Stand: 23.08.2017 11:30 Uhr

Offshore-Windparks - auch mal im Gegenwind

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Mehrere Hundert Windkraftanlagen sind in Nord- und Ostsee in den letzten Jahren gebaut worden..

Experten sind sich sicher: Die Zukunft der Stromerzeugung liegt auf dem Meer. Denn die Windverhältnisse rund um die sogenannten Offshore-Windparks sind deutlich besser als an Land. Windenergieanlagen (WEA) können dort fast doppelt so viel Strom erzeugen. Die (zuletzt immer wieder nach unten korrigierten) Ziele der Bundesregierung sehen vor, dass im Jahr 2030 die deutschen Offshore-Windanlagen 15 Gigawatt Strom erzeugen und damit rein rechnerisch die Jahresleistung von rund zwölf Atomkraftwerken ersetzen.

Immer mehr Anlagen in Nord- und Ostsee genehmigt

Ende Juni 2017 waren nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie 1.055 Anlagen in 16 Windparks am Netz - 953 in der Nordsee und 102 in der Ostsee. Zusammen verfügen sie über eine Leistung von mehr als 4.700 Megawatt. Zum Vergleich: Atomkraftwerke leisten im Schnitt gut 1.000 Megawatt, das größte in Deutschland (Isar II) liegt bei brutto 1.485 Megawatt. Ende 2014 wurden erstmals mehr als 1.000 Megawatt Offshore-Windenergie in deutschen Parks produziert. Den Angaben zufolge beschäftigt die Branche zurzeit rund 20.000 Menschen und setzte bereits 2010 jährlich etwa 5,9 Milliarden Euro um.

Die deutschen Offshore-Anlagen in der Nordsee

  • alpha ventus

    45 Kilometer vor Borkum geht im April 2010 der erste deutsche Offshore-Windpark "alpha ventus" in Betrieb. Die 250 Millionen Euro teure Anlage ist als Testfeld der großen Energieunternehmen E.ON, Vattenfall und EWE konzipiert, steht in 30 Meter tiefem Wasser und besteht aus zwölf Turbinen mit einer Leistung von je fünf Megawatt, insgesamt also 60 Megawatt. Die einzelnen Komponenten der Anlage wurden zumeist an Land vormontiert: Inklusive Rotor sind die Windkraftwerke rund 143 Meter hoch.

  • Amrumbank West

    Der Windpark "Amrumbank West" in der Nordsee ist seit Oktober 2015 am Netz und liefert Strom. Er liegt rund 40 Kilometer nördlich von Helgoland, besteht aus 80 Anlagen und kann etwa 300.000 Haushalte mit Strom versorgen. Der Betreiber E.ON investierte rund eine Milliarde Euro in die Anlage, die über eine Leistung von insgesamt 302 Megawatt verfügt.

  • BARD Offshore 1

    Im September 2013 gehen die 80 Windkraftanlagen des Parks "BARD Offshore 1" erstmals komplett ans Netz. Der seit 2009 errichtete Windpark befindet sich rund 100 Kilometer nordwestlich von Borkum. Das erste kommerzielle Windkraftprojekt in der deutschen Nordsee ist mit drei Milliarden Euro Investitionskosten deutlich teurer als geplant. Die Anlagen können eine Gesamtleistung von 400 Megawatt erzeugen - jedoch führte eine Pannenserie 2014 dazu, dass kein Strom geliefert werden kann und viele Anlagen immer wieder abgestellt werden müssen. Erst im Oktober 2015 konnte der Windpark wieder komplett im Regelbetrieb arbeiten.

  • Riffgat

    Der Windpark "Riffgat" liegt etwa 15 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum. Seine Leistung wird von den Betreibern EWE und Enova mit 108 Megawatt angegeben. Der Start der aus 30 Windrädern bestehenden Anlage hatte sich immer wieder verzögert - nach einer rund 14-monatigen Bauzeit bereitete vor allem der Netzanschluss Probleme. Die Verlegung des Seekabels verzögerte sich unter anderem, weil auf dem Meeresgrund Munition gefunden worden war. Zwar findet die Einweihung des Windparks schon im August 2013 statt, doch erst Mitte Februar 2014 kann der Anschluss an das Stromnetz vermeldet werden. Wegen eines Defektes an der Stromleitung musste der Windpark von November 2015 bis Mai 2016 zwischenzeitlich vom Netz genommen werden.

