfüllter Kommentar-Tonfall.

Von Katharina Buss, NDR Info

"Brauchen wir Feminismus?" - mit dieser Frage betitelte NDR.de einen seiner Online-Artikel Anfang des Monats. Darin wurde eine Gruppe von Frauenrechtlerinnen aus Hannover vorgestellt. Binnen kürzester Zeit fanden sich weit mehr als einhundert Kommentare auf der Seite.

"Wer braucht schon eine menschenverachtende Ideologie, die Männern ihre Männlichkeit austreiben will."

"Vergewaltigung? Darauf hoffen doch viele von diesen hässlichen Weibern vergeblich bis heute."

"Frauen haben es schwerer? Unsinn, die werden überall gefördert."

"Wie dem auch sei. Wir sind unterwegs. Dagegen ist nichts zu machen. Wir entreißen den Frauen und den Medien die Deutungshoheit. Das ist unser Geburtsrecht."

Verstöße gegen Kommentarregeln werden geahndet

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NDR Netzwelt-Redakteur Fiete Stegers betont, dass die User-Kommentare, die NDR.de veröffentlicht, den Richtlinien entsprechen müssen.

Irgendwann kam die Redaktion von NDR.de nicht mehr hinterher, die Beiträge auf Verstöße gegen die Kommentarregeln zu kontrollieren. Sie sah sich schließlich gezwungen, das Forum ganz zu schließen, erläutert NDR Netzwelt-Experte Fiete Stegers: "Wir haben Richtlinien, welche Kommentare bei uns auf der Seite erscheinen dürfen und welche nicht. Ganz einfach: Strafrechtlich relevante Beiträge dürfen das nicht sein. Wenn jemand zu Gewalt aufruft, wenn jemand beleidigend wird gegen andere Personen. Es soll für alle eine fruchtbare Diskussion sein."

Aktion einer organisierten Gruppe

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Der Soziologe Hinrich Rosenbrock kennt das Phänomen der "Hate Speeches" im Internet.

Der Soziologe Hinrich Rosenbrock ist davon überzeugt, dass die ungewöhnlich hohe Anzahl grenzüberschreitender Kommentare kein Zufall war. Seiner Einschätzung nach hatte NDR.de Besuch von einer organisierten Gruppe von Antifeministen, die gezielt sogenannte Hate Speeches - zu deutsch Hass-Reden - gegen Frauen im Internet verbreiten. "Da wird zum Beispiel gegenseitig aufgerufen: 'Hier gibt es einen Artikel zum Thema Geschlechterpolitik, kommentiert doch mal alle.' Dann ist es meistens so, dass einige Personen in diese Foren gehen und da ihre Meinung vertreten, aber auf eine Art und Weise, die andere Diskussionsteilnehmer ausschließt."

Antifeminismus ein "Konstrukt der männlichen Opferideologie"

Der Begriff Maskulismus

Anhänger der Männerrechtsbewegung und Antifeministen bezeichnen sich selbst als Maskulisten. Maskulismus wird auch als Synonym für Maskulinismus verwendet, der die Überzeugung bezeichnet, Männer oder bestimmte als männlich erachtete Eigenschaften seien naturbedingt überlegen. Maskulismus ist darüber hinaus ein Synonym für Androzentrismus, eine Sichtweise, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht.

Rosenbrock hat die Männerrechtsbewegung in Deutschland untersucht. Ihm zufolge handelt es sich bei ihnen um mehrere hundert Männer, die nach einem persönlichen Erlebnis extrem anti-feministische Haltungen angenommen haben - etwa nach einer Trennung. "Das ist ein Angriff auf ihre Männlichkeit. Um dem zu entgehen, gibt es dieses Konstrukt der männlichen Opferideologie, die sagt, alle Männer sind Opfer, und zwar in allen Lebenslagen, und Schuld daran ist der Feminismus", erklärt Rosenbrock.

Nutzer mit anderen Ansichten werden Rosenbrock zufolge von den Antifeministen oft beschimpft und bedroht. Gleichzeitig versuchen sie mit ihrer Dominanz in Foren gezielt Einfluss auf die Berichterstattung von Journalisten zu nehmen, indem sie den Eindruck vermitteln, die Meinung der kompletten Leserschaft zu vertreten.

Feminismus-Kritiker fühlen sich ungerecht behandelt

Feminismus-Kritiker wie Klaus Walter fühlen sich durch solche Vorwürfe ungerecht behandelt. Der Vorsitzende des Gleichberechtigungs-Vereins Agens meint, dass Männer in vielen Bereichen benachteiligt werden. Es sei sein gutes Recht, diese Meinung im Internet zu vertreten. Die Schließung ganzer Internet-Foren wegen einzelner Grenzüberschreitungen bedauert er: "Feminismus-Kritik muss erlaubt sein. Wenn andere diesen Dialog oder diesen Diskurs verweigern, ist das ausgesprochen schade. Das will nicht gehört werden. Das ist einfach vielleicht auch so was, was das Wohlfühl-Gefühl zerstört. Aber das ist nichts, was von uns aus käme. Wir möchten den Dialog, wir möchten die Auseinandersetzung. Anders geht es nicht."

Soziale Netzwerke wie Facebook haben auf das Problem jetzt reagiert. In einer Stellungnahme gibt das Unternehmen zu, dass seine Strategie gegen frauenfeindliche Hate-Speech-Einträge gescheitert sei. Derzeit entwickle man ein neues Filtersystem.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 25.07.2013 | 08:08 Uhr