Stand: 07.10.2016 19:15 Uhr

ABC des Rechtsextremismus

Was macht die Antifa? Warum heißen Neonazis "die Braunen"? Was ist Combat 18? Von A wie AfD bis Z wie Zschäpe - wir beleuchten Begriffe aus der rechten Szene, stellen Organisationen und Gegenorganisationen vor und beleuchten in unserem ABC die Ideologie der Rechtsextremen.

  • A - AfD

    Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) galt bei ihrer Gründung 2013 als konservativ und Euro-kritisch, heute sprechen Kritiker von einem "Brückenkopf ins rechtsextreme Lager". Die AfD errang unter anderem Sitze im EU-Parlament, in Hamburgs Bürgerschaft und im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern - dort wurde sie zweitstärkste Fraktion. Der Parteigründer und Mitte 2015 als Vorsitzender abgewählte Bernd Lucke und andere Mitglieder wie sein Vize Hans-Olaf Henkel verließen die Partei inzwischen. Lucke räumte ein, er sei in der AfD "gescheitert", weil er radikale Mitglieder nicht genug bekämpft habe. Laut Henkel ist die AfD zu einer "NPD light" geworden. Die neue Parteichefin Frauke Petry bestreitet einen "Rechtsruck". Es gibt bereits viele Forderungen, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Verbindungen mit Pegida und NPD (siehe gesonderte Einträge) sind offensichtlich: So steht auf dem obigen Bild der NPD-Politiker David Petereit (r.) bei einer AfD-Demo in der ersten Reihe. Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke gilt als populistischer Vertreter der Neuen Rechten.

  • A - Antifa

    Die heutige Antifa wurzelt im Bündnis "Antifaschistische Aktion" aus den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Teile der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) und der Sozialdemokratie hatten das Bündnis ausgerufen, um gegen die immer stärker werdenden Faschisten zu kämpfen. Dabei ist Kampf durchaus wörtlich gemeint: Auf der Straße und in den Betrieben begegneten sich die verfeindeten Gruppen mit großer Brutalität. In den 1970er- und 80er-Jahren griffen radikale linke Gruppen die Bezeichnung wieder auf. Sie gehen seitdem unter der Flagge der "Antifa" auch mit illegalen Mitteln gegen Neonazis vor. Manche Antifa-Gruppen werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Ein großer Teil der in Antifa-Gruppen geleisteten Arbeit dreht sich allerdings eher um Aufklärung gegen Neonazis und Hilfe für Opfer. Die grundsätzliche Gewaltbereitschaft ist auch in Teilen der Antifa-Bewegung umstritten.

  • B - Braune

    Braun gilt als Symbolfarbe der Nationalsozialisten. Die Uniformen der SA (Sturmabteilung) in den 1920er- bis 40er-Jahren sind braun. Dies kann als Erinnerung an die Farbe der Erde gesehen werden und somit als farbliche Symbolisierung von "Blut und Boden"-Theorien des Nationalsozialismus. Vermutlich ist die braune Farbe der Uniformen aber Zufall: Der frühe SA-Führer Gerhard Roßbach soll für seine Leute 1923 günstig eine größere Menge braune Hemden eingekauft haben - die Farbe setzte sich dann als Parteifarbe durch und wurde zur Symbolfarbe der Nazis. 1932 - wenige Monate vor der Machtergreifung - marschierten mehr als 7.000 "Braune" durch das "rote", weil überwiegend kommunistische Altona - es kam zu einer furchtbaren Eskalation. 18 Menschen starben beim "Altonaer Blutsonntag". Heute wird "braun" als Kennzeichnung für Personen und Ideen verwendet, die nationalsozialistische Wurzeln haben.

  • C - Combat 18

    Die internationale Neonazi-Vereinigung "Combat 18" ("Kampftruppe Adolf Hitler") hatte früher starke Präsenzen in Schleswig-Holstein. In Kiel wurden 1997 bei einem bis dato bundesweit einmaligen Fund zahlreiche rechtsextreme CDs beschlagnahmt. 2003 zerschlug die Polizei in Schleswig Holstein eine "Combat 18"-Gruppe. Bei einer Razzia in Pinneberg, Husum, Neumünster, Rendsburg und Kiel wurden Waffen gefunden. Die Gruppe stand im Verdacht, terroristische Anschläge geplant zu haben, zu einer Verurteilung wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung reichte es vor Gericht aber nicht. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die NSU äußerten Rechtsextremismus-Experten den Verdacht, dass die NSU-Mitglieder Verbindungen zu "Combat 18" hatten. Die "18" im Namen steht für den 1. und 8. Buchstaben im Alphabet: AH - Adolf Hitler. Vor allem in Großbritannien soll "Combat 18" für rassistische Morde und Anschläge verantwortlich sein.

