Stand: 12.11.2015 10:11 Uhr

Die schwierige Wiederbewaffnung Deutschlands

Für das Verteidigungsministerium ist die Geburtsstunde der Bundeswehr der 12. November 1955. Damals erhielten 101 Freiwillige ihre Ernennungsurkunde. Bereits seit Beginn des laufenden Jahres feiert die Bundeswehr ihren 60. Geburtstag mit zahlreichen Veranstaltungen. Es wurde sogar eine besondere Internetseite eingerichtet mit dem Untertitel: "Bundeswehrgeschichten im Blogformat".

Weichenstellung bereits 1950

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Die Generäle Adolf Heusinger (l.) und Hans Speidel (r.) erhielten ihre Ernennungsurkunden von Verteidigungsminister Theodor Blank.

Die eigentliche Weichenstellung für die Bundeswehr erfolgte bereits fünf Jahre vor der Ernennung der ersten Freiwilligen. Im Oktober 1950 waren im Eifelkloster Himmerod ehemalige Wehrmachtsoffiziere zu einer mehrtägigen Tagung zusammengekommen. Der Zweite Weltkrieg lag gerade einmal fünf Jahre zurück. Bei den geheimen Beratungen, die im Auftrag des ersten Bundeskanzlers der jungen Bundesrepublik, Konrad Adenauer (CDU), stattfanden, ging es um die Aufstellung und die Struktur neu aufzustellender Streitkräfte. Hintergrund war unter anderem der sich verschärfende Ost-West-Gegensatz in Europa und der Korea-Krieg.

Denkschrift von Himmerod

In dem Eifelkloster machten sich 15 Wehrexperten, mehrheitlich ehemalige Generäle beziehungsweise Admiräle der Hitler-Wehrmacht, Gedanken über die Wiederbewaffnung Deutschlands. Beraten wurde über die Organisation, Ausstattung und den Umfang der aufzustellenden Streitkräfte. Dabei orientierten sich die Militärexperten weitgehend an den operativen Konzepten des Zweiten Weltkrieges. Nach den knapp einwöchigen Beratungen wurden die Ergebnisse in der Denkschrift von Himmerod zusammengefasst.

Einbettung in "atlantisch-europäische Verteidigungsarmee"

Für den Militärhistoriker Detlef Bald hatten die neuen deutschen Streitkräfte nach der Konzeption von Himmerod von vorneherein eine offensive Ausrichtung. Angestrebt wurde die Aufstellung von zwölf Panzer-Divisionen mit 3.600 Kampfpanzern. Die Streitkräfte sollten in eine "atlantisch-europäische Verteidigungsarmee" eingebettet werden. Für das Heer war ein Umfang von 250.000 Soldaten geplant. Die ehemaligen Wehrmachts-Offiziere forderten unter anderem die "gleichwertige Ausstattung der deutschen Verbände mit moderner Bewaffnung und Gerät". Für den Militärhistoriker Bald waren mit "modernen Waffen" unter anderem auch Atombomben gemeint.

Porträt von Detlef Bald. © Detlef Bald

"Bundeswehr war anfangs offensiv ausgerichtet"

NDR Info -

Für den Militärhistoriker Detlef Bald wurden die Weichen für die Bundeswehr bereits 1950 auf einer geheimen Sitzung im Eifelkloster Himmerod von Ex-Wehrmachtsgenerälen gestellt.

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Rehabilitierung deutscher Soldaten gefordert

In der Himmeroder Denkschrift fordern die früheren Wehrmachtsoffiziere, die deutschen Streitkräfte dürften nicht "Soldaten Zweiter Klasse" sein. "Eine sofortige militärische Gleichberechtigung" sei unabdingbar. Als Voraussetzung für einen Wehrbeitrag wird zudem die Rehabilitierung und eine "Ehrenerklärung" für die deutschen Soldaten für notwendig gehalten. In der Denkschrift wird von der "Diffamierung" durch Kontrollrats- und andere Gesetze gesprochen. Doch das war noch lange nicht alles. Die Wehrexperten setzten sich auch für von den Alliierten verurteilte Kriegsverbrecher und ehemalige SS-Angehörige ein:

Auszug Himmeroder Denkschrift, Seite 6

"Freilassung der als 'K r ie g s v e r b r e c h e r' verurteilten Deutschen, soweit sie nur auf Befehl gehandelt und sich keiner nach alten deutschen Gesetzen strafbaren Handlung schuldig gemacht haben. Einstellung schwebender Verfahren. Dieses Ziel wird nur schrittweise zu erreichen sein; es muß aber vor Beginn der Aufstellung ein s i c h t b a r e r Anfang gemacht werden. Auch die Frage der Verurteilten in Spandau (insbesondere der beiden Soldaten) ist aufzugreifen.
Einstellung jeder D i f f a m i e r u n g des deutschen Soldaten (einschließlich der im Rahmen der Wehrmacht seinerzeit eingesetzten Waffen-SS) und Maßnahmen zur Umstellung der öffentlichen Meinung im In- und Ausland.“
(Hervorhebung im Originaltext)

Bundeswehr mit Geburtsfehler

Die neuen Streitkräfte sollten offiziell keine Fortsetzung der Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges sein. Ziel war eine Zäsur. Es galt, eine Kontinuität zu verhindern. Das Problem war allerdings, dass die Bundeswehr von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren aufgebaut wurde. Ein richtiger Neubeginn war daher denkbar schwierig, in der Praxis fast unmöglich. Diesen Geburtsfehler versuchte man unter anderem durch die Einrichtung eines sogenannten Personalgutachterausschusses sowie die Einführung der Inneren Führung auszugleichen.

