Sendedatum: 07.01.2016 18:30 Uhr

Frankreich ist zutiefst verunsichert

Mit dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" begann am 7. Januar 2015 eine Serie von Terrorattacken in Paris. An vier Orten starben dabei 17 unschuldige Menschen. Frankreich ist seit einem Jahr ein Land im Ausnahmezustand.

Ein Kommentar von Andreas Teska, Korrespondent in Paris

Bild vergrößern
Paris-Korrespondent Andreas Teska sieht in Frankreich die Grundrechte in Gefahr.

Fast hat es den Anschein als wäre Frankreich zurückgekehrt zur Normalität. Die Franzosen drängeln sich im Schlussverkauf, der einzigen Periode im Jahr, in der die Preise halbwegs erträglich sind. Die Fußballfans freuen sich, dass Zinedine Zidane, der beste französische Fußballer aller Zeiten, mit Real Madrid den wichtigsten Verein der Welt trainiert. Und die Politiker beschäftigen sich mit ihrem Lieblingsthema, mit sich selbst und ihren immerwährenden Machtkämpfen um den Elysée. Alles wie immer, alles normal, fast.

Bis auf die Militärs, die im Schlussverkauf mit Maschinenpistolen patrouillieren, bis auf den gestürzten Nationalhelden Platini, den Zidane zum Glück aus den Schlagzeilen verdrängt hat, und bis auf die stetig wachsende Zahl an Bürgern, die jegliches Vertrauen verloren haben in die politische Klasse des Landes.

Frankreich in der Krise

Zwei Anschläge binnen eines Jahres, im Januar bei "Charlie Hebdo", im November auf der Partymeile, das hält kein Land aus, schon gar keines, das mit sich selbst nicht im Reinen ist. Frankreich ist zutiefst verunsichert, das Land steckt in einer Dauerkrise, die durch die Terroranschläge nur noch verschärft worden ist.

Der naive Glaube ist verflogen, dass sich die Spannungen und Brüche in der französischen Gesellschaft heilen ließen, wenn sich nur alle hinter der Parole "Je suis Charlie" versammeln. Der Akt des kollektiven Aufbegehrens im Januar als Reaktion auf den Terror war ebenso beeindruckend wie folgenlos. Nach den Anschlägen im November reichte es noch für eine symbolträchtige Sitzung beider Parlamentskammern im Schloss von Versailles, eine zugegeben grandiose Inszenierung, aber eben nicht mehr als Fassade.

Mehr Zuspruch für den Front National

Im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit überbieten sich die Parteien mit immer radikaleren Vorschlägen. Der Front National marschiert voran, die Konservativen von Nicolas Sarkozy hecheln hinterher, und die linke Regierung versucht, Anschluss zu halten, ohne Rücksicht auf einst heilige Grundsätze. Seit Tagen wird im Vaterland der Menschenrechte allen Ernstes erregt darüber debattiert, Terroristen die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, selbst wenn die dadurch staatenlos würden. Und die Regierung bereitet ein Anti-Terror-Gesetz vor, das Polizei und Strafverfolger von allerlei Beschränkungen befreit. Der vor 20 Jahren verstorbene Präsident Mitterand hatte die Verfassung der 5. Republik einst als permanenten Staatsstreich kritisiert, jetzt sind ausgerechnet seine politischen Enkel dabei, den derzeit geltenden Ausnahmezustand zum Normalzustand zu machen.

Frankreich befindet sich im Krieg, so formuliert es Präsident Hollande und erntet dafür die höchsten Zustimmungswerte seiner Amtszeit. Im Kampf gegen den Terror heiligt der Zweck die Mittel. Ein ganzes Land rückt kollektiv nach rechts. Vielleicht ist das ja sogar normal angesichts der barbarischen Anschläge. Keiner sollte glauben, in Deutschland wäre das anders nach so einem Jahr. Beunruhigend bleibt es trotzdem.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 07.01.2016 | 18:30 Uhr