Stand: 14.09.2015 11:08 Uhr  | Archiv

Online-Kiosk Blendle startet in Deutschland

von Daniel Bouhs
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Das Rückgaberecht für Texte beim Online-Kiosk Blendle ist nicht unbegrenzt.

So etwas wäre im analogen Leben undenkbar: Leser, die sich an einem Kiosk aus Zeitungen und Magazinen die Geschichten herausreißen, die sie interessant finden, und auch nur für diese bezahlen. Und wenn ihnen ein Artikel nicht gefällt, dann geben sie die Geschichte einfach wieder zurück und bekommen ihr Geld wieder. In den Niederlanden geht das bereits seit einem Jahr - beim Online-Kiosk Blendle. Der ist nun auch in Deutschland gestartet, ein Rückgaberecht für journalistische Texte inklusive.

"Am häufigsten wird Klatsch zurückgegeben"

Das Rückgaberecht ist zweifellos eine Revolution. "Verleger befürchten natürlich, dass Leser davon ständig Gebrauch machen", sagt Blendle-Mitgründer Alexander Klöpping. "Wir wissen aber: Nicht mal jeder Zehnte tut es." Klöpping beruft sich dabei auf die Erfahrung aus den Niederlanden. Eine weitere Beruhigungspille für die Verlage: Blendle hat die Rückgabemöglichkeit für Texte limitiert: Je nachdem, wie viele Texte ein Nutzer bereits gekauft hat, kann er mehr oder weniger Texte zurückgeben. Den Schlüssel dafür hält Blendle allerdings geheim. Klöppel berichtet allerdings: "Am häufigsten wird Klatsch zurückgegeben. Dort hält der Text oft nicht, was die Überschrift verspricht." Das Rückgaberecht sei deshalb "ein Anreiz für Verlage, gute Inhalte zu liefern".

Rund 100 Print-Titel stehen zur Auswahl

In den Niederlanden zählt Blendle bereits 400.000 Nutzer. Bei deutschen Verlagen weckt das große Hoffnung. Axel Springer hat sich zusammen mit der "New York Times" gleich an Blendle beteiligt. Andere Verlagshäuser stellen ihre Inhalte zur Verfügung - gegen Provision. Zum Start können Nutzer bereits in rund 100 Titeln stöbern, vom "Kicker" über "Brigitte" und "Spiegel" bis zur "Hamburger Morgenpost". Nutzer haben dabei die Wahl: Sie können alle Titel durchsuchen, um auf einen Schlag alle Texte zu einem Thema zu finden. Sie können aber auch in einzelnen Titeln stöbern, sogar im Original-Layout. Das alles wirkt durchdacht. Die einzelnen Texte kosten - je nach Publikation und Länge - meist zwischen 20 und 50 Cent.

Verlage schaffen es nicht allein

Inzwischen experimentieren auch immer mehr Verlage selbst mit Bezahlmodellen auf ihren eigenen Seiten. Anders als Blendle hat es die Verlagsbranche allerdings nicht geschafft, eine gemeinsame massentaugliche Plattform aufzubauen. Stephan Scherzer vom Verlegerverband VDZ sagt daher: "Es ist häufig ganz gut, wenn ein neutraler Dritter Modelle anbietet." Die Verlage stünden schließlich im Wettbewerb zueinander, Kooperationen hätten es da schwer. Und selbst, wenn das klappen sollte, hätten die Verleger "sofort das Kartellamt auf dem Anrufbeantworter".

Konkurrenz aus Hamburg

Während Blendle nun mit Verlagen in den USA über einen Start in Amerika verhandelt, wächst die Konkurrenz für das Start-up. Die Hamburger Plattform Pocketstory bietet Nutzern ebenfalls die Möglichkeit, einzelne Texte aus Magazinen und Zeitungen zu kaufen. Pocketstory bietet zwar kein Rückgaberecht, will dafür aber als nächstes auch einzelne Autoren mit in sein Progamm aufnehmen. Das schwedische Readly wiederum bietet seit ein paar Monaten bereits auch hierzulande eine Flatrate für Zeitungs- und vor allem Magazintexte - so wie Spotify für Musik. Anders als bei Blendle hält sich die Begeisterung deutscher Verlage vor allem für Readly aber noch deutlich in Grenzen.

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NDR Info | 14.09.2015 | 07:41 Uhr