Stand: 14.01.2015 18:00 Uhr  | Archiv

Journalisten wehren sich gegen nervige Trolle

von Daniel Bouhs

Im Internet wird die Meinung von Lesern, Hörern und Zuschauern für alle sichtbar - in Kommentaren unter Beiträgen oder in sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Natürlich müssen sich Journalisten Kritik stellen, auch wenn sie unbequem ist. Doch ein paar wenige Nutzer stören diesen Dialog: Sogenannte Trolle überlagern die sachliche Diskussion mit unsachlichen Verschwörungstheorien und Pöbeleien in Serie - aus Spaß an der Provokation. Immer mehr Journalisten lassen sich das nicht mehr gefallen. Sie schießen zurück - mit Ironie.

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Wenn sie schon als "Lügenpresse" bezeichnet wird, dann schlägt die Tagesschau online auch entsprechend zurück.

Es gibt keine Geheimnisse mehr. Redaktionen sagen endlich die Wahrheit. Zum Beispiel die Macher der Zeitung "Die Welt". Ihre Kritik an Russland ist natürlich bestellt. "Hier im Newsroom hat das rote Telefon geklingelt. Am anderen Ende war diesmal nicht - wie sonst - Angie herself, sondern der US-Präsident."

Auch die Redakteure des "Handelsblatts" geben sich im Netz inzwischen ungewohnt transparent. Sie veröffentlichen ein Redaktionsprotokoll:

8.20 Uhr: Erste Themenwünsche der Bilderberger

11.25 Uhr: Telefonkonferenz mit Zionistischem Weltverschwörungsrat

13.00 Uhr: Mail über den Hausverteiler: Die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg wurde 69 Jahre geheim gehalten. Weitermachen! Eure Besatzungsmächte!

Und tagesschau.de antwortete ganz offen auf den Eintrag eines Nutzers, der sich über gleichlautende Berichte wundert und auf der Facebook-Seite nach Gründen fragt: "Systempresse. Wissen Sie doch."

Erst Kopfschütteln, dann Kampfansage

Mit Ironie gegen Nervensägen, das ist für viele Medien der neue Kurs. Jahrelang haben sie sogenannte Trolle einfach stillschweigend ertragen. Jetzt aber halten Journalisten gezielt gegen diese kleine, aber eben sehr lautstarke Minderheit der Nutzer, die nicht auf Fakten reagiert. Eine Mischung aus Verzweiflung und Kopfschütteln hat auch den "Spiegel" dazu bewogen, den Trollen den Kampf anzusagen: "Man denkt einfach: Was soll ich mit den Leuten noch machen? Wir haben jetzt zehn Mal versucht, denen mit Argumenten beizukommen", beschreibt Social-Media-Chef Torsten Beeck den "Schlussstrich, den man als Redakteur zieht".

Ironie ist Trumpf

Was ihm und auch den Kolleginnen und Kollegen in anderen Medienhäusern wichtig ist: Die Trolle werden "freundlich auf die Schippe" genommen. Es soll niemand beleidigt oder verletzt werden. Fundierte Kritik an der journalistischen Arbeit solle keinesfalls unterdrückt werden.

Vor allem soll die Reaktion auf die Äußerungen der Trolle lustig sein - und das im besten Fall für alle Seiten. Diese Strategie geht auch immer wieder auf, sagt Beeck. Zwar könne nicht alles mit einem "total ironischen Super-Tweet" wieder weggewischt werden, aber: "Ich glaube, man sieht ein bisschen an dem, was die Kollegen an den Newsdesks und an den Social-Media-Kanälen machen, dass wir da auch tatsächlich ein gewisses Selbstbewusstsein entwickeln."

Geschichten aus dem "wahren" Redaktionsleben

Bei der "Welt" in Berlin steuert Martin Hoffmann die Ironie-Offensive. Auch er ist überzeugt, dass es nichts bringt, die "Angriffe" der Trolle einfach auszusitzen. Der alte Trick, bloß nicht auf die Nervensägen einzusteigen, damit sie dann wieder von selbst verschwinden, habe im Netz nun mal nicht funktioniert: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass sie mit ihren Aussagen das Diskussionsklima ganz schnell vergiften."

Wenn jemand konsequent echte Diskussionen stört, versucht Hoffmann, die Stimmung mit möglichst lustigen Einträgen aufzubrechen. Er veröffentlicht dabei immer wieder aufwendige ironische Kurzgeschichten, quasi "das wahre Leben" seiner Redaktion. Auch diese Strategie geht auf: "Uns springen dann ganz schnell andere Nutzer zur Seite. Dadurch wird der Troll quasi von einer überwältigenden Mehrheit von Menschen abgeblockt." Früher oder später gebe er dann klein bei.

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Ironie statt Ignoranz

Ironie statt Ignoranz, da macht - wohl dosiert - auch die Tagesschau mit. Chefredakteur Kai Gniffke ist zwar nicht der Meinung, dass Ironie immer gut funktioniert. Doch trotz seiner Skepsis und Zurückhaltung lässt er seinen Mitarbeitern bei tagesschau.de im Netz freie Hand: "Ab und zu darf das sein, gerade wenn es augenzwinkernd ist. Das trägt auch dazu bei, dass dann nicht jede Diskussion so verletzend geführt wird, wie das leider manchmal der Fall ist."

Tagesschau will ihre Selbstachtung wahren

Auch die Tagesschau will trotz einiger augenzwinkernder Einträge offen bleiben für echte Kritik und sich ihr stellen. So könne man auch dazulernen, wo das geboten sei. Aber auf Herablassendes müsse man eben auch einmal angemessen reagieren dürfen, sagt Gniffke. Nur dürfe Ironie dabei nicht die Regel werden: "Ironie ist nicht das Allheilmittel. Das kann auch mal dazu dienen, dass wir unsere Selbstachtung wahren. Aber es gibt sicherlich auch angemessenere Möglichkeiten, mit Kritik umzugehen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 15.01.2015 | 08:08 Uhr