  • Meerwind Süd|Ost

    Etwa 23 Kilometer nördlich von Helgoland produziert der Offshore-Park "Meerwind Süd|Ost" seit Ende 2014 mit 80 Windrädern Strom. Seine Spitzenleistung liegt bei 233 Megawatt. Rund 300.000 Haushalte können so mit Windstrom versorgt werden. Nach Angaben der Betreiber ist der Windpark der erste rein privat finanzierte Hochsee-Windpark in Deutschland. Sein Bau hat rund 1,2 Milliarden Euro gekostet.

  • Borkum Riffgrund

    Der erste Teil des ca. 38 Kilometer nördlich der gleichnamigen Insel liegenden Windparks "Borkum Riffgrund" besteht aus 78 Turbinen. Er wurde im Oktober 2015 als "Riffgrund 1" von Prinz Joachim zu Dänemark offiziell in Betrieb genommen und ist der erste dänische Windpark, der in Deutschland gebaut wurde. Mit einer Gesamtleistung von 312 Megawatt kann er rund 320.000 deutsche Haushalte pro Jahr mit umweltfreundlichem Strom versorgen. Der Betreiber Dong Energy plant bereits seine Erweiterung: Der zweite Teil ("Riffgrund 2") enthält 56 weitere Windkraftanlagen auf einem benachbarten Baufeld und soll 2019 fertiggestellt werden.

  • DanTysk

    Obwohl "DanTysk" frei übersetzt "DänischDeutsch" heißt, ist der Park ein deutsch-schwedisches Gemeinschaftsprojekt: Verantwortlich für Finanzierung und Planung der 80 Windkraftanlagen sind die Stadtwerke München und der schwedische Energieriese Vattenfall. Die Eröffnung fand im April 2015 statt. 200 Kilometer Seekabel transportieren den Strom vom etwa 70 Kilometer westlich von Sylt gelegenen Windpark bis zum Festland.

  • Nordsee Ost

    Der Windpark "Nordsee Ost" wird im Mai 2015 in Betrieb genommen. Er steht etwa 35 Kilometer nordwestlich von Helgoland. Mit einer Spitzenleistung von 295 Megawatt können die insgesamt 48 Windkrafträder etwa 320.000 Haushalte mit Strom versorgen. Betreiber ist der Energiekonzern RWE, die Investitonssumme liegt bei rund einer Milliarde Euro.

  • Global Tech 1

    Der Windpark "Global Tech 1" befindet sich mehr als 140 Kilometer vor Emden und liegt damit außerhalb des Nationalparks Wattenmeer und auch außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone. Die 80 Anlagen des Windparks entstehen zwischen 2012 und 2015, im September 2015 wird er eingeweiht. Rein rechnerisch können 445.000 Haushalte mit dem dort produzierten Windstrom versorgt werden. An der Anlage mit einem Investitionsvolumen von 1,8 Milliarden Euro sind die Stadtwerke München, die Darmstädter Entega AG, die Schweizer Axpo International S.A. und weitere Gesellschafter beteiligt.

  • Butendiek

    Der Windpark "Butendiek" wird bereits im Jahr 2002 genehmigt, ein Jahr nach dem Testfeld "alpha ventus". Trotzdem wird die letzte der 80 Windkraftanlagen erst im Juni 2015 nach rund 15 Monaten Bauzeit etwa 30 Kilometer westlich der Insel Sylt errichtet. Mittlerweile ist der komplette Windpark in Betrieb. Insgesamt wurde eine Gesamtleistung von 288 Megawatt installiert. Ursprünglich als "Bürgerwindpark" konzipiert, ist heute die Bremer Gesellschaft WPD Betreiber der Anlagen, für die rund 1,3 Milliarden Euro investiert wurden.

  • Trianel Windpark Borkum

    Der "Trianel Windpark Borkum" ist im Juli 2015 vor der gleichnamigen Insel ans Netz gegangen - zumindest die Hälfte der geplanten 80 Anlagen. Baubeginn für den zweiten Teil des Windparks soll im Frühjahr 2018 sein, im Laufe des Folgejahres soll die Inbetriebnahme erfolgen. Die Anlage soll dann eine Gesamtleistung von 400 Megawatt haben und wäre damit einer der leistungsfähigsten deutschen Offshore-Parks.

