Stand: 14.09.2017 17:39 Uhr

"Sapad" - Russlands undurchsichtiges Muskelspiel

Russland hat Kritik westlicher Staaten an seinem Militärmanöver zurückgewiesen. Die Äußerungen der NATO und einiger osteuropäischer Regierungen seien hysterisch, sagte ein Kreml-Sprecher. Solche Übungen seien auch in anderen Ländern übliche Praxis, um Soldaten auszubilden. Das gemeinsame Manöver mit Weißrussland trägt den Namen "Sapad" (übersetzt: Westen). Es soll sieben Tage dauern. Offiziellen Angaben zufolge nehmen daran 12.700 Soldaten aus beiden Staaten teil. Ab 13.000 hätte Moskau internationalen Beobachtern Zugang zu dem Manöver gewähren müssen.

Ein Kommentar von Kai Küstner, NDR Info Korrespondent in Brüssel

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Kai Küstner meint, dass der Westen besonnen auf das Manöver der Russen reagieren sollte.

Wenn der Kreml sich über das angeblich allzu aggressive Gebaren der NATO an der russischen Grenze beschwert, dann ist er in der Wortwahl selten zimperlich: Besonders beliebt sind Vergleiche mit dem Dritten Reich oder auch der "Operation Barbarossa", also dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941. Das eigene Mega-Manöver namens "Sapad" hingegen bezeichnet man als "rein defensiv" und selbstverständlich "gänzlich friedlich".

Das eigene Muskelspiel - und nichts anderes ist der Truppenaufmarsch in unmittelbarer Nähe von EU-Staaten - soll also ein Beitrag zu jenem Weltfrieden sein, den die europäischen Nachbarn angeblich ständig gefährden. Das entspricht genau der kruden Kreml-Kommunikations-Strategie.

Manöver wird gegenseitiges Misstrauen weiter nähren

Nun allerdings empfiehlt es sich von westlicher Seite, nicht über zu reagieren und jedem Anflug einer Panikattacke unbedingt zu widerstehen. Nicht den geringsten Hinweis gibt es darauf, dass Moskau unter dem Deckmantel der Übung eine Offensive etwa gegen die baltischen NATO-Staaten vorbereiten könnte. Wirkliche Gefahr droht Europa nur sehr indirekt. Und zwar, weil dieses Manöver das gegenseitige Misstrauen weiter nähren wird.

Zinkt Moskau die Karten?

Bestes Beispiel dafür ist der Zank um Zahlen, der dem Drill vorausgegangen ist: Schwillt ein Militärmanöver auf eine Größe jenseits der magischen Marke von 13.000 Soldaten an, schreiben die internationalen Regeln vor, dass reihenweise Beobachter zugelassen und Aufklärungsflüge gestattet werden müssen. Um das zu vermeiden, gibt Russland die Zahl der Soldaten mit 12.700 an. In Westeuropa geht man eher von 100.000 aus. Damit die NATO Moskau nicht in die Karten blicken kann, werden diese eben gezinkt, so der Vorwurf.

Putins Provokationen

Das Problem für den Kreml: Diese Debatte findet nicht im luftleeren Raum statt. Russland hat der Ukraine ein Stück Land entrissen und bezeichnet das als rechtens. Es hat einen Krieg in der Ost-Ukraine angezettelt und leugnet das. Es finanziert Rechtspopulisten in Europa und streitet das ab. Es überzieht die EU mit Fake-News-Kampagnen und behauptet das Gegenteil.

Angesichts dessen darf sich Präsident Wladimir Putin nicht wundern, wenn "Sapat", bei dem in der Vergangenheit schon mal ein Nuklearangriff auf Warschau simuliert wurde, die Nachbarn ein wenig nervös macht. Wahrscheinlich ist das sogar genau das Ziel des Kreml-Herrschers, der sich nach nichts mehr sehnt, als dass der Westen ihn und sein Land nie wieder kleinreden möge.

Bei den Europäern wächst das Misstrauen

Mit der Großübung pumpt Putin sich und das russische Selbstvertrauen auf. Er nimmt dafür in Kauf, dass es ihm künftig schwerer fallen dürfte, sich glaubhaft über angebliche Kriegsspiele der NATO an der russischen Grenze zu beklagen. Vor allem aber bewirkt er mit "Sapat" eins: dass bei den Europäern das Misstrauen wächst. Und das ist für beide Seiten gefährlich.

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Showdown in "Weischnoria"

Russland und Weißrussland haben eine Militärübung an den Grenzen zu Polen und Litauen begonnen. Die Debatte darüber zeigt, wie groß das Misstrauen zwischen Russland und der NATO ist. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 14.09.2017 | 20:50 Uhr