Stand: 17.06.2015 12:21 Uhr  | Archiv

Erlebt Feminismus im Netz eine Renaissance?

Wer braucht heute eigentlich noch Feminismus? Die großen Geschlechter-Debatten scheinen doch bereits geführt worden zu sein. Allerdings wurde zuletzt im Internet die Debatte um Sinn und Zweck von Feminismus immer heftiger geführt. Ist das gesellschaftlich relevant? Handelt es sich beim Feminismus 2.0 eher um ein Modephänomen? Oder hat sich das Thema ohnehin erledigt?

Bild vergrößern
Buchautorin Laurie Penny fordert eine neue Form des Feminismus.

Die Meinungen sind geteilt. "Die jungen Frauen sind heute ganz anders drauf, viel fordernder. Sie werden eine ganze Menge mehr erreichen. Sie werden ihre Rechte erkämpfen, mit einer ganz großen Selbstverständlichkeit", sagen die einen. Andere wiederum erwidern: "Ich finde, wir sind absolut gleichberechtigt. Es gibt wichtigere Sachen, wofür man kämpfen kann."

Es gibt noch viel zu erkämpfen, würde Laurie Penny dazu sagen, die derzeit wohl einflussreichste junge Feministin und gefeierte Buchautorin. Gleichberechtigung, so die 28-jährige Britin, gibt es derzeit allenfalls für einen sehr kleinen Kreis von Frauen: "Es gibt diesen Feminismus, der nur für diese Frauen etwas erreicht hat: weiß, gebildet, ökonomisch erfolgreich, meistens in westlichen Länder zu Hause. Aber das ist nicht die weibliche Freiheit, die mich und die meisten Menschen weltweit interessiert. Es ist eine Befreiung, die nur denen nutzt, die es schaffen, sehr reich zu werden."

Für Penny ist der "alte" Feminismus in eine Falle getappt

Aber was ist mit dem Rest? Es gehe nicht nur um eine Frauenquote in den Top-Etagen der Unternehmen, es gehe nicht nur um die viel zitierte "gläserne Decke". Auch der Keller sei wichtig. Ungleichbehandlung von Frauen, Ausbeutung durch unbezahlte Arbeit oder sexistische Rollenklischees, häufig auch Beziehungsmuster, seien noch lange nicht abgelegt, so Penny. Ihre Diagnose: Der Feminismus der letzten Jahrzehnte sei in eine Falle getappt.

#aufschrei stieß eine gesellschaftliche Debatte an

Aber kann ihn der neue sogenannte Netzfeminismus herausholen? Immerhin begann die Karriere von Laurie Penny im Netz. Ähnlich wie die von der deutschen Bloggerin und Autorin Anne Wizorek. "Den Begriff Netzfeminismus verwende ich auch selber, um ein bisschen zu definieren, dass natürlich mittlerweile ganz viele feminisitische Diskurse im Netz passieren, angestoßen werden und auch weitergeführt werden", sagt sie.

Und immerhin gelang es Wizorek vor gut zwei Jahren mit ihrer #aufschrei-Aktion auf Twitter eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen, über Sexismus im Alltag, vor allem im Berufsalltag.

Feminismus vs. Maskulinismus

Bild vergrößern
Anne Wizorek wird im Netz häufig von Feminismus-Gegnern angefeindet.

Knüpfen Penny, Wizorek und die ständig wachsende Gruppe von Mitstreiterinnen - und auch Mitstreitern - damit an Vorgängerinnen an wie Betty Friedan und später Alice Schwarzer oder Bascha Mika? Kritiker gibt es natürlich auch heute reichlich, und der Vorwurf hält sich, dem Feminismus 2.0 sei - oft auf nur 140 Twitter-Zeichen - die Intellektualität vergangener Jahrzehnte verloren gegangen.

Aber immerhin: Er macht ein Angebot, auch an junge Frauen. Und - getrieben durch das Netz - wird er wieder verstärkt sichtbar. Auch heute noch mit einem großen persönlichen Einsatz, weiß Wizorek: "Ja, ich kriege noch Hasskommentare. Und die Frage ist eigentlich immer eher nur, ob es mal mehr oder weniger sind." Sie muss dann entscheiden, wie sie mit anonymen Drohungen umgeht oder mit einem sogenannten Shitstorm. Denn der Widerstand formiert sich - unter anderem der Gruppe der Maskulinisten ist kaum ein Online-Kommentar zu hart. Ihr Credo: Männer seien inzwischen die eigentlich Benachteiligten - "Schluss jetzt also mit dem Feminismus". Wahrscheinlich ist das ein weiterer Beleg dafür, dass das Thema keineswegs ausdiskutiert ist. Erst recht nicht im Netz.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 17.06.2015 | 08:38 Uhr

Mehr Nachrichten

05:55

Nach der Wahl: Der Koalitionspoker

16.10.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:29

AfD-Grabenkämpfe nach der Wahl

16.10.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
01:42

Gutachten attestiert Bistum schweres Versagen

16.10.2017 16:00 Uhr
NDR//Aktuell