Stand: 09.02.2016 13:40 Uhr

Jede sechste Aldi-Webcam sendet ungeschützt

von Nils Kinkel und Svea Eckert

Unwissenheit oder Sorglosigkeit? Viele Besitzer von Webcams übertragen die Bilder dieser Kameras aus ihren Geschäfts- oder Wohnräumen live ins Internet - mit ein paar Klicks für jeden einsehbar, weil sie keine Schutzfunktionen aktiviert haben.

Es geht mal wieder um das verflixte Passwort. Wir brauchen keins, um uns bei unserer Recherche ins Schlafzimmer, Kinderzimmer oder Wohnzimmer zu klicken. Es ist unheimlich. Dort liegen Kinder im Bett und schlafen. Ein Paar sitzt entspannt auf der Couch und fühlt sich unbeobachtet. Er schaut auf sein Smartphone, sie liest die Zeitung.

Webcams: Ungeschützt im Netz

"Man findet Webcams, Überwachungskameras, Babyphone-Kameras, aber auch Kühlschränke, Garagensteuerungen und Industrieanlagen. Alles was nicht passwortgeschützt ist und Internetzugang hat, kann gefunden werden." Dominik Hermann, Informatiker

"Die Kameras sind nicht passwortgeschützt und im Internet. Dadurch können sie von Suchmaschinen gefunden werden, die danach suchen", sagt Informatiker Dominik Herrmann. Er ist Sicherheitsexperte und hat die Sicherheitslücke mittels einer Software bei rund 3.200 Aldi-Webcams in Deutschland überprüft. Fast 600 Kameras hatten keinen Passwortschutz.

"Das größte Problem ist sicher die Tatsache, dass man Fremden Einblick in sein eigenes Leben gibt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie müssen davon ausgehen, irgendjemand weiß, wann sie zu Hause sind, was sie machen, wer bei ihnen zu Hause ist", erläutert Herrmann.

Polizei warnt vor Einbrechern und Erpressern

Dabei verkaufen die Hersteller von Überwachungskameras ein Sicherheitsgefühl. Sie versprechen den privaten Nutzern, "Big Brother" zu spielen. Dumm nur, wenn in der Voreinstellung der Kamera kein Passwort verlangt wird. Betroffen sind in unserem Fall Überwachungskameras der Firma Maginon. Aldi Nord und Aldi Süd haben sie im Programm gehabt, zuletzt kurz vor Weihnachten für gerade mal 49 Euro.

In der Bedienungsanleitung der Maginon-Kameras wird den Nutzerinnen und Nutzern ausführlich beschrieben, wie sie ein persönliches Passwort einrichten können. Sie werden darauf aufmerksam gemacht, dass dies aus Sicherheitsgründen empfehlenswert sei. Darüber hinaus steht den Nutzern seit einigen Monaten ein Firmware-Update zur Verfügung, bei dem der Nutzer aufgefordert wird, ein persönliches Passwort festzulegen. Das schreibt der Kamera-Hersteller

Wer sich dabei das Software-Update gespart hat, macht es beispielsweise Einbrechern sehr leicht, warnt Phillip Polleit vom LKA Hamburg: "Denkbar wäre also, dass Einbrecher einen Einbruch vorbereiten, indem sie sich erst mal in der Wohnung umschauen und nachsehen, ob Wertgegenstände, ein Smart-TV oder teures Equipment vorhanden ist."

Die Einbrecher können also mehrere Tage beobachten, zu welchem Zeitpunkt das ausgewählte Opfer seine Wohnung verlässt und dann zuschlagen. Dafür müssen sie nur über eine Suchmaschine wie Shodan nutzen und sich auf die ungesicherte Verbindung einwählen. Ein Kinderspiel mit unangenehmen Folgen.

Zuschauer können Kameras steuern

Wir probieren es selbst aus und schauen beispielsweise einer Mutter zu, wie sie ihr Baby wickelt. Bei dem Test können wir sogar den Winkel der Kamera fernsteuern. Der Hersteller verweist auf das letzte Sicherheitsupdate und eine weitere Maßnahme mit strengeren Vorgaben bei Passwörtern in der nächsten Woche. Zu wenig, findet die Polizei.

Webcams absichern: Das rät der Informatiker

1. Kamera mit individuellem Passwort schützen
2. Die UPnP-Funktion deaktivieren, über die sich die Kamera automatisch im Internet bekannt macht
Mehr erklärt Dominik Herrmann in einem Beitrag für die Gesellschaft für Informatik.

"Wir sprechen von Banana-Software", sagt Philip Poleit. "Eine Software, die beim Kunden reift. So eine Kamera ist eigentlich nicht für den Markt geeignet, weil eben nicht jeder das Knowhow hat, die Kamera richtig einzurichten." Herrmann stimmt zu: "Die Hersteller schieben die Schuld gerne auf die Nutzer. Sie sagen, die Nutzer müssen Passwörter setzen und Schutzmechanismen aktivieren. Tatsächlich ist es aus Sicherheitsexpertensicht so, dass die Schuld eher bei den Herstellern liegt, die unsichere Produkte auf den Markt bringen und die Nutzer nicht informieren."

Weitere Informationen

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Drohungen und Weiterverbreitung der Bilder

Haben Hacker erst mal die Kontrolle über die Kamera, ist der nächste Schritt zu einer Straftat nicht mehr schwer. Nur selten kommt es dann zu einer Anzeige. In einem Fall wurde das Opfer erst ausspioniert. Anschließend bekam es eine obszöne Nachricht auf den Bildschirm geschickt, wie Polleit erzählt: "Da war dann in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund zu lesen 'Hallo sowieso. Ich kann dich sehen, ich kann sehen, dass hinter dir die Gardinen geschlossen sind. Zieh dich aus!'“

Der Kriminalbeamte warnt auch davor, dass heimlich mitgeschnittenene Webcam-Bilder von Tätern auch ohne Wissen der Betroffenen auf andere Internet-Portale eingestellt werden können.

Damit so etwas nicht passiert, wurden im Zuge unserer Recherche in einigen Fällen Betroffene durch die Polizei informiert.

Links

Heise Security: Netzwerkcheck

Mit diesem Online-Test lässt sich prüfen, ob sie ungesichert Daten ins Netz übertragen. extern

Datenschutzbeauftragter Bremen

Datenschutz-Hinweise zur Überwachung mit Videokameras und zum Einsatz von Webcams durch nicht öffentliche Stellen extern

Dieses Thema im Programm:

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