Stand: 08.03.2017 18:03 Uhr

"Games for peace" - Zocken für den Frieden

von David Donschen

Für die meisten Eltern sind Computerspiele vor allem eines: pure Zeitverschwendung. Wer vor der Spielkonsole oder dem Computer sitzt, der verdummt, schottet sich ab und bekommt von der Außenwelt nichts mehr mit - so weit die Klischees. Eine ganz andere Idee vom Zocken hat eine Initiative aus Israel. "Games for Peace" nennt sie sich. Ihr Ziel: weniger Hass zwischen Juden und Arabern in Israel. Helfen soll dabei das äußerst populäre Computerspiel Minecraft. Wie das funktioniert, hat sich ein NDR Info Reporter in der Hafenstadt Haifa angeschaut.

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Jüdische und arabische Kinder spielen über das Internet miteinander, auch wenn ihre Schulen ein paar Kilometer voneinander entfernt sind.

Neun Uhr morgens in der Izraelia-Schule in Haifa. 20 Schulkinder sitzen vor Flachbildschirmen - und sind völlig aus dem Häuschen. Zocken statt Unterricht, was könnte es Besseres geben. Mit den Fingern auf Tastatur und Maus steuern die Elfjährigen durch die bunte Klötzchenwelt von Minecraft.

Minecraft, das ist gerade das große Ding in Kinderzimmern auf der ganzen Welt - über 100 Millionen Exemplare wurden von dem Computerspiel bisher verkauft. Entsprechend vergnügt klettern die israelischen Sechstklässler in virtuellen Burgen umher und schießen mit Feuerpfeilen auf etwas blöd dreinblickende Schafe.

Zusammen spielen und miteinander ins Gespräch kommen

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Itay Warman leitet die Initiative "Games for peace".

"Play2talk" heißt das Schulprojekt. Die Idee: Die jüdischen Kids hier spielen über das Internet gemeinsam mit Altersgenossen einer arabischen Schule ein paar Kilometer weiter entfernt - und kommen so mit ihnen ins Gespräch. Denn obwohl die Kinder in derselben Stadt wohnen, haben sie kaum etwas miteinander zu tun.

Das weiß auch Itay Warman, der Chef der Initiative "Games for peace", die das Schulprojekt hier veranstaltet: "Ich bin jedes Mal wieder schockiert darüber, dass die Kinder nie miteinander reden. Die jüdischen Kinder zum Beispiel wissen nicht, wo Araber leben, wie viele es in Israel gibt und dass unter ihnen Muslime, Christen und Drusen sind. Das alles wissen sie nicht."

Vorurteile abbauen

Gut 20 Prozent aller israelischen Staatsbürger sind Araber. Die allermeisten von ihnen leben streng getrennt von der jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Es gibt separate Schulen, separate Wohnviertel und separate Sportvereine. Durchmischung: Fehlanzeige.

Und so bestimmen Vorurteile das Verhältnis zueinander. Mohamed kennt das aus eigener Erfahrung. Der 13-Jährige ist Schüler der arabischen Abed-El-Rachman-Schule in Haifa und Teilnehmer in dem Minecraft-Projekt: "Viele von ihnen halten uns für Terroristen, Mörder und Diebe. Aber das stimmt nicht. Schließlich gibt es in jeder Gruppe gute und schlechte Menschen."

Ein virtueller Begegnungsort für Juden und Araber

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Die Computerspiele sollen helfen, das Verhältnis von Juden und Arabern in Israel zu entspannen.

Damit mehr Kinder genau so denken, erschafft "Games for peace" in der virtuellen Welt von Minecraft etwas, das es im realen Israel kaum noch gibt: nämlich einen Begegnungsort für Juden und Araber. Spielerisch nähern sich die Kinder über das Internet an. In dem Projekt müssen sie gemeinsam Aufgaben in Minecraft lösen. In der ersten Stunde geht es zum Beispiel darum, den Weg aus einem virtuellen Gefängnis zu finden. Zweimal während des Projekts treffen sich die Kids dann auch in der echten Welt. In Haifa gibt es solche organisierten Begegnungen zwischen jüdischen und arabischen Schülern häufiger.

Gemeinsame Minecraft-Erfahrungen

Doch die Treffen bei "Games for peace" sind anders. Findet jedenfalls Nevin Abasi. Abasi ist Lehrerin an der arabischen Schule: "Wenn sich die Schulkinder sonst von Angesicht zu Angesicht treffen, dann überwiegen die gegenseitigen Vorurteile. Wenn die Kinder sich aber hier in dem Projekt treffen, dann haben sie etwas, worüber die sprechen können - nämlich über ihre gemeinsamen Erfahrungen in Minecraft."

Mit über 1.000 Kindern in Israel hat "Games for peace" solche Schulprojekte schon veranstaltet. Und tatsächlich gibt es immer wieder kleine Erfolgsgeschichten, wenn arabische und jüdische Schulklassen über das Projekt hinaus in Kontakt bleiben.

All das Misstrauen lässt sich dadurch nicht aus der Welt schaffen. Aber immerhin: Mithilfe eines Computerspiels schaffen die Kinder etwas, das ihre Eltern längst verlernt haben: nämlich nicht immer nur übereinander zu sprechen, sondern endlich auch wieder miteinander.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 09.03.2017 | 08:08 Uhr

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