Prüfung vor dem Personalgutachterausschuss

Um zu verhindern, dass in Verbrechen verstrickte ehemalige Wehrmachtssoldaten in die Bundeswehr übernommen werden, wurde ein Gremium eingerichtet, das Bewerber vom Oberst aufwärts auf ihre Eignung überprüfte. Rund 550 Personen mussten sich dem Ausschuss stellen. 470 wurden übernommen. 51 Bewerbungen wurden abgelehnt. Die restlichen Soldaten hatten ihre Bewerbung zurückgezogen. Zum ersten Generalinspekteur ernannte der damalige Verteidigungsminister Theodor Blank (CDU) den früheren Wehrmachtsgeneral Adolf Heusinger, obwohl der Personalgutachterausschuss Heusinger für dieses Amt nicht geeignet hielt. Die Mitglieder des Gremiums waren über die Entscheidung des Verteidigungsministeriums empört.

Innere Führung als Abgrenzung zur Wehrmacht

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Graf Baudissins Konzept der Inneren Führung war bei vielen Spitzenoffizieren nicht wohlgelitten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die deutsche Bevölkerung die Nase voll von eigenen Streitkräften. Die Verfasser der Himmeroder Denkschrift stellten fest, "dass in den letzten Jahren die Wehrbereitschaft des deutschen Volkes starken gelitten hat". Für die Wiederbewaffnung so kurz nach Ende des Krieges galt es daher, "ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen". Geschehen sollte dies durch das Konzept der Inneren Führung mit seinem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform. In der Himmeroder Denkschrift ist allerdings noch vom "Inneren Gefüge" die Rede. Der frühere Wehrmachts-Major Wolf Graf von Baudissin gilt als der Begründer dieses Konzeptes.

In Himmerod hatte er allerdings einen schweren Stand gegenüber den ehemaligen Generälen der Wehrmacht, wie Claus von Rosen, der Nachlassverwalter von Graf Baudissin, im NDR Info Interview betont.

Porträt von Claus von Rosen. © NDR Fotograf: Andreas Flocken

"Durchsetzen der Inneren Führung war schwieriger Prozess"

NDR Info -

Für Claus von Rosen, Nachlassverwalter von Graf Baudissin, dem Begründer der Inneren Führung, hat die Bundeswehr bis heute Probleme bei der Umsetzung des Konzepts.

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Baudissins Kerngedanken fanden allerdings Eingang in die Himmeroder Denkschrift, auch wenn sie offenbar nicht von allen Teilnehmern akzeptiert wurden.

Auszug aus der Himmeroder Denkschrift

"Das Deutsche Kontingent darf nicht als ein 'Staat im Staate' werden. Das Ganze wie der Einzelne haben aus innerer Überzeugung die demokratische Staats- und Lebensform zu bejahen (...) Das aktive Wahlrecht sollte für die Bundeswahlen zugebilligt werden; für die Länderwahlen wäre die Frage im Hinblick auf die Organisation zu überprüfen; für die Kommunalwahlen abzulehnen (...) Die Zugehörigkeit zu Parteien und Gewerkschaften ruht während der aktiven Dienstzeit."

Innere Führung - eine Maske?

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Soldaten als Staatsbürger in Uniform und nicht als bloße Befehlsempfänger. Dieses Leitbild stieß nicht bei allen Vorgesetzten auf Begeisterung.

Das Konzept der Inneren Führung gilt inzwischen zwar als Markenzeichen der Bundeswehr, über die Sinnhaftigkeit kommt es aber immer wieder zu Diskussionen. Für Traditionalisten ist es nur schwer vereinbar mit dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. In den 50er- und auch in den 60er-Jahren ist die Innere Führung von Spitzenmilitärs und manchmal auch Spitzenpolitikern nicht ernstgenommen worden. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) sprach einmal vom "Inneren Gewürge". Und Ende der 60er-Jahren forderte der stellvertretende Heeresinspekteur Hellmut Grashey, die Bundeswehr müsse endlich die Maske der Inneren Führung ablegen und zu alten soldatischen Werten zurückkehren. Für Graf Baudissins Nachlassverwalter von Rosen gibt es bis heute immer wieder Stimmen in der Bundeswehr, die die Innere Führung infrage stellen.

Überarbeitung der Dienstvorschrift

Vor dem Hintergrund des Auslandseinsatzes in Afghanistan ist in der Bundeswehr erneut heftig über die Bedeutung der Inneren Führung debattiert worden. Hauptvorwurf war, der Aspekt, dass Soldaten auch professionelle Kämpfer sein müssten, komme viel zu kurz. Die Zentrale Dienstvorschrift ZDv 10/1 wurde schließlich 2008 überarbeitet, um sie den neuen Bedingungen anzupassen. Für von Rosen war dieser Schritt überfällig. Die Vorschrift hätte aber noch viel konkreter gefasst werden müssen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 31.10.2015 | 19:20 Uhr