  • D - Düütsche Deerns

    "Düütsche Deerns" nennt sich eine Neonazi-Frauenorganisation, die unter anderem in der Lüneburger Heide sehr aktiv ist. Auf ihrer Internetseite geben sich die "Düütschen Deerns" harmlos: Es finden sich Kinderlieder, Märchen und Kochrezepte. Aber auch bei Aufmärschen wie in Bad Nenndorf sind die "Düütschen Deerns" dabei. Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Neonazi weiblich. Auch eine weitere Frauenorganisation, die "Gemeinschaft Deutscher Frauen", gibt sich im Netz bieder. Expertin Andrea Röpke hält die Mitglieder dieser in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern konspirativ agierenden Gruppe aber für äußerst fanatisch. Als in Norddeutschland aktivste Neonazi-Frauenorganisation sieht Röpke den "Ring Nationaler Frauen" (RNF). Bundesvorsitzende dieser NPD-Unterorganisation ist Ricarda Riefling. Via Twitter und Facebook macht sie Front gegen "Frühsexualisierung an Kindergärten und Schulen" oder gegen Flüchtlinge - und postet auch mal eine detaillierte Karte mit Standorten von Flüchtlingsheimen.

  • E - Endstation Rechts

    2006 gründete die SPD-Jugendorganisation Jusos in Mecklenburg-Vorpommern eine Initiative gegen Neonazis: Endstation Rechts. Das Internetportal informiert über rechtsextreme Aktivitäten, besonders über die Tätigkeit der NPD im Schweriner Landtag und über die Arbeit von Nazi-Gegnern. Vor allem mit der satirisch auf das bei Neonazis beliebte Modelabel "Thor Steinar" anspielenden Marke "Storch Heinar" sorgte Endstation Rechts für bundesweites Aufsehen. Der Storch entlarvt und veräppelt die Sprüche und Symbole der Neonazis. Der SPD-Politiker Mathias Brodkorb, einer der Gründer der Initiative, wurde später Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern und 2016 Fraktionschef der SPD. Endstation Rechts gibt es mittlerweile auch in anderen Bundesländern.

  • F - Faschismus

    Der Begriff Faschismus ist abgeleitet vom lateinischen "fasces", dem Rutenbündel, einem Machtsymbol in der Antike. Faschismus bezeichnet eine politische Richtung im 20. Jahrhundert. Die Anhänger des italienischen Diktators Benito Mussolini nannten sich als erste Faschisten. Später verwendeten politisch Linke den Ausdruck als Kampfbegriff. Faschismus sei die "offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" (Georgi Dimitroff). Andere Theoretiker verweisen zur Definition auf die Faschismus-Elemente Führerprinzip, gewaltsames Machtstreben, autoritäre Strukturen und Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Heute befürchten Kritiker, dass ein übertriebener Gebrauch des Begriffs Faschismus den Nationalsozialismus und dessen Rassenideologie verharmlost.

  • G - Gewalt

    Rechtsradikale haben in Deutschland viele Gewalttaten begangen. Seit 1990 töteten sie nach Angaben des Bundesinnenministeriums 75 Menschen. Viele Experten gehen von noch mehr Opfern aus. Mordanschläge von Rechtsextremisten gab es auch schon früher: 1980 etwa warfen Anhänger der "Deutschen Aktionsgruppe" um den Hamburger Manfred Roeder Brandsätze in ein Vietnamesen-Wohnheim - zwei Menschen starben. In schlimmer Erinnerung ist der Angriff auf die Asylbewerber-Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen 1992. Drei Monate später warfen Neonazis in Mölln Brandsätze in von Türken bewohnte Häuser. Zwei Kinder und eine Frau starben. Auch zwei mutmaßliche NSU-Morde geschahen in Norddeutschland: 2001 in Hamburg und 2004 in Rostock. Wie viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten von Neonazis beleidigt, bedroht oder verletzt wurden, darüber gibt es nur Schätzungen. Seit 2015 mehren sich Angriffe auf Asylbewerber-Unterkünfte. In Salzhemmendorf etwa entkamen die Bewohner nur knapp einem Brandanschlag.

