Stand: 20.04.2017 14:56 Uhr

Marine wirbt um Schulabbrecher

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Can Alacam hat bei der Bundeswehr den Hauptschulabschluss gemacht. Jetzt will er länger bei der Marine bleiben.

Can Alacam zeigt voller Stolz sein Büro in einem Verwaltungsgebäude auf dem Marinestützpunkt Hohe Düne bei Rostock. Draußen im Hafenbecken am Kai liegt unter anderem die Korvette "Oldenburg". Der Hauptgefreite ist im Bereich der Personalverwaltung eingesetzt.

Vor drei Jahren war die Bundeswehr für den jetzt 22-Jährigen ganz weit weg. Die neunte Klasse einer Gesamtschule bricht der Hamburger ohne Hauptschulabschluss ab. Auch eine technische Ausbildung macht er nicht zu Ende, jobbt stattdessen bei einem Pizza-Lieferservice.

Pilotprojekt der Marine

Schließlich bewirbt sich Alacam bei der Marine. Im zweiten Anlauf besteht er alle Auswahltests für das Pilotprojekt "Junge Erwachsene ohne Schulabschluss" (JEoS). Er verpflichtet sich für vier Jahre, will den Hauptschulabschluss bei der Bundeswehr nachmachen. Anfang 2016 geht es los mit der allgemeinen Grundausbildung. Drei Monate später drückt er dann zusammen mit neun anderen Teilnehmern des Projektes wieder die Schulbank an der Bundeswehrfachschule in Hannover. Das Ziel lautet, in sechs Monaten zum Hauptschulabschluss zu kommen. Ende September machen die zehn Soldaten ihre Prüfungen - neun von ihnen schaffen den Abschluss.

Anfängliche Skepsis

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Stabsfeldwebel Wolfgang Wrede (r.) hat die Teilnehmer des Pilotprojekts betreut.

In der Truppe hielt sich die Begeisterung über das Pilotprojekt zunächst in Grenzen. Man habe den jungen Soldaten nichts zugetraut, weil sie eben keinen Hauptschulabschluss hätten, sagt Stabsfeldwebel Wolfgang Wrede. Der Reservist hat die zehn Teilnehmer betreut, was nicht immer einfach war: "Ich war ständig bemüht, die Jungs zu motivieren", erinnert sich Wrede. "Wir hatten das kleine Problem, dass wir verschiedene Abholpunkte hatten." So waren zum Beispiel die familiären Biografien sehr unterschiedlich. Einige Soldaten hatten bereits nach der siebten Klasse die Regelschule verlassen, andere erst nach der neunten. "Hier mussten wir zusehen, dass wir durch Nachhilfe unter die Arme greifen, da wo es notwendig war. Aber das haben die Jungs auch untereinander gemacht."

Hoffnung auf Weiterverpflichtung

Für den Kapitän zur See Thomas von Buttlar war das Pilotprojekt letztlich "uneingeschränkt erfolgreich". Der Offizier sitzt in Rostock und ist für das Personal der Marine zuständig. Er räumt allerdings ein, dass es Anfangsschwierigkeiten gegeben habe. Zusammengearbeitet wurde unter anderem mit der Bundesagentur für Arbeit. Anfänglich habe es rund 400 Interessenten gegeben. Schließlich hat die Bundeswehr aus 100 Bewerbern zehn Kandidaten ausgewählt.

Von Buttlar hofft, dass sich die jungen Leute, die den Schulabschluss schaffen, bei der Bundeswehr länger verpflichten, und dann "möglicherweise Unteroffizier werden und dann die Möglichkeit haben, eine Berufsausbildung bei uns durchzuführen, die hilft, unserer Personalprobleme zu lösen". Denn die Marine sucht händeringend Soldaten für die technischen Bereiche.

Porträt Kapitän zur See Thomas von Buttlar © Bundeswehr Fotograf: Bundeswehr

Von Buttlar: Marine will Potenziale erschließen

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Laut Kapitän zur See Thomas von Buttlar, der bei der Marine zuständig für das Personal ist, will die Bundeswehr nicht nur eine Ausbildung bieten, sondern auch die Voraussetzungen dafür schaffen.

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1.600 Soldaten ohne Schulabschluss

In der Bundeswehr soll es schon demnächst weitere Angebote geben, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Dann, da ist sich von Buttlar sicher, werden auch das Heer und die Luftwaffe dabei sein. Die Streitkräfte wollen bei der Nachwuchsgewinnung ihre Zielgruppen erweitern. Bereits jetzt dienen in der Bundeswehr 1.600 Soldaten ohne Hauptschulabschluss. Ein Schulabschluss ist keine Bedingung. Bei der Marine haben 150 Soldaten keinen Schulabschluss.

Abbrecher willkommen

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Am Zaun des Kasernengeländes wirbt die Marine um Nachwuchs.

Es könnten schon demnächst mehr junge Leute ohne Abschluss kommen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte im vergangenen Dezember bei der Vorstellung der neuen Personalstrategie: "Wir möchten junge Menschen nehmen, die vielleicht nicht so gut in der Schule waren, keinen Hauptschulabschluss haben, von denen wir aber ahnen, dass sie Stärken haben, auch wenn sie unter einer großen Schicht von Unzulänglichkeiten verborgen sind."

Die Bundeswehr wirbt damit, dass sich alle Bewerberinnen und Bewerbern bei den Streitkräften weiterqualifizieren können. Der Anspruch hierbei: "Alle Beschäftigten verlassen die Bundeswehr besser qualifiziert, als sie gekommen sind."

Konkurrenz zur Wirtschaft

Beim Personal steht die Bundeswehr in einer starken Konkurrenz zur Wirtschaft. Denn die Geburtenjahrgänge gehen zurück. Das Verteidigungsministerium geht davon aus, dass die Zahl der 18-Jährigen mit deutscher Staatsbürgerschaft von rund 750.000 im Jahr 2015 bis 2030 auf circa 600.000 zurückgehen wird. Trotz dieser negativen demografischen Entwicklung soll der Umfang der Bundeswehr von derzeit rund 177.000 auf 198.000 Soldatinnen und Soldaten erhöht werden. Außerdem soll die Zahl der zivilen Mitarbeiter auf 61.400 ansteigen. Jedes Jahr hat die Bundeswehr einen Rekrutierungsbedarf von 20.000 Männern und Frauen. Um eine Auswahl zu haben, streben die Streitkräfte jedes Jahr 60.000 Bewerber an. Ob dieser Anspruch auf Dauer zu halten ist, bleibt offen.

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Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 22.04.2017 | 19:20 Uhr