Stand: 27.11.2017 17:08 Uhr

"Das ist für Mensch und Umwelt Gift"

Landwirte in der Europäischen Union dürfen den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat weitere fünf Jahre verwenden. Die EU-Staaten haben am Montag dafür gestimmt, die Zulassung für die Chemikalie zu verlängern. Glyphosat steht seit langer Zeit in der Kritik. Einige Wissenschaftler halten den Unkrautvernichter für krebserregend, andere hingegen für ungefährlich. 18 EU-Länder stimmten für und neun gegen die Neuzulassung, ein Land enthielt sich. Deutschland hat sich in der Abstimmung für die Verlängerung der Lizenz ausgesprochen.

Ein Kommentar von NDR Info-Redakteurin Claudia Plaß

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NDR Info-Redakteurin Claudia Plaß bezeichnet die Neuzulassung des Unkrautvernichters Glyphosat als einen faulen Kompromiss.

Was für ein monatelanges Gezerre um Glyphosat! An dessen Ende steht nun ein fauler Kompromiss. Zehn weitere Jahre für den Unkrautvernichter wollten die einen, andere nur drei. Für ein Auslaufen lassen oder gar ein Verbot gab es keine Mehrheiten, vielleicht auch, weil die Industrie mit Klagen gedroht hatte. Nun also fünf weitere Jahre. Chemiekonzerne und Vertreter vor allem der industriellen Landwirtschaft können aufatmen, für Mensch und Umwelt ist diese Entscheidung Gift. 

Da wächst buchstäblich kein Kraut mehr

Als Verbraucher fragt man sich: Ist den Politikern in Brüssel eigentlich die Gesundheit der Bürger egal? Schließlich hat die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft. Aufsichtsbehörden in der EU und in Deutschland sehen zwar keine Belege für ein solches Risiko, trotzdem: Solange nicht das Gegenteil bewiesen wird, sollte man eine Neuzulassung nicht in Erwägung ziehen. Das nennt man auch Vorsorgeprinzip. Auch für die Umwelt ist die heutige Entscheidung eine schlechte Nachricht. Überall dort, wo Glyphosat gespritzt wird - und das ist vor allem in der Landwirtschaft der Fall - wächst eine Zeit lang buchstäblich kein Kraut mehr. Zwar befreit es Ackerflächen von Unkraut. Insekten und Vögeln aber wird die Nahrungsgrundlage entzogen.  

Bundesregierung ist sich nicht einig

Auch wenn die Krebsgefahr nicht eindeutig erwiesen ist: Glyphosat ist längst zu einem Symbol dafür geworden, was wir unserem Ökosystem zumuten, und das ist das Erstaunliche an dem zähen Ringen in Brüssel.  In Deutschland stritten Bauern und Umweltschützer, nicht zuletzt gerieten Landwirtschafts- und Umweltministerium in Zwist über die Gesundheitsrisiken von Glyphosat. Deutschland hatte sich im Zulassungsprozess deswegen mehrfach enthalten. Nun stimmte der Verteter des Landwirtschaftsministeriums mit ja, aus dem Umweltministerium kam prompt Kritik – ganz nebenbei kein gutes Zeichen für eine mögliche künftige Große Koalition.

Debatte über Giftstoffe in Lebensmitteln

Wie viel Gift enthält unser Essen, welche Verantwortung trägt die industrielle Landwirtschaft? Die Diskussion darüber hat längst  an Fahrt aufgenommen. Der Streit um Glyphosat hat dazu seinen Teil beigetragen und wird auch mit dem heutigen Tag nicht aufhören. Und das ist wiederum die gute Nachricht.

Unwürdiges Gezerre über Neuzulassung

Eine europäische Bürgerinitiative hat innerhalb kurzer Zeit mehr als 1.300.000 Unterschriften zum Stop von Glyphosat gesammelt.  Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht. Aber es muss jetzt darum gehen, weiter auf die Gefahren von Pflanzenschutzmitteln aufmerksam zu machen. Wie groß die Gefahren sind, hat erst jüngst eine Langzeitstudie über den drastischen Insektenschwund innerhalb der letzten Jahre gezeigt. Eine Ursache: Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Hinter diese Diskussion können auch die EU-Staaten nicht zurück. Was nun folgen muss, ist eine Diskussion über Alternativen. Wie können Landwirte ihre Äcker bearbeiten, ohne Glyphosat und andere giftige Pestizide? Die Politik muss sich darauf konzentrieren, Antworten auf diese Fragen zu finden, anstatt ein unwürdiges Gezerre über die Neuzulassung von Glyphosat zu veranstalten.

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NDR Info | Kommentare | 27.11.2017 | 17:08 Uhr

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