Stand: 19.05.2017 17:36 Uhr

Admiral als falsches Vorbild?

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Die Büsten sind inzwischen aus der Aula der Marineschule Mürwik entfernt worden.

Kurz vor Kriegsende, im April 1945, steht ein britischer Großangriff auf Helgoland bevor. Um sinnlose Opfer zu vermeiden, beschließen fünf Männer, die weiße Flagge zu hissen. Sie werden schließlich festgenommen und ans Festland gebracht. Nach einem kurzen Prozess werden sie zum Tode verurteilt und noch am selben Tag, am 21. April, hingerichtet. Bestätigt hat die Todesurteile Rolf Johannesson, damals Seekommandant der Elbe- und Wesermündung.

 Schweigen über Todesurteile

Johannesson machte nach Aufstellung der Bundeswehr in der Bundesmarine Karriere und brachte es bis zum Konteradmiral. Über die damals von ihm bestätigten Todesurteile hat er nie gesprochen. Es gibt keine Gerichtsakten über die Todesurteile. Sie sind vernichtet worden. Johannesson wurde der erste Befehlshaber der Flotte und prägte die Bundesmarine. Er war der Begründer der Historisch-Taktischen-Tagung (HiTaTa). Dieses Forum gilt als eine wichtige Diskussionsveranstaltung der Marine. 1961 endete Johannessons Dienstzeit. Er starb 1989. 

Nach Enthüllung kein Vorbild mehr?

Im Zuge einer Neugestaltung der Aula der Marineschule Mürwik wurde dort erst im vergangenen Januar die Büste von Konteradmiral Johannesson aufgestellt. Es gab bereits Hinweise über seine Beteiligung an den Todesurteilen. Doch es fehlte der Beweis. Klarheit gab es schließlich einige Wochen nach Aufstellung der Büste. Der Marinehistoriker Dieter Hartwig fand die Korrespondenz des Admirals, in der es um die Versorgung der Witwe eines der zum Tode verurteilten Soldaten ging, denn sie hatte zunächst keinen Anspruch auf eine Hinterbliebenenrente. In dem Schreiben heißt es: "Die Erfordernisse der damaligen harten Zeit ließen dem Gericht und mir keine Wahl." Für Hartwig, selbst ehemaliger Marineoffizier, war damit der Beweis erbracht, Johannesson könne kein Vorbild sein.

Soldat salutiert vor deutscher Fahne © picture-alliance / dpa

Hartwig: Marine hat sich komplett totgestellt

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Der Historiker und frühere Marineoffizier Dieter Hartwig hat sich dafür eingesetzt, die Johannesson-Büste aus der Aula der Marine-Schule zu entfernen. Es gab jedoch fast keine Resonanz.

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Kurzer Prozess

Hatte Johannesson damals wirklich "keine andere Wahl" als die Todesurteile zu bestätigen? Juristen und andere Experten verweisen darauf, dass es im Zweiten Weltkrieg für Richter und Gerichtsherren durchaus Spielräume gegeben hat. Die Vollstreckung hätte verzögert oder das Urteil auch noch einmal überprüft werden können. Stattdessen wurden die fünf Festgenommenen am 21. April 1945 innerhalb von rund zwölf Stunden in einer Kriegsgerichtsverhandlung ohne Verteidiger zum Tode verurteilt. Die Todesurteile wurden bestätigt, anschließend durch Erschießen vollstreckt. Am 30. April beging Adolf Hitler Selbstmord und am 8. Mai kapitulierte das Deutsche Reich.

Es gab Spielraum

Nach Auffassung von Peter Kalmbach hätte Johannesson "für einen abwägenden Prozess sorgen können". Der Jurist der Universität Bremen hat sich intensiv mit Gerichtsverfahren während der NS-Zeit auseinandergesetzt. Johannesson "hätte Todesstrafen verhindern und dies noch einmal eindringlich vor dem Hintergrund des endenden Krieges tun können. Er hat den Prozess einschließlich Vollstreckung binnen 24 Stunden durchführen lassen. Das spricht jeder Idee von Rechtsstaatlichkeit Hohn."

Ein Missverständnis?

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Die Architektur der Marineschule Mürwik erinnert an die Marienburg des Deutschen Ordens in Ostpreußen.

Der Marinehistoriker Hartwig setzte sich dafür ein, die Büste aus der Aula der Marineschule zu entfernen. Doch bei der Deutschen Marine und der Marineoffiziervereinigung stieß er mit seinem Vorstoß auf taube Ohren.

Die rund 15.000 Euro teure Johannesson-Büste ist von der Marineoffiziervereinigung MOV gestiftet worden. Der Vorsitzende Vizeadmiral a.D. Wolfgang Nolting bekräftigte in seiner Ansprache bei der Aufstellung der Büste am 11. Januar die Verdienste von Johannesson. Damals gab es zwar bereits Vermutungen, der Admiral sei in den letzten Kriegstagen an Todesurteilen beteiligt gewesen, doch es fehlte der letzte Beweis.

