Stand: 16.11.2015 16:58 Uhr

Militärische Gewalt alleine ist keine Lösung

Zwei Handvoll Kriminelle, die das wahllose Töten von Zivilisten als religiös verlangte Heldentat verstehen, schießen um sich und zünden Sprengstoff? Ist es nur besonders monströse Kriminalität, oder ist es Krieg, auch weil es im Ausland mitgeplant wurde, und weil die Organisation dahinter, die die Anschläge für sich reklamiert, in Syrien und im Irak auch Krieg führt, gegen Armeen und Zivilisten? Muss man die Terrororganisation "Islamischer Staat" dann also dort angreifen, die militärische Überlegenheit ausspielen, um die verletztliche offene Gesellschaft zu Hause zu schützen? Oder liefert man damit der nächsten Generation von Terroristen gleich ihre Motive?

Bild vergrößern
Den Terrorgruppen spielen ziellose militärische Gewalt und gescheiterte Aufbaubemühungen in die Hände, wie Christoph Heinzle meint.

Trauer und Wut nach den Gewaltakten in Paris sind allzu verständlich, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber terroristischer Willkür ist nachvollziehbar. Und auch der Drang, etwas unternehmen zu wollen, im "Krieg gegen den Terror" in die Gegenoffensive zu gehen. Deshalb lagen weitere Angriffe auf Stellungen des IS nahe.

Doch Wut und der Drang zur Vergeltung sind keine guten Ratgeber. Schließlich konnten die Luftangriffe der Anti-IS-Koalition seit mehr als einem Jahr die Terrorgruppe nur vereinzelt zurückdrängen. Eine Auge-um-Auge-Politik Frankreichs und seiner Verbündeten wird die Terrorgefahr nicht mindern, könnte Fanatismus eher schüren. Und ein bloßes militärisches Vorgehen wird Syrien dem Frieden und einer politischen Lösung nicht näher bringen.

Das zeigen die Beispiele Afghanistan und Irak. Die westlichen Bündnisse haben dort zur Bekämpfung Al Kaidas und der herrschenden Regime militärisch eingegriffen. Das hat an der Terrorgefahr für den Westen nichts geändert: Es folgten die Anschläge in London und Madrid. Die Taliban gruppierten sich neu im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Jetzt sind die selbst ernannten Gotteskrieger stark wie nie seit dem Sturz der Taliban-Regierung vor 14 Jahren. Und im Irak nutzten islamistische Terrorgruppen das politische und militärische Vakuum, aus dem schließlich der IS zum Eroberungsfeldzug aufbrach.

Im Irak wie in Afghanistan fehlten Strategien und Nachhaltigkeit beim Neuaufbau nach Saddam Hussein beziehungsweise den Taliban. Im Irak haben Schiiten die Macht übernommen, die Sunniten fühlen sich diskriminiert und bilden eine wichtige Basis für den IS. In Afghanistan hat die internationale Gemeinschaft ein wirklich demokratisches System mit neuen Kräften nicht gefördert, ließ alte Seilschaften um regionale Warlords unberührt. In beiden Ländern ist Korruption weit verbreitet, bleibt die wirtschaftliche Entwicklung hinter den Erwartungen zurück, sind Polizei und Armee dem Druck der Extremisten kaum gewachsen. Dennoch hat der Westen sein Engagement im Irak wie in Afghanistan reduziert - obwohl die Lage in beiden Staaten instabil war und ist.

Für den Kampf gegen den IS und das Ringen um eine Zukunft Syriens sollte die Politik daraus Lehren ziehen: Interventionen sind nur sinnvoll, wenn auch Ziele definiert werden. Und solange sie nicht erfüllt sind, sollte der Westen auch bereit sein, sich weiter dort zu engagieren statt vorzeitig abzuziehen. Und es müssen positive, in die Zukunft gerichtete Ziele gesetzt werden. Dabei darf es nicht nur um die Zerstörung eines alten Regimes und um die Bekämpfung von Extremisten gehen. Denn den Terrorgruppen spielen ziellose militärische Gewalt und gescheiterte Aufbaubemühungen in die Hände.

Links
Link

IS-Terrorist Abaaoud tot

Der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, ist der französischen Staatsanwaltschaft zufolge bei dem Einsatz in Saint-Denis getötet worden. Mehr bei tagesschau.de. extern

Link

Terror in Paris: Frankreich will EU-Hilfe

Nach den Anschlägen in Paris will Frankreich heute offiziell EU-Hilfe anfordern. Die Fahndung nach mutmaßlichen Attentätern geht weiter. tagesschau.de berichtet über die jüngsten Entwicklungen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 16.11.2015 | 17:08 Uhr