Stand: 04.02.2016 10:51 Uhr

Offshore-Windparks - auch mal im Gegenwind

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Mehrere Hundert Windkraftanlagen entstehen in den nächsten Jahren in Nord- und Ostsee.

Experten sind sich sicher: Die Zukunft der Stromerzeugung liegt auf dem Meer. Denn die Windverhältnisse rund um die sogenannten Offshore-Anlagen sind deutlich besser als an Land. Windenergieanlagen (WEA) können dort fast doppelt so viel Strom erzeugen. Die (zuletzt immer wieder nach unten korrigierten) Ziele der Bundesregierung sehen vor, dass im Jahr 2030 die deutschen Offshore-Windanlagen 15.000 Megawatt Strom erzeugen und damit die Jahresleistung von rund zwölf Atomkraftwerken ersetzen. Allerdings geriet der Ausbau zuletzt ins Stocken: Weil der Abtransport des Stroms schwieriger ist als gedacht, werden zunächst keine weiteren Genehmigungsverfahren für küstenferne Gebiete bearbeitet.

Offshore-Windpark im Wattenmeer.

Offshore-Windparks - eine Bilanz

Hallo Niedersachsen -

2010 ging der erste Offshore-Windpark ans Netz. Wurden die Bedenken der Naturschützer bestätigt? Und haben sich die Windkraftanlagen wirtschaftlich bezahlt gemacht?

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Immer mehr Anlagen in Nord- und Ostsee genehmigt

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Im Februar 2016 waren nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) 35 Offshore-Windparks mit mehr als 1.800 Anlagen genehmigt - 32 in der Nordsee und drei in der Ostsee. Zusammen dürften die Parks früheren Angaben zufolge nach ihrer Fertigstellung auf eine Leistung von rund 10.000 Megawatt kommen. Zum Vergleich: Atomkraftwerke leisten im Schnitt gut 1.000 Megawatt, das größte in Deutschland (Isar II) liegt bei brutto 1.485 Megawatt. Ende 2014 wurden erstmals mehr als 1.000 Megawatt Offshore-Windenergie in deutschen Parks produziert. Nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie beschäftigt die Branche rund 19.000 Menschen und setzt jährlich knapp zwei Milliarden Euro um.

Diese deutschen Offshore-Anlagen in der Nordsee liefern bereits Strom

  • alpha ventus

    45 Kilometer vor Borkum geht im April 2010 der erste deutsche Offshore-Windpark "alpha ventus" in Betrieb. Die 250 Millionen Euro teure Anlage ist als Testfeld der großen Energieunternehmen E.ON, Vattenfall und EWE konzipiert, steht in 30 Meter tiefem Wasser und besteht aus zwölf Turbinen mit einer Leistung von je fünf Megawatt, insgesamt also 60 Megawatt. Die einzelnen Komponenten der Anlage wurden zumeist an Land vormontiert: Inklusive Rotor sind die Windkraftwerke rund 143 Meter hoch.

  • Amrumbank West

    Eigentlich ist der Windpark Amrumbank West in der Nordsee bereits seit 2015 am Netz und liefert Strom - offiziell in Betrieb genommen wird die Offshore-Anlage wegen Terminschwierigkeiten aber erst am 4. Februar 2016. Der Park rund 40 Kilometer nördlich von Helgoland besteht aus 80 Anlagen und kann etwa 300.000 Haushalte mit Strom versorgen. Der Betreiber E.ON investierte rund eine Milliarde Euro in den 302-Megawatt-Windpark.

  • BARD Offshore 1

    Im September 2013 gehen die 80 Windkraftanlagen des Parks BARD Offshore 1 erstmals komplett ans Netz. Der seit 2009 errichtete Windpark befindet sich rund 100 Kilometer nordwestlich von Borkum. Das erste kommerzielle Windkraftprojekt in der deutschen Nordsee ist mit drei Milliarden Euro Investitionskosten deutlich teurer als geplant. Theoretisch könnten die Anlagen eine Gesamtleistung von 400 Megawatt erzeugen - jedoch führte eine Pannenserie dazu, dass kein Strom geliefert werden kann und viele Anlagen immer wieder abgestellt werden müssen. Die BARD-Gruppe, die den Windpark konzipiert und errichtet hat, stellt Mitte 2014 den Betrieb mangels Nachfolge-Aufträgen ein.

