Stand: 15.12.2014 13:29 Uhr  | Archiv

Online-Stalker: Der unsichtbare Täter

von Fabienne Hurst

Was heißt es, über das Internet gestalkt zu werden? Mary Scherpe ist Modebloggerin, verdient also ihr Geld im Internet und ist dort auf ihren guten Ruf angewiesen. Jahrelang wurde sie von einem Unbekannten im Netz verfolgt und belästigt. Alles begann wie ein schlechter Scherz: Vor etwa zwei Jahren bemerkte Mary Scherpe anonyme Konten in sozialen Netzwerken, die sich mit ihr befassten.

"Begonnen hat es damit, dass ich auf Instagram einen Account gefunden habe, der Bilder gepostet hat, die Anspielungen auf meine waren", erzählt Scherpe. Die seien immer irgendwie auch beleidigend gewesen. "Dann ging es weiter: Es gab immer neue Twitter-Konten, immer mehr Nachrichten, immer mehr Beleidigungen. Ich habe ziemlich viele anonyme Anrufe bekommen, meistens abends oder nachts, wo dann niemand dran war. SMS, Kommentare auf meinem Blog und Post, wahnsinnig viel Post: Infomaterial zu Hausbau, Reisen, Schwangerschaftsvitaminen, Stoffproben für Babydecken, Tapetenmuster, Kunstrasen, ein Paket für ein Baby, was sogar benannt wurde."

Ein Unbekannter nutzte Scherpes Identität im Netz

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Mary Scherpe war Opfer eines Online-Stalkers und musste feststellen, dass es nicht leicht ist, sich gegen diese Form des Stalkings zu wehren.

Mary Scherpe forschte nach, wer die Pakete bestellt hat, und fand heraus, dass ein Unbekannter ihre Identität im Netz nutzt. Für die Bloggerin war das fatal, denn sie verdient ihr Geld im Internet. Auf ihrem Blog werben internationale Modemarken, sie betreut Werbekampagnen für Kunden auf der ganzen Welt. Egal ob sie zu Hause in Berlin arbeitet oder - wie zurzeit - in Lissabon: Ihr Kapital ist ihr guter Ruf im Netz. Und ein unsichtbarer Stalker drohte, den zu zerstören.

"Was die Angst ausgelöst hat, ist dieser Gedanke, dass es nicht aufhört", sagt sie. "Dass er immer weitermachen wird und dass er immer mehr und mit immer neuen Methoden mich immer häufiger und heftiger angreift."

Absender nicht identifizierbar

Mary Scherpe verdächtigte ihren Ex-Freund. Doch der Absender konnte nicht identifiziert werden, da er Verschlüsselungstechniken verwendete. Sie wollte die Konten sperren lassen, doch vergeblich. Bei Twitter hieß es: Niemand verstoße gegen die Regeln. Sie erstattete Anzeige auf der Internetwache der Polizei. Doch zu viele Fragen blieben offen: Welchen Ort angeben? Welche Zeugen gibt es? Welche Beweise? Sie wendete sich an einen Computerspezialisten.

"Und das Allererste, was derjenige mir sagte, war: 'Warum bist du denn noch im Internet? Warum sind denn noch persönliche Daten von dir im Internet abrufbar?' Ich habe versucht ihm zu erklären, dass es eine Impressumspflicht gibt. Er erwiderte dann: 'Warum bist du noch bei Facebook?'"

Kampf gegen einen unsichtbaren Täter

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Pro Jahr gibt es circa 25.000 Anzeigen wegen Stalking. Wolf Ortiz-Müller leitet die Beratungsstelle "Stop Stalking. Wieder selbstbestimmt leben".

Doch wenn Mary Scherpe auf Facebook und Twitter verzichtet, heißt das für sie weniger Werbung und weniger Kontakte. Der Leiter der Berliner Beratungsstelle "Stop Stalking" kennt diesen Kampf gegen unsichtbare Täter. "Ich glaube, für die Opfer ist es ganz schwierig, weil sie kein Gegenüber haben", sagt Wolf Ortiz-Müller. "Sie sehen niemanden von Angesicht zu Angesicht. Und besonders problematisch ist es auch, wenn derjenige versucht sich zu tarnen und zu verbergen."

Außerdem ist Stalking laut Gesetz erst strafbar, wenn die "Lebensgestaltung des Opfers schwerwiegend beeinträchtigt ist." "Und in dem Moment, in dem die Lebensgestaltung darauf basiert, dass jemand im Internet präsent ist und er das nicht mehr tun kann, ist dessen Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt", erklärt Ortiz-Müller. "An dem Punkt ist die Rechtsprechung noch längst nicht angekommen."

Wann bin ich ein Opfer?

Der Stalker ließ nicht locker: Er schrieb zum Beispiel beleidigende E-Mails an Marys Mitarbeiter, damit diese sich von ihr abwenden. Doch die Polizei stellte die Ermittlungen ein. "Da geht ja ganz viel darum, welches Bild eine Gesellschaft von einem richtigen Opfer hat", so Scherpe. "Was ist jetzt ein Opfer? Bin ich ein Opfer? Ich sitze vor einer Kamera, ich habe ein Buch geschrieben. Ich reise in der Weltgeschichte herum. So schlecht geht's mir gar nicht, das kann kein Opfer sein, also kann es keine Straftat sein."

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In ihrem Buch veröffentlicht Mary Scherper die Attaken ihres Online-Stalkers.

Weil ihr niemand half, begann Mary Scherpe, alle Nachrichten, Pakete und Briefe des Stalkers auf einem Blog im Netz zu dokumentieren. Sie bekam viele Reaktionen von Menschen, die auch im Netz bedrängt werden. Und: Sie hat ein Buch geschrieben. In "An jedem einzelnen Tag" erzählt sie - ganz nüchtern, fast protokollarisch - ihre Geschichte. "In der Idee, es öffentlich zu machen, lag extrem viel Selbstermächtigung drin", erzählt sie. "Weil ich über einen so langen Zeitraum wirklich das Gefühl hatte, so hilflos zu sein, so ohnmächtig. Und die Idee war: Jetzt handle ich wieder, jetzt kontrolliere ich das wieder." Seit der Veröffentlichung des Buches hat sie nichts mehr von Stalker gehört.

Mary Scherpe fordert: Stalking-Paragraf muss geändert werden

Doch das genügt ihr nicht. Die Bloggerin will erreichen, dass der Stalking-Paragraf zugunsten der Opfer verändert wird. Deshalb startete sie auch eine Internet-Petition an den Bundestag und das Justizministerium. Knapp 80.000 Menschen haben bislang unterschrieben. Mit diesen Unterschriften im Gepäck trifft sie am 17. Dezember Bundesjustizminister Heiko Maas.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 15.12.2014 | 22:45 Uhr

mit Video

Stalking: Das Recht schützt eher Täter als Opfer

27.08.2013 21:15 Uhr
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