  • H - Hakenkreuz

    Das auf der Kippe stehende nach rechts abgewinkelte Hakenkreuz war von 1920 bis 1945 das Symbol der NSDAP (Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) und der Nazi-Bewegung, in Deutschland wurde es 1935 sogar Staatssymbol. Das Hakenkreuz geht zurück auf vorchristliche Zeiten. In vielen Kulturen existieren seit Jahrtausenden solche Kreuzzeichen, sie sind offenbar inspiriert von der Sonne. Dabei gelten die Varianten mal als Symbol für Leben, Glück und anderes Positives, mal als Zeichen für Untergang, Nacht und Tod. Warum Adolf Hitler das diffus verwendete Symbol zum NS-Zeichen machte, ist unklar. Neonazis hinterlassen bei ihren Aktionen häufig Hakenkreuz-Schmierereien. Das öffentliche Zeigen des Nazi-Hakenkreuzes ist in Deutschland verboten, mitunter kann sogar ein durchgestrichenes Hakenkreuz zu Sanktionen führen. Möglich ist die Verwendung allerdings im Zusammenhang mit Dokumentationen über das "Dritte Reich". Auch die mediale Bildberichterstattung über Taten, bei denen Hakenkreuze verwendet wurden, ist möglich.

  • I - Ideologie

    Hinter dem Rechtsextremismus stecken verschiedene Einstellungen und Ideologien. Nach der Definition des Verfassungsschutzes lehnt der Rechtsextremismus das Prinzip der fundamentalen Freiheit und Gleichheit aller Menschen ab. Ziel ist eine politische Ordnung, in der für den Staat und für den Einzelnen die ethnische oder rassische Zugehörigkeit eines Menschen die größte Bedeutung hat. Andere Interessen und Werte, auch Menschen- und Bürgerrechte, werden dem untergeordnet. Angestrebt wird eine antidemokratische, antiparlamentarische und antipluralistische Gesellschaftsordnung. Typische rechtsextreme Ideologien sind zudem Fremdenfeindlichkeit (siehe Xenophopie), Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus und Revisionismus, das heißt die Leugnung der Naziverbrechen und die Glorifizierung des "Dritten Reichs". Der Verfassungsschutz beobachtet, dass zuletzt insbesondere die NPD (siehe Eintrag weiter hinten) ihre rechtsextremistische Ideologie aus taktischen Gründen zu verschleiern versuchte.

  • J - Jugendorganisationen

    Die bekannteste Neonazi-Nachwuchsorganisation, die 1952 in Wilhelmshaven gegründete "Wiking-Jugend", wurde 1994 vom Bundesinnenminister verboten. Viele der damals geschätzt 500 Mitglieder schlossen sich daraufhin offenbar der Gruppe "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) an. Die HDJ organisierte Freizeitlager für Kinder von Neonazis. Bei einer Veranstaltung 2006 in Mecklenburg-Vorpommern trugen die Zelte Aufschriften wie "Führerbunker". Die Leiter bastelten mit Kindern Hakenkreuz-Masken und veranstalteten einen Fackelumzug, bei dem Teilnehmer Uniformen trugen, die an die Nazizeit erinnerten. Die HDJ wurde 2009 verboten. Zwei Funktionäre aus Rostock und Vechta erhielten Bewährungsstrafen wegen Volksverhetzung und Verbreitung von Nazi-Propaganda. Bereits Ende der 1980er-Jahre hatte sich der "Sturmvogel" von der "Wiking-Jugend" abgespalten. Manche Experten halten die Vereinigung für ein Sammelbecken früherer HDJ-Aktivitäten. Die Jugendorganisation der NPD heißt Junge Nationaldemokraten (JN).