Nolting bezeichnete diesen Befund bei der Übergabe der Büste als unbefriedigend. Für ihn hat die Durchsicht der Akten allerdings gezeigt, dass "Johannesson trotz wachsenden Drucks durch Dönitz in den letzten Wochen des Krieges, mehr Härte zu zeigen, diesem offenkundig nicht nachgegeben hat. Zahlreiche Urteile, darunter auch mindestens ein Todesurteil, sind von ihm gemildert worden. Angesichts des 'Blutrausches', mit dem die Schergen des Systems den eigenen Untergang aufhalten wollten, erscheint mir dies ein erstaunliches, ja sogar mutiges Verhalten gewesen zu sein."

Porträt Admiral a.D. Wolfgang Nolting © Bundeswehr Fotograf: Björn Wilke

Nolting: Johannesson war kein Durchhalte-Admiral

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Wolfgang Nolting von der Marineoffiziervereinigung begrüßt die Entscheidung, den Umgestaltungsprozess der Aula der Marineschule Mürwik zu unterbrechen.

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Kein Vorbild?

Für Nolting ist die Johannesson-Büste nicht aufgestellt worden, um den ehemaligen Konteradmiral als Vorbild zu sehen. Absicht sei vielmehr gewesen, "jungen Offizieren kritisches Geschichtsbewusstsein nahezubringen". Ihm sei es zu verdanken, dass nach dem Krieg die deutschen Streitkräfte und die Marine demokratisch ausgebildet werden. In einer Stellungnahme zur Neugestaltung der Aula der Marineschule schreibt Nolting im März 2015 allerdings, Johannesson sei ein Vorbild für den Führernachwuchs der Marine.

"Als Gründungsvater der HiTaTa und prägendes Vorbild für die Nachkriegsgeneration erfüllt Konteradmiral Johannesson in unseren Augen sehr gut die Voraussetzungen, um als Person mit seinem Lebenswerk in der Aula gewürdigt zu werden. Der Gesamtvorstand der MOV hat sich einstimmig für diese Empfehlung ausgesprochen."

Büste muss doch weichen

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Ob die Johannesson-Büste wieder in die Aula zurückkommt, ist ungewiss.

Sowohl die Marineführung als auch die Marineoffiziervereinigung sehen in den bekannt gewordenen Todesurteilen keinen Grund, auf die Johannesson-Büste zu verzichten. Allerdings hat Marineinspekteur Krause am 11. Mai entschieden, die Neugestaltung der Aula an der Marineschule Mürwik zu stoppen. Die Folge: Alle aufgestellten Büsten wurden entfernt, auch die Büste von Kranzfelder, der zum Widerstand gehörte und in der NS-Zeit hingerichtet worden ist. Der Grund war die Ankündigung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), den Traditionserlass der Bundeswehr von 1982 zu überprüfen. Hintergrund ist die Rechtsextremismus-Diskussion und der Fund von Wehrmachtsdevotionalien in Bundeswehreinrichtungen.

Stein des Anstoßes

Die Marine verweist auf die Verdienste von Johannesson beim Aufbau der deutschen Seestreitkräfte in den 1950er-Jahren. Untersuchungen von Historikern hätten belegt, dass der Admiral kein Anhänger des NS-Regimes gewesen sei. Für den Sprecher der Marine Johannes Dumrese soll die Büste auch Stein des Anstoßes sein, an dem man sich reiben könne. Auf diese Weise, so die Vorstellung, kann sich der Betrachter auch im Rahmen der politischen Bildung mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Porträt Marinesprecher Johannes Dumrese © PIZ Marine Fotograf: Matthias Letzin

Dumrese: Möglich, dass die Büste zurückkommt

NDR Info -

Marinesprecher Johannes Dumrese begründet die Entfernung der Büsten mit der von der Verteidigungsministerin angekündigten Überarbeitung des Traditionserlasses von 1982.

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Admiral-Johannesson-Preis auf Prüfstand

Obwohl Admiral Johannesson aus Sicht der Marine kein Vorbild sein soll, wird seit Jahren ein Admiral-Johannesson-Preis verliehen. Er wird als Bestpreis zweimal jährlich vergeben - zur Lehrgangsabschlussveranstaltung der Offizierslehrgänge. Die beiden Preisträger erhalten außerdem eine Geldprämie.

Ob die Marine am Admiral-Johannesson-Preis trotz der Mitwirkung des Marineoffiziers an den fünf Todesurteilen festhält, ist ungewiss. Auf Anfrage von NDR Info teilt die Marine mit: "Die Vergabe des Admiral-Johannesson-Preises wird derzeit überdacht. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen."

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Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 20.05.2017 | 19:20 Uhr