Stand: 20.10.2014 16:51 Uhr  | Archiv

10 Jahre netzpolitik.org

von Daniel Bouhs

Anders als in den USA spielen politische Blogs, in denen Aktivisten den Mächtigen auf die Finger zu schauen, bei uns kaum eine Rolle. Die große Ausnahme: netzpolitik.org. Die Autoren setzen sich für ein freies Internet ein und begleiten das noch junge Feld der Netzpolitik - und das jetzt schon seit zehn Jahren. Am 17.Oktober feierten sich die Macher. Doch was haben sie erreicht? Daniel Bouhs berichtet zum Jubiläum.

Nein, süchtig nach neuen Einträgen von netzpolitk.org sei er nicht, sagt Lars Klingbeil, der netzpolitische Sprecher der SPD im Bundestag - doch Pflichtlektüre, das sei diese Seite am Ende schon. "Ich lese es wirklich regelmäßig, ich ärgere mich auch regelmäßig darüber. Das ist aber glaube ich auch Aufgabe von so einem Blog, dass man uns Politikern nicht gefallen muss, sondern dass man immer wieder auch Stachel ist. Ob es jetzt das Medium Nummer eins ist - spontan würde ich sagen: Es gibt keins, was besser in Quantität und Qualität über Netzpolitik berichtet."

Und das macht netzpolitik.org nun schon seit zehn Jahren in oft bemerkenswerter Kontinuität. Klar ist dabei auch die Haltung der Autoren: Sie treten für Freiheit im Digitalen ein - für freie Inhalte, aber auch für freie Leitungen. Wenn Zensur droht, wenn Unternehmen Nutzer für den Transport bestimmter Inhalte extra zur Kasse bitten wollen und wenn Geheimdienste zu neugierig werden, dann schalten sich die Blogger ein. Das hinterlässt mitunter Eindruck, auch bei Netzpolitiker Klingbeil. "Bei den großen Diskussionen haben sie auf jeden Fall etwas in Bewegung gesetzt. Also Acta, Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren - da haben sie sozusagen aus dem Publizistischen dann auch Kampagnen losgetreten, die nachher sogar mit Demos auf der Straße geendet sind."

Brückenbauer zwischen Nerds und Netzpolitikern

Gegründet hat das Blog Markus Beckedahl, ein erklärter Netzaktivist. Früher hat er sich bei den Grünen engagiert. Heute füllt Beckedahl mit gut einem Dutzend Mitstreitern das Blog. Zehn Jahre netzpolitik.org - das bedeutete für sie vor allem: Themen aus der Nische holen. "Wir haben sie begleitet von Anfang an als sie keinen interessiert haben und haben sie quasi mit beerdigt, sei es die Netzsperren rund um die ‚Zensursula’-Debatte, sei es die Vorratsdatenspeicherung. Und wir haben schon über den NSA-Skandal berichtet als Edward Snowden noch nicht bei der NSA war – und wir werden da auch noch weiter drüber berichten, wenn das für die anderen Medien kein Thema mehr sein wird."

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"Wir haben schon über den NSA-Skandal berichtet als Edward Snowden noch nicht bei der NSA war – und wir werden da auch noch weiter drüber berichten."

Beckedahl sagt, er baue Brücken - zwischen Nerds und Netzpolitikern auf der einen und der breiten Öffentlichkeit auf der anderen Seite. In den vergangenen Jahren hat die Schlagzahl auf netzpolitik.org zugenommen - die Bandbreite an Themen wurde immer größer. Das klappt, weil Leser diese Mischung aus Aufklärung und Aktivismus honorieren - im wahrsten Sinne des Wortes. "Wir haben jetzt ein Geschäftsmodell gefunden, wo wir nach langer Diskussion mit unserer Community festgestellt haben, wir probieren mal Leserfinanzierung als eine starke Säule aus - und das funktioniert super. Also es funktioniert insofern super, dass wir in den letzten Monaten eigentlich jeden Monat mindestens 8.000 Euro über freiwillige Spenden an den Netzpolitik e.V. bekommen haben."

Netzpolitik-Feier - ohne Politik

Eine Grundlage für die nächsten zehn Jahre. Am Freitag feierten sich die bloggenden Aktivisten aber erst mal selbst, mit einem kleinen Kongress in Berlin. Die, die bei der Netzpolitik eigentlich das Sagen haben, bleiben dabei allerdings außen vor. "Wenn man Netzpolitiker aus allen Fraktionen nebeneinander setzt, dann sagen sie eigentlich alle dasselbe. Das ist halt irgendwie vertane Liebesmühe...."Das sagt nicht zuletzt viel darüber aus, was die Blogger von den Politikern halten. Netzpolitiker wie Lars Klingbeil finden das schade und nicht zuletzt: unfair. "Es ist glaube ich für ein Blog schon wichtig, den Kontakt auch zu den politischen Akteuren auch zu suchen. Man kann uns kritisieren, aber den Dialog sollte man haben."

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NDR Info | 16.10.2014 | 08:08 Uhr