  • K - Kameradschaften

    Unter einer Kameradschaft verstehen Verfassungsschützer einen auf längere Zeit angelegten Zusammenschluss von Menschen aus der rechtsextremen Szene. Ihre ideologische Ausrichtung ist geprägt von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Geleitet werden die meist aus etwa zehn bis 25 Mitgliedern bestehenden Gruppen von einem "Kameradschaftsführer". Oft sollen regionale Bezüge im Namen das Gemeinschaftsgefühl stärken. Die legalen Aktivitäten reichen von Stammtisch-Treffen bis zur Teilnahme an Demonstrationen und rechtsextremen Konzerten. Die Innenminister der Länder haben bereits Dutzende freie Kameradschaften verboten - es gibt aber immer wieder Neugründungen unter anderen Namen. Nicht fest organisiert, sondern aktionsorientiert sind die "Autonomen Nationalisten" (AN). Auf Demos sind sie aufgrund ihrer schwarzen Kleidung von "linken" Gegendemonstranten kaum zu unterscheiden. Ihr Anteil an der Neonazi-Szene stieg laut Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren.

  • L - Lichtenhagen

    Jugendliche und Rechtsradikale griffen Ende August 1992 die überfüllte Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen an. Tagelang flogen Steine und Brandsätze. Hunderte "Normalbürger" applaudierten, die Polizei hielt sich zurück, das Fernsehen war live dabei. Schließlich zündete der Mob ein Vietnamesen-Heim an, die Bewohner mussten aufs Dach fliehen. Rund 40 Randalierer wurden später wegen Landfriedensbruchs und Brandstiftung zu bis zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, drei Urteile lauteten auf versuchten Mord. Die Polizei räumte hinterher ein, die Situation falsch eingeschätzt und möglicherweise zu spät eingegriffen zu haben. 20 Jahre nach der "Schande von Lichtenhagen" wurde in Rostock an die ausländerfeindlichen Krawalle erinnert. An der mehrtägigen Gedenkveranstaltung nahm auch Bundespräsident Joachim Gauck teil.

  • M - Molau, Andreas

    Er galt vielen Beobachtern als "Wolf im Schafspelz", weil er seine rechtsextremen Botschaften rhetorisch so verpacken konnte, dass sie auch bürgerliche Schichten zu erreichen drohten: Andreas Molau war Bundesvorstandsmitglied der NPD, deren Spitzenkandidat im niedersächsischen Landtagswahlkampf, strategischer Kopf der extrem rechten Pro-Bewegung in Nordrhein-Westfalen und Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktionen in Schwerin und Dresden. Zeitweise war er als NPD-Bundesvorsitzender im Gespräch. Doch im Sommer 2012 zog er mit 44 Jahren einen Schlussstrich unter seine rechte Karriere. Er kündigte nach eigenen Angaben damals seine Arbeitsverträge, schickte Parteibücher zurück, brach berufliche und private Kontakte ab und wendete sich an den niedersächsischen Verfassungsschutz. 2013 beklagte Molau in einem Interview von "Zeit Online", dass die demokratische Gesellschaft sich schwer damit tue, ihn wieder aufzunehmen. Im März 2016 nahm Molau bei NDR.de Stellung zum NPD-Verbotsverfahren.

  • N - NPD

    Die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands ist die mitgliederstärkste rechtsextreme Partei hierzulande. Nach dem Zusammenschluss mit der DVU 2011 sanken die Zahlen bis 2014 nach Angaben des Verfassungsschutzes auf 5.200 Mitglieder. Im Jahr 2015 konnte die NPD jedoch nach eigenen Angaben wieder einige Hundert Mitglieder hinzu gewinnen. Im September 2016 flog die Partei aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Es sitzen aber bundesweit immer noch NPD-Politiker in vielen Kommunalparlamenten, der frühere Parteichef Udo Voigt wurde 2014 ins EU-Parlament gewählt. Die NPD gilt als rassistisch, ausländerfeindlich und antisemitisch. Viele Funktionäre sollen Kontakte zur gewaltbereiten Szene haben. Ein erster Versuch, die NPD zu verbieten, war 2003 an der V-Mann-Frage (siehe Eintrag weiter hinten) gescheitert. Seit März 2016 verhandelt das Bundesverfassungsgericht über einen neuen Verbotsantrag. Das Vorgehen ist umstritten: zwar würde Rechtsextremen eine legale Organisationsplattform entzogen, ein Verbot könnte allerdings die Szene radikalisieren und sie wäre schwerer zu kontrollieren.