  • Riffgat

    Der Windpark Riffgat liegt etwa 15 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum. Der Start der aus 30 Windrädern bestehenden Anlage hatte sich immer wieder verzögert - nach einer rund 14-monatigen Bauzeit bereitete vor allem der Netzanschluss Probleme. Die Verlegung des Seekabels verzögerte sich unter anderem, weil auf dem Meeresgrund Munition gefunden worden war. Zwar findet die Einweihung des Windparks schon im August 2013 statt, doch erst Mitte Februar 2014 kann der Anschluss an das Stromnetz vermeldet werden. Die Leistung wird von den Betreibern EWE und Enova mit 108 Megawatt angegeben.

  • Meerwind Süd/Ost

    Etwa 23 Kilometer nördlich von Helgoland produziert der Offshore-Park Meerwind Süd/Ost seit April 2014 mit 80 Windrädern theoretisch bis zu 233 Megawatt Spitzenleistung. Rund 300.000 Haushalte sollen so mit Windstrom versorgt werden. Nach Angaben der Betreiber ist der Meerwind Süd/Ost der erste rein privat finanzierte Hochsee-Windpark in Deutschland. Der Bau des Windparks hat rund 1,2 Milliarden Euro gekostet.

  • Borkum Riffgrund

    Der erste Teil des ca. 38 Kilometer nördlich von Borkum liegenden Windparks Riffgrund besteht aus 78 Turbinen, von denen einige im Februar 2015 erstmals Strom lieferten. Im Oktober 2015 eröffnete Prinz Joachim zu Dänemark mit Riffgrund 1 den ersten dänischen Windpark in Deutschland. Mit einer Gesamtleistung von 312 Megawatt soll er künftig rund 320.000 deutsche Haushalte pro Jahr mit umweltfreundlichem Strom versorgen. Der Betreiber Dong Energy plant bereits die Erweiterung des Windparks Riffgrund 2 - 96 weitere Windkraftanlagen könnten auf einem benachbarten Baufeld entstehen.

  • DanTysk

    Obwohl DanTysk frei übersetzt "DänischDeutsch" heißt, ist der Park ein deutsch-schwedisches Gemeinschaftsprojekt: Verantwortlich für Finanzierung und Planung der 80 Windkraftanlagen sind die Stadtwerke München und der schwedische Energie-Riese Vattenfall. Die Eröffnung findet im April 2015 statt. 200 Kilometer Seekabel transportieren den Strom vom etwa 70 Kilometer westlich von Sylt gelegenen Windpark bis zum Festland.

  • Nordsee Ost

    Der Windpark Nordsee Ost wird im Mai 2015 in Betrieb genommen. Er steht etwa 35 Kilometer nordwestlich von Helgoland. Mit einer Spitzenleistung von 295 Megawatt können die insgesamt 48 Windkrafträder etwa 320.000 Haushalte mit Strom versorgen. Betreiber ist der Energiekonzern RWE, die Investitonssumme liegt bei rund einer Milliarde Euro.

  • Global Tech 1

    Der Windpark "Global Tech 1" befindet sich mehr als 140 Kilometer vor Emden und liegt damit außerhalb des Nationalparks Wattenmeer und auch außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone. Die 80 Anlagen des Windparks entstehen zwischen 2012 und 2015, im September 2015 wird die Windkraftanlage eingeweiht. Rein rechnerisch können 445.000 Haushalte mit Windstrom versorgt werden. An dem Windpark mit einem Investitionsvolumen von 1,8 Milliarden Euro sind die Stadtwerke München, die Darmstädter Entega AG, die Schweizer Axpo International S.A. und weitere Gesellschafter beteiligt.

