Stand: 28.01.2015 15:47 Uhr  | Archiv

Hamburger Lokalblogs hoffen auf Geld

von Daniel Bouhs

Wer anderen regelmäßig davon erzählen will, was in seiner Region los ist, der hätte früher einen Verlag gebraucht und eine Druckerei. Im Internet aber kann jeder publizieren, vor allem dank sogenannter Blogs - einfach zu bedienenden Netz-Plattformen. In den vergangenen Jahren sind viele solcher Seiten entstanden, in denen über das Geschehen vor der eigenen Haustür berichtet wird - auch im Norden. Für viele Macher dieser lokalen Blogs ist das ein Hobby, doch ein paar von ihnen wollen davon leben - ein mühsames Geschäft.

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Die lokalen Blogs versuchen, mit ihren Themen näher an den Menschen im Stadtteil oder -viertel dran zu sein als die klassischen Zeitungen.

Hamburg-St. Georg, keine zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof. Hier sitzt "Hamburg Mittendrin" - einst ein studentisches Projekt, heute eine Redaktion mit vier Ressortleitern, einigen freien Autoren und Verantwortlichen für die Technik.

Isabella David ist Bloggerin der ersten Stunde, und nun "Hamburg Mittendrin"-Chefredakteurin. Gentrifizierung - also der Zuzug von Reichen mit Verdrängung der Armen - ist ihr Thema, aber auch Alltägliches wie Musik aus dem Kiez, neue Cafés und der neue Bus-Fahrplan. In den Zeitungen komme die tiefergehende Berichterstattung ihrer Meinung nach oft zu kurz: "Ich lebe in Billstedt. Gerade diese östlichen Stadtteile Hamburgs werden oft in den Meldungsspalten abgehandelt über Polizeimeldungen und Kriminalitätsstatistiken. Dabei gibt es hier einfach viel mehr zu erzählen. Und das haben wir uns zur Aufgabe gemacht."

Durch Jahresabos soll Geld in die Kasse kommen

Rausgehen, recherchieren, notieren - das kann eigentlich jeder. Davon leben aber können die Blogger trotz großen Einsatzes bislang nicht. David beschreibt ein grundlegendes Problem ihrer Arbeit: "90 Prozent unserer Geschichten können wir noch gar nicht umsetzen, weil wir einfach gar nicht die Zeit haben. Da wollen wir aber hin. Gerade diese Hintergrundgeschichten kosten nun mal Zeit - und deswegen eben auch Geld."

Gut 5.000 Leser hat "Hamburg Mittendrin" jeden Tag, bei interessanter Themenlage auch mehr. Eine Umfrage hat gerade gezeigt, dass viele Akademiker darunter sind, und viele ältere ab 50 Jahren aufwärts - Leser mit Geld also. Und die, so Bloggerin David, sollen darum auch zahlen: "Ein Jahresabonnement kostet bei uns jetzt 60 Euro. Geplant ist, dass es jede Woche einen Artikel gibt, der nur für Abonnenten freigeschaltet wird."

Werbekunden kommen oft aus der Nachbarschaft

Vom Lokalbloggen leben will auch der einstige Einzelhändler Andreas Scharnberg. Auf "Aktuelles aus Süderelbe" blickt er ebenfalls auf die Details vor der Haustür: vom Überfall auf den Spermarkt bis zum "Frauenklönschnack" beim Sozialverband. Grund für sein Engagement ist das Aus der "Harburger Anzeigen und Nachrichten" im vergangenen Jahr gewesen: "Das war die einzige ernstzunehmende Lokalzeitung im Harburger Bereich."

Um den Verlust des Traditionsblatts zu kompensieren, habe sich dann eine größere Gruppe gegründet, aus der auch Scharnberg stammt - ein Quereinsteiger im Journalismus. Sein Büro ist noch das Schlafzimmer, doch das soll sich ändern. Bisher bloggt er als Einzelkämpfer, setzt dabei auf Werbung aus der Nachbarschaft: "Der Kontakt zu den Leuten, die Werbung machen möchten, in Neugraben, in Harburg, der ist einfach schon da. Das sind Leute, die man auf der Straße trifft."

Rechnet sich das Engagement am Ende?

Von Werbung im Internet leben können - das ist natürlich ein reichlich optimistisches Projekt. "Hamburg Mittendrin" hat - so wie klassische Verlage - mit klassischer Werbung im Netz jedenfalls eher schlechte Erfahrung gemacht. Deshalb setzt Macherin David jetzt auf den Verkauf von Abonnements. So fahren zwei inhaltlich sehr ähnlich gelagerte Projekte sehr unterschiedliche Strategien, damit sich ihr Engagement am Ende auch lohnt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 29.01.2015 | 08:08 Uhr