  • O - Organisationsformen

    Experten teilen die Szene in drei Hauptströmungen ein. Da ist zum einen die "Parlamentarische Rechte": Parteien wie NPD, Republikaner, Die Rechte sowie Teile von pro NRW und AfD. Sie bewegen sich offiziell mit ihren Forderungen im Rahmen der Verfassung. Doch Beobachter sehen Aufwiegelung bis hin zur Gewalt. Die zweite Gruppe ist die sogenannte Neue Rechte. Sie entstand in den 1960er-Jahren als Gegenbewegung zur linken Studentenbewegung. Ihre Anhänger verstehen sich gerne als "intellektuelle Rechte", darunter Burschenschaftler und rechte "Ökos". In den vergangenen Jahren entstand die Identitäre Bewegung. Deren Anhänger treten vor allem im Internet auf, veranstalten aber auch Demos - oft mit islamfeindlichem Hintergrund. Ebenfalls noch eine junge Erscheinung sind die "Pegida"-Demonstrationen (siehe nächster Eintrag). Als dritte große rechte Strömung gelten Kameradschaften und "autonome Nationalisten". Zwischen allen Gruppen gibt es Überschneidungen.

  • P - Pegida

    Das Bündnis "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" trat erstmals im Oktober 2014 in Dresden in Erscheinung. Pegida-Anhänger berufen sich auf ein "christliches Menschenbild" und demonstrieren gegen "Überfremdung" und "islamischen Extremismus". Mit Hetzreden gegen Flüchtlinge, Politiker und Journalisten kam die Bewegung in die Schlagzeilen. Kritiker werfen Pegida religiös verbrämten Rassismus vor. Gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann läuft eine Anklage wegen Volksverhetzung. Zu den größten Demonstrationen mit bis zu 25.000 Teilnehmern konnte Pegida in Dresden mobilisieren. Es bildeten sich lokale Abspaltungen wie Hagida in Hannover und Bragida in Braunschweig. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen warnte im Februar 2016 vor einer Verschmelzung von "Wutbürgern" und Rechtsextremisten: "Wir sehen, dass Rechtsextremisten diese Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen." Die MVgida in Mecklenburg-Vorpommern gilt inzwischen als von der NPD dominiert.

  • P - Pastörs, Udo

    Udo Pastörs war Fraktionschef der NPD in Mecklenburg-Vorpommern und ist Mitglied des Kreistages Ludwigslust-Parchim. Bei der Landtagswahl im September 2016 scheiterte die NPD an der Fünf-Prozent-Hürde. 2014 war er vorübergehend auch Bundeschef der Partei. Pastörs gibt der NPD seit Jahren ein Gesicht. Auf Demonstrationen brüllt er schon mal, dass er das System stürzen will. Der Schweriner Landtag hatte mehrmals die Immunität Pastörs' aufgehoben, damit gegen ihn ermittelt werden konnte. Er wurde wegen Volksverhetzung verurteilt, unter anderem für eine Hetzrede im Jahr 2009. Auch Provokationen im Landtag wurden teilweise gerichtlich geahndet. Viele seiner Äußerungen haben andere Politiker darin bestärkt, ein neues NPD-Verbotsverfahren (siehe Eintrag zu NPD) zu fordern. Pastörs war Mitglied der mittlerweile wegen ihrer Militanz verbotenen Wiking-Jugend. Seine Frau Marianne sitzt für die NPD in der Stadtvertretung Lübtheen, außerdem war sie MV-Landesvorsitzende im "Ring Nationaler Frauen" (siehe "Düütsche Deerns").

  • R - Rechts

    Warum werden Neonazis eigentlich "Rechte" genannt? Die Einteilung der politischen Welt in links und rechts geht auf die französische Nationalversamlung nach der Revolution von 1789 zurück. Dort saßen die konservativen, königstreuen Abgeordneten, die statt einer Republik eine konstitutionelle Monarchie forderten, vom Rednerpult aus gesehen rechts. Auch die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche nach der Deutschen Revolution von 1848 war in "Rechte" und "Linke" aufgeteilt: Links saßen die Republikaner (nicht zu verwechseln mit der heutigen Partei REP), in der Mitte die Liberalen und rechts die Konservativen. Das Rechts-Links-Schema ist natürlich sehr grob, und es gibt viele Parlamente, in denen das Plenum davon abweicht: Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sitzen die NPD-Abgeordneten zwar ganz rechts, dann kommen jedoch die Grünen, die damit rechts von den CDU-Abgeordneten sitzen.