  • Butendiek

    Der Windpark wird bereits im Jahr 2002, ein Jahr nach dem Testfeld alpha ventus, genehmigt. Trotzdem dauert es bis zum 11. Juni 2015, bis nach rund 15 Monaten Bauzeit die letzte der 80 Windkraftanlagen etwa 30 Kilometer westlich der Insel Sylt errichtet wird. Mittlerweile ist der komplette Windpark auch in Betrieb. Insgesamt wurde eine Gesamtleistung von 288 Megawatt installiert. Ursprünglich als "Bürgerwindpark" konzipiert, ist heute die Bremer Gesellschaft WPD Betreiber der Anlagen, für die rund 1,3 Milliarden Euro investiert wurden.

  • Trianel-Windpark

    Der Windpark Trianel vor Borkum ist im April 2015 ans Netz gegangen, zumindest die Hälfte der geplanten 80 Anlagen. Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, soll der Park 400 Megawatt liefern und wäre damit einer der leistungsfähigsten deutschen Offshore-Parks.

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Die deutschen Offshore-Anlagen in der Ostsee

  • Baltic 1

    In der Ostsee nimmt als erster kommerzieller Offshore-Windpark "Baltic 1" im Mai 2011 den Betrieb auf. Die Anlage geht nach einem Jahr Bauzeit mit einer Gesamtleistung von 48,3 Megawatt ans Netz. Die 21 Windkraftanlagen des Betreibers EnBW stehen rund 16 Kilometer vor Zingst und liefern Strom für rund 50.000 Haushalte.

  • Baltic 2

    Mit dem Bau des zweiten Ostsee-Windparks "Baltic 2" wird 2012 begonnen. Die letzte der 80 Anlagen wird im Juni 2015 rund 30 Kilometer nördlich der Insel Rügen errichtet. Ein erster Probebetrieb wird wenig später erfolgreich durchgeführt. Im September 2015 geht der Windpark schließlich ans Netz - mit einer Leistung von 288 Megawatt. Auch Baltic 2 wird von der EnBW AG betrieben.

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Offshore-Anlagen deutlich teurer

Die Errichtung von Offshore-Anlagen wird durch die immensen Kosten erschwert: Pro installiertem Megawatt Leistung werden bei Anlagen im Meer je nach Standort zwischen 2,5 und 4 Millionen Euro fällig. Die Kosten an Land werden mit etwa 1,0 bis 1,4 Millionen Euro pro Megawatt beziffert. Konkret: Der Windpark "BARD Offshore 1" vor Borkum war am Ende deutlich teurer als ursprünglich geplant und kam auf Investitionskosten von mehr als zwei Milliarden Euro.

Die geplanten deutschen Anlagen sind zumeist aufwendiger konzipiert als die bestehenden Anlagen der europäischen Nachbarn. Während in Dänemark oder Schweden die Anlagen dichter an Land stehen, werden die deutschen Windräder wesentlich weiter von der Küste entfernt sein - das bedeutet natürlich einen höheren Aufwand beim Bau und bei der Wartung. Einige Experten bezweifeln daher, dass sich Windparkentwickler wirklich an diese Mammutaufgabe heranwagen, wenn gleichzeitig auch noch kostengünstigere Landprojekte im Ausland umzusetzen sind.

Der deutsche Windkraft-Branchenriese Enercon aus Aurich beispielsweise hat beschlossen, keinen Cent in Offshore zu stecken. Das ganze Unterfangen dieser jungen Technik berge viel zu viele Risiken - und sei an etlichen Stellen schlicht zu teuer, heißt es bei Enercon.

Mehr Geld für Offshore-Anlagen

Raues Wetter, schwere Stürme, aggressives Salzwasser, vielleicht auch Eisschollen - der Bau und die Wartung der Offshore-Anlagen, die immerhin bis zu 20 Jahre ihren Dienst verrichten sollen, stellt die Betreiber vor große Herausforderungen.