  • Gode Wind 1 und 2

    Der größte Windpark Deutschlands, bestehend aus den beiden Teilen Gode Wind 1 und 2, ist im Juni 2017 offiziell eingeweiht worden. Er liegt rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Küste. Verantwortlich für den Betrieb und die Wartung ist der dänische Konzern Dong Energy. Mit einer Gesamtkapazität von 582 Megawatt könnte er jährlich rund 600.000 Haushalte mit grünem Strom versorgen.

  • Sandbank

    Der Windpark "Sandbank" hat im Juli 2017 offiziell seinen Betrieb aufgenommen und ist das zweite gemeinsame Projekt von Vattenfall und den Stadtwerken München. Er liegt rund 90 Kilometer westlich von Sylt und hat laut Vattenfall rund 1,2 Milliarden Euro gekostet.

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Die deutschen Offshore-Anlagen in der Ostsee

  • Baltic 1

    In der Ostsee nimmt "Baltic 1" als erster kommerzieller Offshore-Windpark im Mai 2011 den Betrieb auf. Die Anlage geht nach einem Jahr Bauzeit mit einer Gesamtleistung von 48,3 Megawatt ans Netz. Die 21 Windkraftanlagen des Betreibers EnBW stehen rund 16 Kilometer vor Zingst und liefern Strom für rund 50.000 Haushalte.

  • Baltic 2

    Mit dem Bau des zweiten Ostsee-Windparks "Baltic 2" wurde 2012 begonnen. Die letzte der 80 Anlagen wurde im Juni 2015 rund 30 Kilometer nördlich der Insel Rügen errichtet. Ein erster Probebetrieb wird wenig später erfolgreich durchgeführt. Im September 2015 geht der Windpark schließlich ans Netz - mit einer Leistung von 288 Megawatt. Auch Baltic 2 wird von der EnBW AG betrieben.

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Offshore-Anlagen deutlich teurer

Die Errichtung von Offshore-Anlagen wird durch die immensen Kosten erschwert: Pro installiertem Megawatt Leistung werden bei Anlagen im Meer je nach Standort zwischen 2,5 und 4 Millionen Euro fällig. Die Kosten an Land werden mit etwa 1 bis 1,4 Millionen Euro pro Megawatt beziffert. Konkret: Der Windpark "BARD Offshore 1" vor Borkum war am Ende deutlich teurer als ursprünglich geplant und kam auf Investitionskosten von mehr als zwei Milliarden Euro.

Die deutschen Anlagen sind zumeist aufwendiger konzipiert als die der europäischen Nachbarn. Während sie in Dänemark oder Schweden dichter an Land stehen, müssen die deutschen Windräder wesentlich weiter von der Küste entfernt sein - das bedeutet einen höheren Aufwand beim Bau und bei der Wartung. Einige Experten bezweifeln daher, dass sich Windparkentwickler weiterhin an deutsche Offshore-Projekte heranwagen, wenn sie kostengünstiger im Ausland umgesetzt werden können.

Der deutsche Windkraft-Branchenriese Enercon aus Aurich beispielsweise hat beschlossen, keinen Cent mehr in die Offshore-Technologie zu stecken. Das ganze Unterfangen dieser jungen Technik berge viel zu viele Risiken - und sei an etlichen Stellen schlicht zu teuer, heißt es von Seiten des Unternehmens.

Gravierende Folgen für die Offshore-Branche

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Raues Wetter, schwere Stürme, aggressives Salzwasser, vielleicht auch Eisschollen - der Bau und die Wartung der Offshore-Anlagen, die immerhin bis zu 20 Jahre ihren Dienst verrichten sollen, stellt die Betreiber vor große Herausforderungen.

Damit sich die Investitionen trotzdem lohnen, verabschiedete die Bundesregierung bereits im März 2000 das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das zum ersten Mal eine besondere Einspeisevergütung für deutsche Offshore-Windparks vorsieht. Umstrittene Reformvorschläge unter dem Schlagwort "Strompreisbremse", denen zufolge die EEG-Umlage gedeckelt werden sollte, hatten ab 2013 gravierende Folgen für die Offshore-Branche. Banken und Investoren zogen sich zurück, viele Beschäftigte verloren daraufhin ihren Job.

