Stand: 06.02.2015 16:46 Uhr  | Archiv

Sind Lese-Apps das Ende des Buches?

93.000 neue Bücher erscheinen allein in Deutschland Jahr für Jahr. Teilweise sind sie Hunderte Seiten lang. Wie soll man die alle lesen? Womöglich gar nicht mehr. Digitales Lesen passt sich unserem Lebensstil an: immer mehr, immer schneller. Mit den kostbarsten Währungen - Wissen und Zeit - locken Lese-Apps.

Bild vergrößern
Lesegewohnheiten ändern sich, weiß Sebastian Klein, Gründer von Blinkist.

"Wir bringen die Kernaussagen aus Sachbüchern in ein Format, das man in 10 bis 15 Minuten auf dem Smartphone, dem Tablet oder auch Laptop lesen kann", berichtet Sebastian Klein. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Blinkist, einer App, die auf ihrer Internetseite mit "Zu viele Bücher, zu wenig Zeit?" wirbt. Blinkist wolle am Puls der Zeit sein und verstehen, welche Formate gerade nachgefragt werden, "weil die Lesegewohnheiten sich eben verändern", so Klein.

50 Kurztexte erscheinen jeden Monat auf Englisch, davon ein Viertel zusätzlich in deutscher Übersetzung. Von der Euro-Krise bis zu Erfahrungen aus dem Konzentrationslager - das Berliner Start-Up-Unternehmen bietet komplexe Themen auf wenigen Bildschirmlängen.

Können Lese-Apps Bücher ersetzen?

Einige Verleger lehnen Lese-Apps kategorisch ab. Susanne Schüssler vom Wagenbach Verlag bezeichnet sie gar als "völligen Blödsinn". Es werde genau das bedient, wogegen sie kämpften: "Nämlich gegen die Häppchenkultur. Jeder wischt schnell mal so auf seinem Wischgerät die neuesten Nachrichten runter. Das sind aber keine interessanten neuen Inhalte. Das sind Nachrichten. Nachrichten sind was anderes als ein differenziert dargestelltes Thema."

Bild vergrößern
Will mit Lese-Apps neue Kunden gewinnen: Alexander Lorbeer vom Ullstein Verlag.

Andere Verlage kooperieren bereits mit Blinkist. Sie erwarten einen Werbeeffekt durch die App. "Wir sehen das ganz klar als zusätzlichen Weg, Leser anzusprechen - mit der Hoffnung verbunden, dass diese dann die Bücher auch kaufen", sagt Alexander Lorbeer vom Ullstein Verlag.

Finden Autoren durch Bücher-Apps neue Leser?

Firmen wie Blinkist dürfen Bücher aus Urheberrechtsgründen nur in eigenen Worten wiedergeben. Zitate sind ohne Lizenzen verboten. Daher wollen sie mit möglichst vielen Verlagen kooperieren. Doch was ist mit den Autoren?

"Wir haben viel mit kleineren Autoren gesprochen, die meistens von Anfang an begeistert waren und gesagt haben, sie können es als Marketing nutzen", erzählt Sebastian Klein. "Die Kurzfassung kann gut deutlich machen, dass das Buch gute Inhalte hat. Wir hatten aber einen Fall von einem sehr großen Autor, der das überhaupt nicht lustig fand." Der Stanford-Professor Robert Sutton vernichtet die Blinkist-Version seines Werkes im Internet: "Schlecht geschrieben, vage, ohne Konzept, Sprache und Seele des Buches. (…) Das ist Schrott", schreibt er.

Auch Susanne Schüssler ist skeptisch: "Man kann nicht jeden Gegenstand auf die gleiche Weise darstellen. Das ist unmöglich. Das ist auch das Schöne, dass Dinge unterschiedlich dargestellt werden. Und wenn ein Autor glaubt, er findet damit einen Weg zu den Lesern, dann geht er den falschen Weg."

Können Algorithmen Bücher zusammenfassen?

Bild vergrößern
Susanne Schüssler vom Wagenbach Verlag lehnt Lese-Apps kategorisch ab.

Für Blinkist fassen 50 Experten ausschließlich Sachbuchtitel zusammen. Was wichtig ist, beurteilen hier noch Menschen. In den USA gibt es aber bereits ähnliche Apps, bei denen die Bücher allein durch Computer verarbeitet werden. Algorithmen stutzen Texte jeder Art - auch Romane. Davon hält Schüssler nichts: "Sie können weder den Inhalt adäquat wiedergeben, was Sachbücher betrifft, noch können sie den Duft oder den Ton eines Buches wiedergeben, was die Literatur betrifft. Auch Sachbücher können sehr schön geschrieben sein. Aber es ist ja ein Unterschied, ob jemand so schreibt wie Thomas Mann oder Kafka."

Wer nutzt bislang Lese-Apps?

Blinkist hat seine Kunden analysieren lassen. Demnach verwenden viele junge Leser die App: Rund ein Drittel der Nutzer seien die von Verlagen verloren geglaubten 25- bis 34-Jährigen. Insgesamt seien zwei Drittel der 300.000 User jünger als 45 Jahre und die meisten Kunden beruflich erfolgreiche Männer. Fast drei Viertel wollten "Zeit sparen", ähnlich viele "sich weiterbilden". Nur 14 Prozent nutzten Apps, "um anzugeben". Doch die Hälfte wolle auch "Bücher entdecken zum Ganz-Lesen".