  • S - Saal

    Am 15. März 1992 stürmen mindestens 25 junge Leute in das Asylbewerberheim in Saal (Mecklenburg-Vorpommern). Sie wollen sich nach eigenen Angaben für eine Schlägerei vom Vortag zwischen Deutschen und Rumänen rächen. Die Angreifer prügeln den 18-jährigen Rumänen Dragomir Christinel tot. In den Jahren 1992 und 1993 töten Rechtsradikale mindestens 22 Menschen in Deutschland - entgegen der verbreiteten Wahrnehmung geschehen die Taten nicht in erster Linie in Ostdeutschland: 15 der Opfer kommen bei Gewalttaten in den "alten" Bundesländern ums Leben

  • T - Thor Steinar

    Das Modelabel "Thor Steinar" ist bei Anhängern der Neonazi-Szene beliebt. Der Verfassungsschutz Brandenburg bezeichnete die Marke als ein für Rechtsextreme "identitätsstiftendes Erkennungszeichen". Registriert wurde "Thor Steinar" 2002, seit 2003 wird die Marke von der MediaTex GmbH vertrieben. MediaTex musste das ursprüngliche Runen-Logo verändern, weil es wegen seiner Ähnlichkeit mit NS-Symbolen als verfassungswidrig galt. Das Tragen von "Thor Steinar"-Kleidung ist unter anderem im Bundestag, im Schweriner Landtag sowie in mehreren Fußballstadien verboten. 2010 scheiterte eine Klage wegen Verletzung der Markenrechte der MediaTex GmbH gegen die Marken-Persiflage "Storch Heinar" (siehe Eintrag zu Endstation Rechts). Gegen "Thor Steinar"-Läden wie den im schleswig-holsteinischen Glinde gibt es immer wieder Proteste. In Hannover musste eines der Geschäfte nach einem Rechtsstreit mit den Hauseigentümern schließen, auch dort gab es Proteste.

  • U - Untergrund, Nationalsozialistischer (NSU)

    Im November 2011 erschütterte eine Nachricht viele Bürger: Rechte Terroristen sollen in den Jahren 2000 bis 2006 in Deutschland neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen haben. Außerdem werden sie für den Mord an einer Polizistin im Jahr 2007 verantwortlich gemacht sowie für Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle. Eines der Opfer des NSU ist der 31-jährige Süleyman Tasköprü - er wurde 2001 in Hamburg erschossen. Ein weiteres norddeutsches Opfer ist der 25-jährige Mehmet-Yunus Turgut - er starb 2004 bei einem Mordanschlag in Rostock. Als die Taten des NSU nach einem Banküberfall 2011 aufflogen, nahmen sich zwei mutmaßliche Haupttäter das Leben. Die dritte Hauptbeschuldigte Beate Zschäpe (siehe Eintrag weiter hinten) muss sich im Münchener NSU-Prozess verantworten. Untersuchungsausschüsse in Bundestag und Länderparlamenten brachten eklatante Ermittlungspannen im Zusammenhang mit dem NSU zutage.

  • V - V-Leute

    Vertrauens- oder Verbindungsleute, kurz V-Leute, werden von Polizei und Verfassungsschutz eingesetzt, um Informationen aus extremistischen oder kriminellen Kreisen zu gewinnen. Die Behörden sprechen dazu gezielt Männer und Frauen an, die sich dort bewegen und gut auskennen. Der Einsatz von V-Leuten ist nur zulässig, wenn die Aufklärung sonst aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre. Im Gegensatz zu einem Informanten, der sein Wissen nur gelegentlich oder einmalig und unaufgefordert an die Behörden weitergibt, arbeitet eine V-Person langfristig mit ihnen zusammen. Der Nutzen von V-Leuten in der rechten Szene ist umstritten. Ein erster Anlauf für ein Verbot der NPD (siehe Eintrag weiter vorn) war 2003 gescheitert, weil die Rolle von V-Leuten in den Gremien der Partei unklar war. Diskutiert wird zudem, warum die Terrorzelle NSU trotz Einsatzes von V-Leuten jahrelang unerkannt agieren konnte. In Mecklenburg-Vorpommern ist eine Ausweitung der Handlungsfreiheit von V-Leuten geplant.

