Stand: 30.04.2015 14:00 Uhr  | Archiv

Nachbarn organisieren Hilfe per App

von Charlotte Horn, NDR Info

Sie haben ein neues Sofa gekauft, kriegen es aber nicht alleine in den vierten Stock? Ihr Hund müsste dringend Gassi gehen, aber Sie liegen krank im Bett? Eine neue Nachbarschafts-App, also ein Programm fürs Smartphone, will hier helfen. Sie ist eine Art "Schwarzes Brett von nebenan". In Deutschland gab es schon einige Versuche solcher Online-Nachbarschaftshilfen - als Internetseite oder App. Doch häufig waren diese Angebote nicht von dauerhaftem Erfolg. Jetzt wurde in Hamburg eine neue App getestet.

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Dirk Bajorat brauchte Hilfe beim Entkalken seines Wasserkochers, die er von Ricarda Herbrand prompt bekam.

Als Dirk Bajorat eine Frage zum Entkalken seines Wasserkochers hatte, musste er nicht lange auf Antworten warten: Schon nach kurzer Zeit hatte er 13 Nachrichten, eine Nachbarin wollte sogar vorbeischauen und ihm helfen. Vier Wochen lang testete der Student die App "Do me a favour", also: "Tu mir einen Gefallen". Die Sache mit dem Wasserkocher hatte er vorher schon länger aufgeschoben.

Der Vorteil der kurzen Wege

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Über die "Do me a favour"-App können die Nutzer gleich sehen, wo in der Nähe Hilfsangebote oder -gesuche zu finden sind.

Drei Tage nach seine Anfrage stand seine Nachbarin Ricarda Herbrand in der Küche des Studenten, um ihm zu helfen. Seine Wohnung lag auf dem Weg, da war die nachbarschaftliche Hilfe kein Problem. Die PR-Beraterin hat sich schon bei verschiedenen Online-Nachbarschaftshilfen angemeldet, etwa bei Facebook bei "Nett-Werk Hamburg", einer Gruppe mit über 8.000 Mitgliedern. Die neue App "Do me a favour", die Herbrand zufällig über einen Aushang entdeckt hat, überzeugt sie: "Der Vorteil dieser App im Vergleich zu anderen liegt einfach darin, dass man auf einer Karte sehr klar sieht, der oder die sucht was direkt um die Ecke, zum Beispiel in der Nachbar-Straße. Das heißt, die Wege sind sehr kurz. Und ich weiß, ob sich das für mich als Aufwand lohnt."

Sie selbst hat auch schon ein Gesuch aufgegeben, als sie nach dem Anbohren einer Stromleitung bei sich zu Hause Hilfe brauchte: "Ich habe prompt eine Antwort aus der Nachbarschaft bekommen von einem Physiker, der sich damit auskennt. Er sagte, dass er mir am nächsten Samstag helfen wolle."

Auf erfüllte Gefallen folgt die Bewertung

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Till Tolkemitt verspricht, dass die Anmeldung bei der App "Do me a favour" auch in Zukunft kostenlos bleibt.

Nach 35 Testnutzern am Anfang, haben sich mittlerweile 400 Menschen bei der App angemeldet. Nach jedem erfüllten Gefallen bewerten sich die Nutzer gegenseitig. Einer der Köpfe hinter der mobilen Nachbarschaftshilfe ist der Berliner Verleger und Unternehmer Till Tolkemitt. Bei "Do me a favour" bleibe die Anmeldung kostenlos, verspricht er: "Ich will nicht ausschließen, wenn das mal ganz groß wird und damit die Kosten immer weiter steigen, dass es sich dann lohnt, auch Werbebahner zu schalten. Erstmal wollten wir der Welt was Gutes tun." Als nächsten Schritt sollen Nutzer in ganz Hamburg die App nutzen können und dann auch deutschlandweit.

Wie stehen die Erfolgschancen?

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Entwickler Philipp Gloeckler hatte mit seiner App "Why own it" zunächst Erfolg, doch dann haperte es bei der Finanzierung.

Diese Idee wollten allerdings schon andere Gründer umsetzen. Das Online-Nachbarschafts-Netzwerk Niriu war viereinhalb Jahre in Hamburg erfolgreich, doch irgendwann fehlte das Engagement der 3.000 Mitglieder und die nötige Finanzierung. Ganz ähnlich erging es auch der Verleih-App "Why own it". Der Hamburger App-Entwickler Philipp Gloeckler hat seinen eigenen Versuch einer Verleih-App für Freunde und Nachbarn gerade für gescheitert erklärt.

Das Medienecho war groß, der Erfolg bei den Nutzern blieb aber aus. Gloeckler ist skeptisch, ob Nachbarschafts-Apps überhaupt langfristig funktionieren: "Es gab sehr viele Leute, die sich Sachen ausleihen wollten, aber nur wenig Leute, die Sachen verleihen wollten. Und dann gab es meistens eine Diskrepanz zwischen dem Ort und dem Zeitpunkt. Selbst wenn jemand in einem gleichen Stadtteil wohnt, ist ja immer noch die Frage, wann kann man sich überhaupt treffen und wann antwortet man."

Nachbarschaft im Netz organisiert

Dass onlineorganisierte Nachbarschaft sehr wohl funktioniert zeigt das Hamburger Netzwerk Nachbarschaft. Nach zehn Jahren haben sich deutschlandweit 1.800 Nachbarschaften gegründet. Hier, so erzählt die Gründerin, können sich ältere Mitglieder auch über den Postweg registrieren. Die Nachbarschafts-Apps hält sie für eine gute Ergänzung.

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NDR Info | Netzwelt | 30.04.2015 | 08:08 Uhr