Mehr Geld für Offshore-Anlagen

Nach einer erneuten Überarbeitung des Gesetzes im Juli 2014 bleibt eine erhöhte Anfangsvergütung von 15,4 Cent pro Kilowattstunde für die ersten zwölf Jahre bestehen. Alternativ wird Investoren ein "Stauchungsmodell" angeboten, dass eine Anfangsförderung von 19,4 Cent vorsieht - allerdings nur für die ersten acht Jahre. Zum Vergleich: An Land gibt es laut der 2014 in Kraft getretenen Novelle nur eine Anfangsvergütung von 8,9 Cent pro Kilowattstunde.

Allerdings ist im EEG vorgesehen, das Vergütungsmodell für Windenergie ab 2017 in ein Ausschreibungsmodell umzuwandeln, bei der sich Erzeuger um die Stromproduktion bewerben können. Experten wie der Hamburger Professor für Windenergie und Konstruktion, Peter Dalhoff, sehen diese Entwicklung kritisch. Sie befürchten, dass sich Investoren erneut zurückziehen, wenn sie nicht mehr auf eine verlässliche Vergütung bauen können.

Umweltschützer mit nur wenig Bedenken

Während die Windenergieanlagen zu ihren Anfangszeiten auf dem Land wegen ihrer Auswirkungen auf die Umwelt immer wieder kritisch beäugt wurden, begrüßen Umweltschützer heute zumeist die neue Offshore-Technik. "Wenn wir die Risiken der verschiedenen Technologien abwägen, ist die Windkraft als eine erneuerbare Energie klar den Atom- oder Kohlekraftwerken vorzuziehen", heißt es beispielsweise bei Greenpeace.

Um die drohende Klimakatastrophe zu verhindern, sprechen sich die Umweltschützer sogar für die - natürlich stets umweltverträgliche - Nutzung der Offshore-Windkraft "in großem Stil" aus. Anfang September 2008 legte Greenpeace einen detaillierten Plan zur Vernetzung von Windparks in der Nordsee vor. Kabel zwischen den Stromnetzen von sieben Nordsee-Anrainerstaaten könnten demzufolge für eine stetige Versorgung mit Windenergie auch bei regionalen Flauten sorgen. Auch der BUND setzt sich für den Ausbau der Anlagen im Meer ein.

Welche Folgen hat die Technik für das Leben im Meer?

Doch der Bau der Anlagen bedeutet für die Meeresbewohner ernste Risiken. Denn damit die riesigen Windmühlen nicht von Wind und Wellen umgeworfen werden, müssen ihre Fundamente mit dicken Pfählen im Meeresgrund verankert werden. Mächtige Rammen treiben die fünf bis sechs Meter dicken Pfähle mit mehr als 1.000 Schlägen in den Boden und verursachen dabei enormen Lärm - jeder Rammstoß ist mindestens 225 Dezibel laut.

Naturschützer befürchten, dass dieser Lärm - trotz gesetzlicher Schallschutzauflagen - beispielsweise hörempfindliche Schweinswale nicht nur vertreibt, sondern sogar schädigen kann: Untersuchungen zufolge wird ihr Gehör schon bei einer Lautstärke von 200 Dezibel beeinträchtigt. Zum Vergleich: Ein Düsenjet erreicht 150 Dezibel. Die menschliche Schmerzgrenze liegt zwischen 120 und 140 Dezibel. Andere Tierarten könnten die Windpark-Fundamente allerdings auch nutzen: Einem Forschungsprojekt zufolge sind sie prinzipiell dafür geeignet, beispielsweise dem Nordsee-Hummer einen neuen Lebensraum zu bieten.

Tourismus-Experten skeptisch

Nach wie vor skeptisch gegenüber Offshore-Windparks sind Tourismus-Experten. Sie fürchten zurückgehende Gästezahlen, wenn Windräder den Blick zum Horizont verstellen, und sehen zudem die Gefahr von Schiffskollisionen an den Fundamenten der Windparks. Ölverschmutzte Strände könnten eine Folge sein. So fordert der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Fischland-Darß-Zingst, Fried Krüger, eine Lotsenpflicht einzuführen, um Havarien zu vermeiden.

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Panorama 3 | 06.12.2016 | 21:15 Uhr

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