Stand: 29.03.2016 18:46 Uhr

Scheinheiliges Schauspiel um den Generalschlüssel

Eine wochenlange Machtprobe ist jetzt entschieden: Den US-Behörden ist es gelungen, das iPhone des islamistischen Attentäters von San Bernardino zu knacken. Der Technologie-Konzern Apple hatte sich wochenlang geweigert, dem FBI bei der Entschlüsselung des Geräts zu helfen. Doch die Ermittler haben offenbar einen anderen Weg gefunden, an die Daten zu kommen. Der Konzern will nun seine Mobiltelefone sicherer machen.

Bild vergrößern
Der Zwist, der weltweit seit Wochen für Aufsehen sorgte, sei nun etwas ehrlicher geworden, meint Kathrin Schmid.

Wie die Geschichte ausgehen wird, war spätestens vor gut zwei Wochen klar, als US-Präsident Barack Obama auf einem Digitalkongress in San Francisco zwar versuchte die netzaffine Gemeinde zu umschmeicheln, in der Sache aber überhaupt keinen Zweifel ließ: Der Staat müsse im Zweifel an die Daten ran. Es könne nicht sein, dass jeder Bürger mit einem Schweizer Bankkonto in der Hosentasche rumlaufe.

Geht es wirklich um "unser aller Zukunft"?

Klar war auch da schon, dass es um weit mehr geht als um die Frage, ob es nicht im Sinne aller Amerikaner ist, auf dem Handy eines islamistischen Terroristen nach mehr Informationen zu suchen. In Ausnahmefällen seien - so hatte Obama weiter argumentiert - ja auch Hausdursuchungen erlaubt, inklusive Blick in die Unterwäsche-Schublade.

Laut Apple-Chef Tim Cook hingegen, der - unterstützt vom Who's who der Tech-Branche - marketingträchtig den wackeren Kämpfer für die Privatsphäre gab, gilt: "Es geht nicht um dieses Telefon. Es geht um unser aller Zukunft." In einer Gesellschaft - so hätte er noch anfügen können -, in der das Smartphone für einige das Allerheiligste ist.

Es bleiben viele offene Fragen

Dieses Setting bietet genug Drama, genug Potenzial - das haben das FBI und der zweitwertvollste Konzern der Welt richtig erkannt - für ein scheinheiliges Schauspiel.

Völlig undurchsichtig bleibt nämlich, wie unkooperativ oder doch kooperativ sich die Apple-Mitarbeiter hinter den Kulissen wirklich zeigten. Zahlreiche IT-Experten hatten sich zudem den amerikanischen Behörden immer wieder angeboten, das "Problem" ganz einfach zu lösen. Das FBI weiß, dass es eine Sache von einer halben Stunde ist, das iPhone zu knacken, ließ wiederum der Veteran der IT-Security, John McAffee, wissen. Und Hilfe hätte sicher nicht zuletzt die NSA leisten können. Oder auch deren Ex-Mitarbeiter Edward Snowden, der sich mehrfach mit sachdienlichen Hinweisen zum Knacken auf Twitter meldete.

Grobschlächtiger Versuch der US-Regierung

Was also sollte das wochenlange Theater? Ganz einfach: Es war der etwas grobschlächtige Versuch, die Digital- und Telekommunikationsbranche am Beispiel Apple weich zu kochen. Oder anders gesagt: Das Bemühen, die recht stabilen Sicherheitssysteme, mit denen unter anderem Smartphones ausgestattet sind, auszuhebeln, um wieder mehr Kontrolle über Nutzer und deren privaten Daten zu bekommen. Man sehnt sich zurück in die Vor-Snowden-Ära!

Es wird weitere Anläufe geben

Ob die amerikanischen Sicherheitsbehörden sich jetzt nur doch zu schlecht vorbereitet fühlten für das Gerichtsverfahren oder ob sie einen unangenehmen Ausgang fürchten mussten? Gut möglich, dass wir das nicht erfahren. Aber sicher ist, es wird nicht der letzte Versuch bleiben, sich höchstrichterlich den Generalschlüssel zur alltäglichen Kommunikation zu sichern, bevor die Tech-Konzerne weiter aufrüsten.

Der Zwist ist etwas ehrlicher geworden

Was das jetzt für die iPhone-User dieser Welt bedeutet? Naja, der Zwist, der weltweit seit Wochen für Aufsehen sorgt, ist heute etwas ehrlicher geworden. Ja, das FBI kann zurzeit, mit oder auch ohne externe Hilfe, letztendlich jedes Telefon knacken. Und ja, es ist gut und wichtig für die Debatte, wenn sich Menschen - im besten Fall auch mächtige Unternehmen - dagegen wehren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 29.03.2016 | 18:30 Uhr