Sendedatum: 29.12.2015 18:35 Uhr

Iran: Rechnung geht auf - vor allem für Obama

Der Iran hat mehrere Tonnen schwach angereicherten Urans nach Russland verschifft und damit einen wichtigen Teil seiner Verpflichtungen aus dem Atomabkommen erfüllt. Die iranische Atomenergiebehörde erklärte dazu am Dienstag, damit stehe das endgültige Inkraftsetzen des Abkommens kurz bevor. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein US-Kollege John Kerry lobten die Ausfuhr der Uran-Bestände als "wichtigen Schritt". Teheran bekam im Gegenzug mehrere Tonnen natürlichen Urans für die künftige Energieproduktion.

Ein Kommentar von Antje Passenheim, WDR / Washington

Die Rechnung geht auf. Der Vertrauensbonus für den Iran zahlt sich aus. Vor allem für denjenigen, der für den Atom-Deal bei sich Zuhause die größte Schelte bezogen hat: US-Präsident Obama. Der wichtige Schritt zum Vollzug des Abkommens ist gerade für ihn ein großer Sieg. Nicht nur, weil dem Iran vorerst der Weg zur Atombombe gekappt wurde. Nein: Der Fortschritt mit Teheran zeigt: Obama hat erfolgreich den Rückwärtsgang eingelegt. Weg nämlich vom verheerenden militärischen Kurs, den seine Vorgänger nach den Anschlägen des 11. September 2001 eingeschlagen haben. Der Erfolg des Iran-Abkommens ist für Obama der beste Beweis dafür: Gefahren können in der Regel besser durch Diplomatie eingedämmt werden - denn durch Bomben.

Obama war angetreten, um gerade dies zu beweisen. Um den Scherbenhaufen zu kitten, den sein Vorgänger George W. Bush mit seinem Team von Kriegstreibern hinterlassen hat. Statt auf militärische Alleingänge setzte er auf multinationale Diplomatie. Statt Machtkurs heißt sein Credo: Verantwortung teilen mit internationalen Partnern. Der Iran-Deal ist dafür ein Vorzeigeprodukt. Obama hat stets betont: Es reicht nicht, Kriege zu beenden. Wir müssen auch gegen die Einstellung kämpfen, die uns in diese Kriege geführt hat.

Das bringt Obama viel Hohn ein: Seine Gegner beschimpfen ihn als Zauderer. Der Amerika der Welt als Schwächling vorführt. Doch Obamas Kurs ist wohltuend in einer politischen Kultur, in der seine republikanischen Möchtegern-Nachfolger nichts anderes tun, als auf der Klaviatur der Ängste zu spielen. Und sich im Angesicht der Bedrohung durch radikale Islamisten mit Ideen überbieten, wie sie die Welt in Schutt und Asche legen wollen.

Hier geht es um Krieg oder Frieden - sagte Obama mit Blick auf den Iran. Und unterbrach die 36 Jahre währende Sprachlosigkeit zwischen beiden Ländern. Ohne Teheran wird die Befriedung Syriens in noch weitere Ferne rücken. Obama war bereit, den amerikanischen Paria ins Boot zu nehmen. Und dafür alte Allianzen hinten anzustellen. Der sunnitische Traditionspartner Saudi Arabien empfindet den Flirt mit dem verhassten schiitischen Nachbarland als Ehebruch. Das nahm Obama in Kauf. Und auch, dass die enge Beziehung mit Israel an den Iran-Verhandlungen fast völlig zerbrach.

Nun steht der Lohn aus: Teheran macht Ernst. Das hat es mit der Verschiffung seines angereicherten Urans nach Russland gezeigt. Die Sanktionsschranken können fallen. Wie die Europäer werden auch die Amerikaner davon profitieren. Schon längst laufen sich Öl- und Autoindustrie warm. Sie können enorm gewinnen am Deal mit dem Iran. Der mit knapp 80 Millionen Menschen der größte Konsumentenmarkt im Nahen Osten ist. Business as usual ist noch Zukunftsmusik. Doch Obama hat die Geschichte auf seiner Seite. Der Rückwärtsgang nach vorn: Er ist eingelegt. Der eigentliche Sieg wäre nun, wenn die Kurskorrektur auch gesellschaftlich anerkannt würde.

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NDR Info | Kommentare | 29.12.2015 | 18:35 Uhr