  • W - Weisse Wölfe Terrorcrew

    Die Gruppierung "Weisse Wölfe Terrorcrew" wurde 2008 von Fans einer Rechtsrock-Band gegründet. Vor allem in Hamburg und Umgebung traten die Rechtsextremisten mit Gewalt- und anderen Straftaten in Erscheinung, bis die "Terrorcrew" im März 2016 verboten wurde. Bei Durchsuchungen in insgesamt zehn Bundesländern fanden Ermittler Datenträger, Propagandamaterial und Waffen gefunden. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach von einer "Vereinigung von Neonazis, die offen und aggressiv Hetze betreiben". Er sagte, der harte Kern umfasse 25 Personen, der Rädelsführer stamme aus Hamburg. Wie viele Anhänger die Gruppe zuletzt hatte, ist unklar. Bereits 2013 ermittelte die Bundesanwaltschaft unter anderem gegen mutmaßliche Mitglieder der "Weisse Wölfe Terrorcrew" - wegen Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

  • W - Worch, Christian

    Der aus Hamburg stammende Christian Worch ist eines der bekanntesten Gesichter deutscher Neonazis. Er galt als führender Kader in der Szene der sogenannten Freien Kameradschaften (siehe Eintrag weiter vorn) und saß wegen seiner Umtriebe bereits mehrere Jahre im Gefängnis. Auf Demos bietet er sich der Presse gern als Gesprächspartner an. Der gelernte Notariatsgehilfe Worch gilt als äußerst klagefreudig, wenn er sich bei der Äußerung seiner Ansichten behindert fühlt. Dabei errang er auch Erfolge - wie 2010 vor dem Bundesverfassungsgericht - als es um die unrechtmäßige Durchsuchung rechter Demonstranten durch Polizisten ging. Einen ersten "großen Auftritt" hatte Worch 1978. Gemeinsam mit Michael Kühnen und weiteren Neonazis zog er schwarz gekleidet und mit Eselsmasken durch Hamburg. Ihre Schilder mit der Aufschrift "Ich Esel glaube noch, daß in deutschen KZ's Juden 'vergast' wurden", werden abgewandelt bis heute bei Neonazi-Demos zitiert. 2012 gründete Worch die Partei Die Rechte.

  • X - Xenophobie

    Der Fachbegriff für Fremdenfeindlichkeit lautet Xenophobie. Der Begriff setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern für "Fremder" und "Angst". Besonders ausgeprägt ist Fremdenfeindlichkeit oft dort, wo es kaum "Ausländer" gibt. Im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, an der Grenze zu Polen, liegt der Migranten-Anteil bei wenigen Prozent. Streetworker haben dort mehrmals Jugendliche befragt, wie sie den Ausländeranteil in ihrer Gegend einschätzen. "Da kam dann immer gut 20 Prozent raus", sagte Ingmar Dette vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in Anklam. "Ein Feindbild lässt sich umso besser konstruieren, wenn der Feind nicht direkt vor den Augen ist", so der Politikwissenschaftler.

  • Z - Zschäpe, Beate

    Die Überlebende des "NSU-Terrortrios" sitzt seit der Aufdeckung der Neonazi-Mordserie in Untersuchungshaft. Beate Zschäpe und vier weitere mutmaßliche Helfer des NSU stehen in München vor Gericht. Zschäpe habe Geld aus Raubüberfällen verwaltet, sich um gefälschte Identitäten gekümmert und auch bei der Erstellung von Bekennervideos mitgewirkt, so die Anklage. Sie selbst bestreitet eine Mittäterschaft und räumt lediglich eine Mitwisserschaft ein. In den Jahren vor dem Auffliegen des NSU machte die Gruppe häufig Urlaub in Norddeutschland - mehrmals waren sie mit dem Wohnmobil auf der Ostseeinsel Fehmarn. Die drei fuhren Schlauchboot, paddelten, surften und knüpften Urlaubsbekanntschaften, die sie über Jahre pflegten. Nach Bekanntwerden der Mordserie übergaben entsetzte Zeugen den Ermittlern Fotos und Videos. Die Zwickauer Neonazis sind darauf eindeutig zu erkennen.

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Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Redezeit | 26.10.2016 | 22:05 Uhr

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