Stand: 06.06.2017 14:50 Uhr

Die falschen Fluten von Rakka

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Sieht so Rakka aus? Nein, "Focus Online" zeigte stattdessen Bilder aus Kolumbien.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat Teile der von ihr besetzten Stadt Rakka unter Wasser gesetzt, um der anrückenden " Syrian Democratic Forces" den Angriff zu erschweren: So berichtet es der "Spiegel" Ende Mai. "Focus Online" griff das Thema auf und machte daraus ein Nachrichtenvideo, das seitdem auf der Internetseite immer wieder in Berichten über den IS erscheint.

Inhaltlich stützt es sich hauptsächlich auf den "Spiegel"-Bericht: "Etwa zehn Quadratkilometer der Stadt stehen bereits unter Wasser" heißt es in dem Video - unterlegt mit Flut-Bildern. Und weiter: "Mehrere Menschen ertranken in ihren Häusern." Über diese Stelle des Videos wunderte sich ein Mitarbeiter des Spiegel-Verlags bei Twitter: "Sieht nach USA aus..."

Recherche zeigt: Raleigh, nicht Rakka

Tatsächlich illustriert "Focus Online" den Bericht über Rakka hier mit Bildern aus Raleigh im US-Bundestaat North Carolina, wie unsere Recherche zeigte. Dort kam es im April 2017 zu Überschwemmungen.

Straßenkreuzung in Raleigh, North Carolina Straßenkreuzung in Raleigh, North Carolina

Noch eine folgende Filmsequenz lässt sich zweifelsfrei einer anderen Überschwemmung zu ordnen: Während das Focus-Online-Video über tote Kinder in Rakka spricht, wird ein quicklebendiger Junge bei einer Überschwemmung in Kolumbien Mitte Mai 2017 gezeigt. Eine dritte Szene sieht stark nach Südasien aus. An keiner Stelle macht Focus Online darauf aufmerksam, dass die verwendeten Bilder nicht aus Syrien stammen.

Bilder von IS-Kämpfern sind von 2014

Und während der Sprecher informiert "Die amerikanische Offensive auf die IS-Hauptstadt Rakka ist in in vollem Gange", zeigt das Video US-Soldaten, die daran garantiert nicht beteiligt sind. Sie sind in Japan stationiert und lauschten mehr als 8.000 Kilometer von Rakka entfernt am 19. April 2017 auf dem Flugzeugträger "Ronald Reagan" einer Rede von US-Vizepräsidenten Mike Pence. Pence hielt dort eine rund 2.500 Wörter umfassende Rede, in der Syrien genau einmal vorkam. Auch bei der Illustration der Verteidiger lässt "Focus Online" Freizügigkeit walten und zeigt unter anderem IS-Milizionäre aus einem bereits 2014 veröffentlichten Propaganda-Video.

Mit Programm für schnelle Online-Videos erstellt

Immerhin gibt es am Ende einen Hinweis, aus welchen Quelle das Bildmaterial stammt: von den Agenturen Reuters und AFP sowie dem Online-Dienst Stringr.com, der Nutzer-Videos sammelt. Zusammengestellt wurde das Video mit dem Programm Wochit, mit dem Online-Redakteure unkompliziert aus einer großen Video-Datendatenbank ihren eigenen Clip zusammenklicken können. Aber wenn leichteren Themen die Bildquellen relativ egal sein mögen - bei Nachrichten ist höchste Vorsicht geboten.

Natürlich kommt es bei TV-Beiträgen und Online-Videos häufig vor, dass symbolische Bilder oder Archivmaterial verwendet werden. In der Regel sollte dies sich allerdings den Zuschauern auf den ersten Blick erschließen oder deutlich kenntlich gemacht werden, insbesondere bei klassischen Nachrichten. Dies fehlt bei Focus Onlines phanstasievoller Flut-Kollage völlig.

Mitarbeit: Melanie Bender, ARD-faktenfinder

Nachtrag, 08.06.2017: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags hat Focus Online die fraglichen Bilder im Video ausgetauscht, wie ein Nutzer in den Kommentaren anmerkt.

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