Stand: 14.01.2016 13:06 Uhr

Junge Offiziere kritisieren Innere Führung

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Der Sammelband "Armee im Aufbruch" hat in der Bundeswehr für große Aufregung gesorgt.

Das Konzept der Inneren Führung mit seinem Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform" gilt als das Markenzeichen der Bundeswehr. Es soll die Soldaten auf die Werte des Grundgesetzes verpflichten. Das Konzept wird von der Führung der Streitkräfte wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Mancher spricht von der Firmenphilosophie oder Software der Bundeswehr. Umso heftiger waren die Reaktionen als junge Offiziere in dem Buch "Armee im Aufbruch" Kritik an der Inneren Führung übten. Die Beiträge des Sammelbandes umfassen verschiedenste Aspekte. Ein zentraler Kritikpunkt ist allerdings, dass das Konzept nicht mehr in die neue sicherheitspolitische Landschaft passt.

Bruch zwischen alten und jungen Soldaten?

Die Vorstellungen über die Bedeutung der Inneren Führung gehen in der Bundeswehr offenbar immer weiter auseinander, insbesondere zwischen jungen Offizieren und altgedienten Soldaten. Mancher spricht daher auch von einer Art Generationskonflikt. Die Innere Führung ist aber auch früher und insbesondere unmittelbar nach Aufstellung der Bundeswehr immer wieder von Soldaten - selbst von Generälen - infrage gestellt worden. Die Führung der Bundeswehr hat die Zentrale Dienstvorschrift ZDv 10/1 vor einigen Jahren überarbeitet. Für Claus von Rosen, Nachlass-Verwalter des Begründers der Inneren Führung Wolf Graf von Baudissin, geht diese Anpassung aber nicht weit genug.

Politischer contra professioneller Soldat?

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Bundeswehr-Soldaten bilden kurdische Peschmerga aus. "Ertüchtigung" wird immer wichtiger.

Einige verkürzte Beiträge der jungen Offiziere sind in der sicherheitspolitischen Zeitschrift "Loyal" und auf der Internetseite des Reservistenverbandes veröffentlich worden. Sie führten zu heftigen Reaktionen. Leutnant Jan-Philipp Birkhoff plädierte in seinem Artikel dafür, dass sich die Soldaten auf ein professionelles Berufsethos konzentrieren sollten. Die politischen Begründungen für Auslandseinsätze hält er für zunehmend schwerer nachvollziehbar. Sie seien wenig motivierend, manchmal sogar widersprüchlich. Weil die politische Sinnhaftigkeit des Auftrages inzwischen nur schwer vermittelbar ist, sollte nach Ansicht Birkhoffs die Motivation bei Auslandseinsätzen vor allem aus dem Soldatenberuf gezogen werden.

Porträt von Leutnant Birkhoff. © privat

„Birkhoff: "Innere Führung ist zu komplex"“

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Koautor Leutnant Jan-Philipp Birkhoff hält das Konzept für abgehoben. Er kritisiert unter anderem die Bundeswehr-Zusammenarbeit mit Warlords und Kriegsverbrechern in Afghanistan.

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Für Kritiker wird der Soldat damit aber allein auf den Kämpfer und einen bloßen Befehlsempfänger reduziert. Die demokratischen Werte, auf denen die jeweiligen Einsätze basieren, würden in den Hintergrund treten. Ein solcher Ansatz sei aber mit dem Konzept der Inneren Führung und seinem Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform" nicht vereinbar.

Richtige Fragen, aber falsche Antworten?

In der Bundeswehr-Führung werden solche Ansichten junger Offiziere mit Besorgnis gesehen. Denn die Innere Führung gehört zum Selbstverständnis der Bundeswehr. Das Buch hat daher zu einer Diskussion in den Streitkräften geführt. Der Kommandeur des Zentrums Innere Führung in Koblenz, Generalmajor Jürgen Weigt, begrüßt diese Debatte. Sie sei überfällig. Seiner Meinung nach solle man aber nicht nur über das Versagen der Inneren Führung sprechen, sondern darüber, was das Konzept bewirkt habe.

"Unausgereifte" Gedanken

Für Weigt ist die Innere Führung ein Ideal. Das Konzept habe dazu geführt, dass es bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr niemals zu Kriegsverbrechen gekommen sei. Zugleich räumt der General selbstkritisch ein, dass der Führungsnachwuchs bisher zu kognitiv und nicht immer praxisnah ausgebildet worden sei. Die Gedanken von Leutnant Birkhoff bezeichnet der General als "unausgereift".

Porträt Bundeswehr-General Jürgen Weigt. © Bundeswehr Fotograf: Bundeswehr

Weigt: "„Innere Führung ist Erfolgsstory"“

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Für General Jürgen Weigt, Chef des Zentrums Innere Führung, hat sich das Konzept in Auslandseinsätzen bewährt. Er begrüßt die ausgelöste Diskussion über die Führungskultur.

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Innere Führung - ein Auslaufmodell?

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Soldaten fühlen sich bei Auslandseinsätzen von der Bevölkerung oft im Stich gelassen.

Marcel Bohnert, der Herausgeber des Sammelbandes "Armee im Aufbuch", nimmt die jungen Offiziere gegen Kritik in Schutz. Keiner der Autorinnen und Autoren habe jemals das Primat der Politik infrage gestellt. Drei der jungen Offiziere hätten zudem einen Migrationshintergrund. Bei rechtspopulistischen oder ähnlichen Tendenzen in der Autorengemeinschaft hätten sie sich zweifellos gegen eine Teilnahme am Projekt entschieden. In einem WDR-Interview äußert sich Major Bohnert zur Inneren Führung. Er räumt darin ein, dass es im Auslandseinsatz Grenzbereiche gibt, in denen "die Innere Führung nicht mehr bei jedem Soldaten das Maß aller Dinge ist". In manchen Situationen würden sie mit dem Leitbild nichts mehr verbinden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 16.01.2016 | 19:20 Uhr