Sebastian Klein sieht in der App den "Riesenvorteil, dass wir anhand von Daten sehen, was gut funktioniert, was nachgefragt wird. Dadurch können wir immer weiter nachjustieren, um unseren Nutzern einfach das zu geben, was sie gerne lesen wollen."

Ob sie dann allerdings tatsächlich noch ganze Bücher lesen, ist fraglich. Fest steht aber: Ein wirklicher Ersatz für Bücher können Lese-Apps nicht sein. Erst recht nicht, wenn nur noch Algorithmen über den Inhalt entscheiden.

Hier einige Anmerkungen von Usern, die uns zu den Lese-Apps über facebook erreicht haben:

  • Hoshy Malone schreibt dazu:

    Schneller lesen, schneller konsumieren, schneller vergessen. Sehe ich mehr als problematisch, es zeigt nur erneut, dass Worte und Bilder im Sekundentakt an uns vorbeirauschen und am Ende nicht viel hängen bleibt. Ein Buch ist mehr als eine kurze Geschichte, es enthält nicht nur Informationen sondern auch Emotionen, Weltsichten, Denkweisen. Und wenn das verloren geht, kann man alles auf die Größe einer SMS reduzieren und das Denken einstellen.

  • Peter Bianka Grälert meint:

    Entweder ich lese oder ich lese nicht ...

  • Jutta Namegehtgooglenixan schreibt:

    Wieso immer bei jeder neuen technischen Errungenschaft gleich das Ende des Buchs, das Ende der Kultur oder das Ende des Abendlandes herbeigeredet wird, verstehe ich nicht.

  • Traute Ganz:

    Das ist ja wohl der blanke Horror!!!

  • Ky Cornelia van Rae:

    Nur ein richtiges Buch, gebunden oder als eBook. Häppchen in Apps geht gar nicht

  • Christoph Münch:

    Wer "keine Zeit" hat, mal ein Buch zu lesen, der sollte, statt so einen Blödsinn zu benutzen, lieber mal drüber nachdenken, warum sein Leben so falsch läuft.

  • Iris Tolzmann

    Ich finde es gar nicht so übel, ein Fachbuch so zusammen zu fassen. Oft braucht man tatsächlich nur die Essenz des Gesamten, muss sich einen Überblick über ein Thema verschaffen, braucht eine Kernaussage, oder kann nach dem Kurzbuch entscheiden, ob man in eine Vertiefung gehen möchte. Wenn es um einen Roman oder Ähnliches geht, macht das natürlich wenig Sinn, weil das Wort die Geschichte trägt und nicht die Zusammenfassung. Da würde ich beim herkömmlichen Buch bleiben.

  • Britta Volquardsen:

    Merkwürdige Tendenz. Klar gibt es einige Bücher - auch sogenannte Klassiker - auf deren Lesen ich gut verzichten kann/könnte. Aber dann lese ich die halt eben nicht. Und die Zusammenfassung kann ich mir dann auch bei Wikipedia durchlesen.

  • Denise Knoblich:

    Wie bescheuert. Ein Buch zu lesen ist doch nicht nur mal "auf die schnelle Informationen sammeln". Das ist doch auch Entspannung, Auszeit, die Seele baumeln lassen. Und ein Buch auf dem Smartphone? Sorry, aber wer will denn da auch drauf lesen? Wie unkomfortabel. Fachbücher auf dem E-Book-Reader oder das Ding für den Urlaub kann ich verstehen, wenn‘s einfach unpraktisch ist, aber für mich sind Bücher etwas, auf das ich nicht verzichten mag. In meiner Handtasche findet sich zum Beispiel immer eins. Und einigen Büchern sieht man an, in welcher Situation sie gelesen wurden und so erzählen sie nicht nur ihre sondern auch meine Geschichte ein Stück. Für mich sind Bücher in Papierform.

  • Jessica Irgendwieso:

    Ich denke, man kann sich den Kern eines Buches dadurch aneignen - aber kann man es wirklich verstehen? Man kann sagen, man hat es gelesen, aber in Gesprächen würde es sicher schnell auffallen, dass man nur die Kurzfassung kennt. Allerdings sind 15 min lesen immer noch besser als gar nicht lesen. Ich persönlich bleibe aber bei meiner Liebe zu dicken Wälzern.

  • Micha Jehlossos:

    Völliger Schwachsinn. Entweder ich lese das Buch komplett, oder gar nicht. Gucke doch von Filmen nicht auch nur die Trailer und behaupte, ich hätte ihn gesehen.

  • Elbstyle Hannover:

    Naja, nun muss man das mal so sehen: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Eine kurze Zusammenfassung eines Buches setzt ja ein Gesamtwerk voraus. Also von da her: jeder so, wie er es mag...

zurück
1/4
vor

Was meinen Sie dazu? Sind Lese-Apps eine gute Alternative zum Buch? Schreiben Sie uns einen Kommentar.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 09.02.2015 | 23:15 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Lese-Apps,blinkist100.html

Wie gut sind die E-Book-Flatrates?

Nicht nur der Internet-Versandhändler Amazon bietet seit einiger Zeit eine Flatrate für E-Books an. Doch lohnen sich die verschiedenen Tarife tatsächlich? mehr