Stand: 24.02.2015 14:21 Uhr  | Archiv

Computermuffel - die Analphabeten der Zukunft?

von Vassili Golod
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Die Social Media Week findet parallel in mehreren Städten statt.

Diese Woche wird in Hamburg besonders viel getwittert. Am Montag ist dort nämlich die Social Media Week gestartet. Mehr als 14.000 Menschen haben sich für die globale Digitalkonferenz angemeldet. Inhaltlich dreht sich alles um Entwicklungen und Innovationen auf dem digitalen Sektor. Die Social Media Week ist allerdings mehr als nur ein Klassentreffen für Technik-Nerds. Im Fokus steht der gesellschaftliche Wandel und seine Auswirkungen. Wie führen wir zum Beispiel unsere Kinder am besten an das Internet heran?

Die Analphabeten des 21. Jahrhunderts

Katja Reim ist Journalistin und Mutter. Diese Eigenschaften hat sie verknüpft und schreibt in ihrem Blog seit einer ganzen Weile über die digitale Erziehung ihrer Tochter. "Computermuffel werden die Analphabeten des 21. Jahrhunderts sein", meint Katja Reim. Weil sie ihr eigenes Kind vor diesem Schicksal schützen möchte, setzt sie sich mit allem auseinander, was das Netz zu bieten hat. "Wenn ich nachvollziehen kann, warum mein Kind so gerne bei Instagram ist und was daran so toll ist, wenn man Like-Herzen bekommt, dann verstehe ich, warum sie wie handelt." Erst dann entscheidet sie, was Tochter alleine darf und was nicht.

Internet ist wie Straßenverkehr

Bei der Social Media Week berichtet Katja Reim als Rednerin über ihre pädagogischen Erfahrungen. Viele interessierte Eltern sind gekommen, um ihrem Vortrag zu lauschen. Sie schreiben fleißig mit, stellen Fragen, erzählen von ihren eigenen Kindern. Sie alle wirken ziemlich besorgt. Doch Reim macht ihnen Mut, denn im Netz geht es eigentlich genauso zu, wie im Straßenverkehr. "Bevor wir das Kind alleine losschicken, bringen wir ihm ja auch bei, über die Straße zu gehen, nach links und rechts zu gucken und die Ampel zu benutzen. Ähnliches gilt fürs Internet: Du brauchst Regeln und auch ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist – ansonsten kann man ganz schnell in einen Strudel reinkommen."

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Jöran Muuß-Merholz (l.) plädiert dafür, dass Eltern und Kinder sich gemeinsam mit digitalen Inhalten auseinandersetzen.
Die Schnittstelle zweier Welten

Der Erziehungswissenschaftler Jöran Muuß-Merholz würde bei den Aussagen von Katja Reim ganz sicher auf "Gefällt mir" klicken. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen zwei Welten: der digitalen und der Bildungswelt. "Macht was gemeinsam mit Euren Kindern", rät Muuß-Merholz. "Ob das früher beim Fernsehen so war oder jetzt bei Facebook oder WhatsApp – dafür müssen die Erwachsenen gar nicht mehr Ahnung haben als die Kinder. Es hilft schon, wenn man sich zu zweit davor setzt und die Sachen einfach zusammen anguckt."

Zauberlehrling statt WhatsApp

Auf der Social Media Week wurden viele spannende Innovationen präsentiert: Von einer Schulklasse, die einen virtuellen Stadtrundgang konzipiert hat, bis hin zu Open Data Projekten im Unterricht. Der Fokus liegt aber auf der Grundschule. Mit digitalem Storytelling sollen Schüler früh lernen, ihrer eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen. Digitale Animationen sollten die Kids zur Kreativität anregen, erklärt Susanna Maier vom Oetinger Verlag. "Es ist ganz wichtig, weil die Kinder auch schon in der Grundschule Tablets zu Hause haben. Oftmals wissen die Eltern gar nicht genau, was man überhaupt mit so einem Gerät machen kann. Auch die Lehrer sind sich unsicher. Die Kinder behandeln das alles dagegen intuitiv. Man muss sie dabei aber begleiten, damit sie nicht nur auf WhatsApp sind, sondern auch noch den Zauberlehrling behandeln."

Digitale Kompetenzzentren

Damit diese Ideen in die Praxis umgesetzt werden, braucht es ein einheitliches Konzept, das den technischen Fortschritt an Schulen unterstützt. Das fehlt allerdings bisher, kritisiert Jöran Muuß-Merholz. Deshalb wünscht sich der Wissenschaftler in naher Zukunft ein digitales Kompetenzzentrum an Schulen. "Wo Eltern, Lehrer, Schüler hingehen können, wenn sie irgendeine Frage haben, wenn sie irgendetwas machen wollen. Wenn sie sagen: Wir Eltern bräuchten mal eine Informationsveranstaltung, können wir irgendjemanden einladen? Wo ein Lehrer hinkommen kann, der sagt: Ich habe bei anderen Kollegen gesehen, die machen das und das mit ihren Schülern, wie geht das denn? Ist das mit den Datenschutzrichtlinien vereinbar?", erklärt Muuß-Merholz. "Der digitale Wandel betrifft uns alle und wir können ihn nur gemeinsam angehen. Dafür braucht es einfach eine erste Anlaufstelle – und so etwas kann das digitale Kompetenzzentrum vielleicht sein."

Im Vergleich zum technischen Fortschritt der vergangenen Jahre vollzieht sich der digitale Wandel eher im Schneckentempo. Die Social Media Week demonstriert an ausgewählten Beispielen eindrucksvoll was möglich ist, macht aber auch deutlich, dass es politisch und gesellschaftlich große Baustellen gibt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 24.02.2015 | 06:38 Uhr