Damit sich die Investitionen trotzdem lohnen, verabschiedete die Bundesregierung bereits im März 2000 das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das zum ersten Mal eine besondere Einspeisevergütung für deutsche Offshore-Windparks vorsieht. Umstrittene Reformvorschläge unter dem Schlagwort "Strompreisbremse", denen zufolge die EEG-Umlage gedeckelt werden sollte, hatten ab 2013 gravierende Folgen für die Offshore-Branche. Banken und Investoren zogen sich zurück, viele Beschäftigte verloren daraufhin ihren Job. Nach einer erneuten Überarbeitung des Gesetzes im Juli 2014 bleibt eine erhöhte Anfangsvergütung von 15,4 Cent pro Kilowattstunde für die ersten zwölf Jahre. Alternativ wird Investoren auch ein "Stauchungsmodell" angeboten, dass eine Anfangsförderung von 19,4 Cent vorsieht - allerdings nur für die ersten acht Jahre. Zum Vergleich: An Land gibt es laut der 2014 in Kraft getretenen Novelle nur eine Anfangsvergütung von 8,9 Cent pro Kilowattstunde.

Allerdings ist im EEG vorgesehen, das Vergütungsmodell für Windenergie ab 2018 probeweise in ein Ausschreibungsmodell umzuwandeln, bei der sich Erzeuger um die Stromproduktion bewerben können. Experten wie der Hamburger Professor für Windenergie und Konstruktion, Peter Dalhoff, sehen diese Entwicklung kritisch. Sie befürchten, dass sich Investoren erneut zurückziehen, wenn sie nicht mehr auf eine verlässliche Vergütung bauen können.

Umweltschützer mit nur wenig Bedenken

Während die Windenergieanlagen zu ihren Anfangszeiten auf dem Land wegen ihrer Auswirkungen auf die Umwelt immer wieder kritisch beäugt wurden, begrüßen Umweltschützer heute zumeist die neue Offshore-Technik. "Wenn wir die Risiken der verschiedenen Technologien abwägen, ist die Windkraft als eine erneuerbare Energie klar den Atom- oder Kohlekraftwerken vorzuziehen", heißt es beispielsweise bei Greenpeace. Um die drohende Klimakatastrophe zu verhindern, sprechen sich die Umweltschützer sogar für die - natürlich stets umweltverträgliche - Nutzung der Offshore-Windkraft "in großem Stil" aus. Anfang September 2008 legte Greenpeace einen detaillierten Plan zur Vernetzung von Windparks in der Nordsee vor. Kabel zwischen den Stromnetzen von sieben Nordsee-Anrainerstaaten könnten demzufolge für eine stetige Versorgung mit Windenergie auch bei regionalen Flauten sorgen. Auch der BUND setzt sich für den Ausbau der Anlagen im Meer ein.

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Doch der Bau der Anlagen bedeutet für die Meeresbewohner ernste Risiken. Denn damit die riesigen Windmühlen nicht von Wind und Wellen umgeworfen werden, müssen ihre Fundamente mit dicken Pfählen im Meeresgrund verankert werden. Mächtige Rammen treiben die fünf bis sechs Meter dicken Pfähle mit mehr als 1.000 Schlägen in den Boden treiben und verursachen dabei enormen Lärm - jeder Rammstoß ist mindestens 225 Dezibel laut. Naturschützer befürchten, dass dieser Lärm - trotz gesetzlicher Schallschutzauflagen - beispielsweise hörempfindliche Schweinswale nicht nur vertreibt, sondern sogar schädigen kann: Untersuchungen zufolge wird ihr Gehör schon bei einer Lautstärke von 200 Dezibel beeinträchtigt. Zum Vergleich: Ein Düsenjet erreicht 150 Dezibel. Die menschliche Schmerzgrenze liegt zwischen 120 und 140 Dezibel.

Tourismus-Experten skeptisch

Nach wie vor skeptisch gegenüber Offshore-Windparks sind Tourismus-Experten. Sie fürchten zurückgehende Gästezahlen, wenn Windräder den Blick zum Horizont verstellen, und sehen zudem die Gefahr von Schiffskollisionen an den Fundamenten der Windparks. Ölverschmutzte Strände könnten eine Folge sein. So fordert der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Fischland-Darß-Zingst, Fried Krüger, eine Lotsenpflicht einzuführen, um Havarien zu vermeiden.

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