Stand: 23.08.2016 14:33 Uhr

Die Nonnen, der Imam und der Fotograf

Vergnügte Nonnen am Strand - mit diesem Foto reagierte ein Imam aus Italien auf die Debatte über ein Burkini-Verbot in Frankreich. Das Bild ging erst durch Facebook und dann durch die Medien. Gemacht hat das Foto allerdings nicht der Imam, sondern ein wenig erfreuter Fotograf aus Bayern.

Dass ausgerechnet ein muslimischer Geistlicher ein Foto von planschenden Nonnen ins Netz stellt, kommt nicht alle Tage vor: Ohne eigenen Kommentar lud Izzedir Elzir, Imam und Vorsitzender der größten muslimischen Vereinigung Italiens, vergangenen Mittwoch das Bild bei Facebook hoch: In Ordenstracht gehüllte Frauen spazieren darauf barfuß am Strand entlang, einige wagen sich sogar ein paar Schritte ins Wasser.

Das Urlaubsfoto, das sich in der erhitzen Debatte über Burkas und Burkinis plötzlich im Netz viral verbreitete (Foto: Heinz K.)
Tausende teilten ergoogeltes Foto

Auch ohne Kommentar verstanden andere Facebook-Nutzer das Bild als Kommentar zur Debatte über ein Burkini-Verbot in Frankreich - Tausende teilten das Bild. Imam Elzir musste allerdings erleben, dass sein Facebook-Zugang auf einmal komplett gesperrt wurde. Offenbar hatte sich jemand bei dem sozialen Netzwerk über ihn beschwert. Die Beschwerde richtete sich laut "Süddeutscher Zeitung" (SZ) aber nicht gegen den Inhalt des Bildes - stattdessen habe jemand Elzirs Profil als gefälscht gemeldet. Elzir sei nicht der, für den er sich ausgebe.

Solche falschen Anschuldigungen sind bei Facebook in ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Nutzern keine Seltenheit. Inzwischen ist die vorübergehende Sperre des Profils aufgehoben, Elzir habe aber nach eigenen Angaben einen Anwalt eingeschaltet, so die SZ.

Kommentar

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Möglicherweise wird dieser den Imam auch urheberrechtlich beraten müssen. Denn der Imam hat das umstrittene Foto nicht selbst gemacht. “Über Google”, sei er auf das Bild gestoßen, schreibt Elzir auf Anfrage des NDR. Wer mit einer Bilder-Suchmaschine im Netz nach dem Ursprung des Fotos fahndet, findet es auf der deutschen Website Fotocommunity.de. Dort lud es ein Nutzer bereits am 4. August 2014 hoch.

Entstanden ist es demnach tatsächlich in Italien - im Juni 2014 am Strand von Ostia. Das Foto sei natürlich nicht als Beitrag zur Burka/Burkini-Debatte gedacht gewesen, schreibt der Nutzer in der Community aktuell dazu: "Vielmehr sollte es zum Ausdruck bringen, dass Nonnen auch 'nur' Menschen sind und sich genauso freuen und Spaß haben können."

Deutscher Fotograf: "Leider ohne mein Einverständnis"

Hobby-Fotograf Heinz K. bekräftigt gegenüber dem NDR, dass er das Foto gemacht hat. Als Beleg kann er die Foto-Datei in sehr hoher Auflösung und weitere Aufnahmen der gleichen Szene vorweisen. "Auf der einen Seite finde ich es schön, dass mein Foto von vielen anderen ausgewählt wurde, aber leider ohne mein Einverständnis und zu einem völlig anderen Zweck verwendet wird", sagt der Mann aus Bayern.

"Ich habe mich gestern bei Facebook beschwert und darauf hingewiesen, dass es sich um mein Foto handelt."  Facebooks Antwort sei schnell gekommen: Man sehe keinen Handlungsbedarf. Jetzt will sich K. anwaltlich beraten lassen.

Weil jeder fotografiert und publiziert, erodiert das Recht am eigenen Bild

Wenn K. die Nonnen selbst nicht um Erlaubnis für die Veröffentlichung im Netz gefragt hat, verkompliziert das die rechtliche Situation: Auch wenn das Bild an einem öffentlichen Ort entstand und eine Gruppe, keine Einzelpersonen zeigt, stellt sich nach deutschem Recht die Frage nach dem Persönlichkeitsrecht der Nonnen.

Durch das allgegenwärtige Fotografieren mit Handykameras und die Verbreitung in sozialen Netzwerken stellt sich die Situation heutzutage hier in der Praxis allerdings ganz anders als vor 20 Jahren: Das Recht am eigenen Bild erodiert gerade. Ein Foto online stellen, wie es Heinz K. gemacht hat - das tun viele Menschen täglich, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. Möglicherweise hätten die Nonne auch gar nichts gegen eine Veröffentlichung: Auf einem anderen Bild der Serie ist zu sehen, wie eine Schwester selbst fotografiert.  "Es ist ein Grenzfall", meint Rechtsanwalt Stephan Dirks aus Kiel. "Man müsste hier eine Güterabwägung treffen."

Bildrecht
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Relativ eindeutig ist dagegen: Medien, die das Foto der Nonnen vollständig oder als Ausschnitt einfach ohne Genehmigung als Bild übernommen haben, verstoßen damit gegen das Urheberrecht - da helfen auch Quellenhinweise im Stil von "Facebook.com/Izzedin Elzir" nicht. "Ganz klar: Der Fotograf als Urheber kann bestimmen, wer sein Foto verwerten darf", sagt Anwalt Dirks.

Sehr kniffelig ist die Frage, welche rechtliche Verantwortung Medien tragen, die den Original-Facebook-Post von Izzedin Eldir auf ihren Internet-Seiten eingebaut haben: Das Foto ist dann zwar für Besucher der Medien-Seiten zu sehen. Es ist aber dann nicht dort gespeichert, sondern nur auf Facebook-Servern. Nur ein Beispiel dafür, wie kompliziert die Gemengelage aus Urheber-, Persönlichkeits- und Presserecht im Social-Media-Zeitalter ist.

Dieses Thema im Programm:

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